Ein clasico im Viertelfinale der Champions League vor 91.500 Fans im Camp Nou war im März der letzte Beweis: An den Spanierinnen führt kein Weg vorbei. Die Frauensektionen der großen Männerklubs sind mittlerweile alle professionell ausgestattet und in der ersten Liga vertreten. Im Nationalteam hat Jorge Vilda, der frühere U19-Teamchef, moderne Methoden eingeführt. 2015 hatte eine Revolte der Spielerinnen seinen Vorgänger Ignacio Quereda aus dem Amt gefegt. Über die zahlreichen chauvinistischen Entgleisungen des langjährigen Teamchefs ist inzwischen ein Buch erschienen.
Schlecht zu sehen
In der Liga werden bereits Titel gewonnen: Alexia Putellas vom FC Barcelona wurde 2021 mit dem Ballon d’Or ausgezeichnet, ihr Klub gewann vergangenes Jahr die Champions League und erreichte heuer das Finale. Doch dem Nationalteam fehlt der große Erfolg noch. Ist es heuer so weit? Bei einem Sponsorentermin im Februar zeigten sich Lola Gallardo und Sheila Garcia von Atletico Madrid optimistisch. Sie gaben den EM-Titel als Ziel aus. Setzt man sich damit nicht unnötigem Druck aus? Die Journalistin Beatriz de Luzio vom staatlichen Radiosender RNE hält die Zeit für reif. „Ich sehe das nicht als Druck, der spanische Frauenfußball ist gerade in seiner besten Phase“, sagt sie dem ballesterer. „Das Nationalteam hat 2021 alle zwölf Spiele gewonnen. Diese EM ist das große Ziel für eine Mannschaft, die bewiesen hat, dass sie mit den großen Teams auf Augenhöhe ist.“
Letzte Mankos wurden beseitigt, vor allem im physischen Bereich. Aber zeigt das Team das typische tiki-taka, mit dem Barcelona bis auf Finalgegner Olympique Lyon in der Champions League alle Gegnerinnen schwindlig spielte? „Man könnte das schon so nennen, aber sie sind noch dabei, den Stil zu entwickeln. Jorge Vilda ist ja schon seit 2010 im Umfeld des Teams tätig“, sagt de Luzio. „Er kennt die Spielerinnen sehr gut und gibt dem Nachwuchs eine Chance. Man spielt nicht immer mit der gleichen Formation, nur Alexia Putellas ist gesetzt.“ De Luzio brennt darauf, von der EM zu berichten. „Alle spanischen Spiele werden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen – und natürlich auch bei uns im Radio.“
Somit wäre für das Nationalteam schon ein Hindernis aus dem Weg geräumt, an dem der Ligafußball noch immer krankt: mangelnde Sichtbarkeit. Damit hat selbst Putellas so ihre Probleme, wie sie letztes Jahr der Zeitung El Pais sagte. „Manche Nachwuchspartien der Männer werden zwei Wochen lang im Fernsehen angekündigt. Um Spiele der Frauen zu sehen, muss man erst recherchieren, wie und wo sie übertragen werden. Das passiert sogar mir, wenn ich die Matches meiner Kolleginnen verfolgen möchte, aber es nicht schaffe, weil unklare Infos kursieren.“
Schuld ist nicht nur die chronische Feindschaft zwischen Fußballverband und Liga. Auch innerhalb der Klubs der Primera Division herrscht Uneinigkeit, wie man die Übertragungsrechte verwerten soll. Die großen Teams sind der Meinung, selbst am meisten herausholen zu können, kleinere Vereine erwarten sich durch eine zentrale Vermarktung eine gerechtere Verteilung der Einnahmen. Also wie bei den Männern, nur mit weit weniger Geld im Spiel.
Keine Favoritinnen
Daran ändern auch einzelne Rekordkulissen wenig, wie Beatriz de Luzio sagt. „Die Spielerinnen verdienen ja nicht mehr, nur weil einzelne Partien von mehr Leuten gesehen werden. Durch die bessere Sichtbarkeit in den Stadien wird lediglich mehr Interesse geweckt, was zu mehr Übertragungen und besseren Abkommen führen kann.“ Einen professionellen Spielbetrieb können sich weiterhin nur die Teams leisten, die auf die Infrastruktur der Männer zurückgreifen. Das reicht gerade, um den Kader des Nationalteams aus der heimischen Liga zu füllen. Der Anteil der Legionärinnen sinkt beständig, heuer befindet sich im vorläufigen Aufgebot mit Ona Batlle von Manchester United nur eine Spielerin, die im Ausland aktiv ist. Darunter wird die Luft jedoch schon dünn. So war die überraschend einberufene Salma Paralluelo von Villarreal kurz davor, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen, um sich ganz auf ihr zweites Standbein Leichtathletik zu konzentrieren. Statt bei 400-Meter-Hürdenläufen über die Tartanbahn zu jagen, wird sie ihre Kilometer am Rasen auf der Außenbahn abspulen.
Jorge Vilda wird seinen vorläufigen Kader auf 23 Spielerinnen kondensieren müssen, im Sinne einer stärkeren Betonung der Physis sind die Chancen für Paralluelo jedoch intakt. „Sie ist enorm schnell und kann auf beiden Seiten spielen, damit kann sie viel in unser Spiel einbringen“, hat der Trainer der Tageszeitung Marca zu ihrer Einberufung gesagt. Von einer Favoritenrolle Spaniens will Vilda aber nichts wissen. „Es haben sich gewaltige Erwartungen aufgebaut, das ist nicht gut. Wir wollen natürlich so weit wie möglich kommen und ja, wir können gegen jedes Team gewinnen. Aber im FIFA-Ranking sind noch einige Länder vor uns.“ Wie etwa Vorrundengegner Deutschland.
Für Radiojournalistin de Luzio sind die Deutschen die Angstgegnerinnen. „Gegen die Titelverteidigerinnen aus den Niederlanden hat Spanien die letzten drei Duelle gewonnen, aber die Deutschen haben wir noch nie geschlagen“, sagt sie. Von einer günstigen Auslosung könne man daher nicht sprechen. „In den anderen Gruppen gibt es klare Favoritinnen, aber die Gruppe B wird hart umkämpft sein.“ Neben Deutschland warten die Vizeeuropameisterinnen aus Dänemark und Finnland. Vielleicht reicht es diesmal dennoch für den EM-Titel. Es kann nicht immer nur aufwärts gehen, irgendwann ist man oben angekommen.