Es sind sieben bange Minuten des Wartens. Der FC Andorra hat zum Saisonabschluss gerade gegen UCAM Murcia gewonnen, doch niemand verlässt an diesem 21. Mai 2022 das Stadion. Stattdessen lauschen die Fans über Kopfhörer dem Radio, auf dem Platz stehen die Spieler Schulter an Schulter, sie bilden einen Kreis und starren auf ein Handy. Dort verfolgen sie das Parallelspiel, hoffen, dass Villareal B kein Tor mehr schießt. Als die Partie nach diesen langen sieben Minuten abgepfiffen wird, färbt sich das Estadi Nacional vor der Kulisse der Pyrenäen blau, gelb und rot – die Farben des FC Andorra. Spieler, Fans und Verantwortliche liegen sich in den Armen und feiern den Aufstieg in die zweite spanische Liga. „Som de Segona!“, hallt es durch das Stadion, „Wir sind in der Segunda Division.“
Dass der Klub aus dem Fürstentum Andorra dort überhaupt spielen darf, verdankt er einer Sonderregelung. Als der FC Andorra 1942 gegründet wurde, gab es nämlich weder einen andorranischen Fußballverband noch eine Liga. Der Klub musste sich nach anderen Optionen umsehen, er wurde in das spanische Ligasystem eingegliedert. Als 1994 doch ein nationaler Verband gegründet wurde, blieb der Klub, wo er war. Bis heute ist er der einzige Fußballverein aus dem Ausland, der in Spanien spielt.
STADT OHNE LIGA
Der FC Andorra begann 1942 in der katalanischen Regionalliga und spielte später 17 Saisonen in der dritten Liga. Der Gewinn der Copa Catalunya im Jahr 1994 markierte das Ende der erfolgreichsten Etappe, danach ging es Spielklasse um Spielklasse bergab, ehe er in der siebten Liga landete. 2008 stand der Klub aufgrund finanzieller Schwierigkeiten sogar kurz vor dem Aus, erholte sich aber langsam und kehrte schließlich in die fünftklassige katalanische Regionalliga zurück. Ende 2018 stieg mit Barcelona-Profi Gerard Pique ein neuer Geldgeber ein. Er und seine Firma Kosmos tilgten die Schulden und riefen ambitionierte Ziele aus.
Seitdem setzt der Verein auf Professionalität im sportlichen Bereich. Wo einst Fitnessräume und Trainingsplätze fehlten und das Team aus Amateuren und einem Trainerduo bestand, hat der FC Andorra heute ein 15-köpfiges Team aus Ernährungsspezialisten, Physiotherapeuten und Spielanalytikern. „Wir sind weder ein Verein mit einem großen Stadion noch haben wir eine große Fangemeinde“, sagt Klubpräsident Ferran Vilaseca dem ballesterer. „Aber wir versuchen, den Spielern ein Maximum an Komfort zu bieten, damit sie sich hier weiterentwickeln können.“
Dass der FC Andorra nun erstmals in der zweiten Liga antritt, kann man als Fußballmärchen bezeichnen. Innerhalb von nur vier Saisonen stieg der Verein dreimal auf und trifft nun auf Klubs wie Malaga, Las Palmas und Levante. Was der Aufstieg bedeutet, zeigte Trainer Eder Sarabia, als er einen Wetteinsatz einlöste und innerhalb von drei Tagen vom Estadi Nacional die 602 Kilometer bis zum Estadio San Mames in Bilbao radelte. Vor seiner Verpflichtung beim FC Andorra war Sarabia Co-Trainer von Quique Setien bei Las Palmas, Betis und Barcelona.
BARCELONA C
Während man beim FC Andorra kaum andorranische Spieler findet, taucht der FC Barcelona mehrmals auf – nicht nur, weil Pique und der frühere Kapitän Carles Puyol manchmal auf der Tribüne zu entdecken sind. Der Kader ist von Spielern aus den Nachwuchsabteilungen von Barcelona geprägt, sieben Spieler haben zumindest eine Zeitlang dort gespielt. Darunter Adria Vilanova, Sohn des früheren Trainers Tito, und Marti Riverola, der 2015 kurz in Altach spielte. In Zukunft möchte der FC Andorra aber auch auf Spieler aus dem näheren Nachwuchs setzen und hat dafür eine Kooperation mit dem Club Gimnastic de Manresa gestartet.
„Andorra ist ein kleines Land, aber gleichzeitig sehr groß“, sagt Alex Ojaos, Mitglied der Fangruppe „Squadra Carlemany“. Er bezieht sich dabei nicht nur auf das, was das Fürstentum landschaftlich zu bieten hat, sondern auch auf die Fankultur des FC Andorra. Etwa 1.000 Mitglieder zählte der Verein vor Ausbruch der Coronapandemie, die „Squadra Carlemany“ wuchs seit der Gründung 2019 immerhin von zehn auf 30 Mitglieder an. Die Fangruppe lebt den Fußball möglichst laut und in Bewegung. An Spieltagen trifft sie sich schon Stunden vor dem Anpfiff, um gemeinsam zu essen, zu singen und über Fußball zu diskutieren. „Viele sind wegen dieser Treffen dabei, nicht wegen des Fußballs. Vor dem Spiel redet jeder mit jedem, auch mit den Fans der anderen Teams. In Andorra sind alle Fangruppen willkommen“, sagt Ojaos, der mit 20 Jahren eines der jüngsten Mitglieder der „Squadra Carlemany“ ist. Die Atmosphäre in Andorra ist familiär. Wenn sich Fans und Funktionäre auf der Straße treffen, begrüßt man sich. Bei Auswärtsspielen ist die Reise an sich ein Highlight, mit den Fangruppen der Gegner tauschen die Anhänger Trikots und Schals.
VORBILD MONACO
Im Klub ist man stolz auf die Fans und nennt den FC Andorra den einzigen Verein der Liga, hinter dem ein ganzes Land stehe. Man wolle einen Beitrag leisten, um Andorra über die Grenzen hinaus bekanntzumachen. „Der FC Andorra ist der älteste Sportverein des Landes. Er hat Tradition und erfährt von den Einwohnern Andorras eine besondere Zuneigung“, sagt Ivan Moure, Journalist und Pressesprecher des Andorranischen Fußballverbands. „Jetzt wird der Fußball in der zweiten Liga noch attraktiver, das wird noch mehr Leute begeistern.“
In die neue Saison startet der FC Andorra mit drei Auswärtsspielen, auch weil das Estadi Nacional in Andorra la Vella noch umgebaut werden muss, um die Auflagen der Liga zu erfüllen. Erst 2021 zog der Klub in das 3.600 Zuschauer fassende Nationalstadion, das er sich mit den Nationalmannschaften im Fußball und Rugby, dem Rugbyteam VPC Andorra XV sowie einer Schule teilen musste. Davor trug der FC Andorra seine Heimspiele im Stadion Prada de Moles in Encamp aus. In den nächsten Jahren soll das Platzproblem mit dem Bau eines eigenen Stadions endgültig geklärt werden. Bis dahin hat sich der FC Andorra die exklusiven Nutzungsrechte für das Estadi Nacional für die beiden kommenden Saisonen gesichert, die Spiele der Nationalteams sollen dort aber weiterhin stattfinden können.
Im Verein und bei den Fans ist man sich einig: Das kurzfristige Ziel ist der Klassenerhalt. Aber das bedeutet nicht, dass man nicht träumen darf. „Wenn du mich fragst, wo ich den FC Andorra in einem Jahr sehen will, dann sage ich: in der Primera Division“, sagt Fan Ojaos. Und dann wäre da noch das Versprechen von Gerard Pique, aus dem FC Andorra die AS Monaco Spaniens zu machen. Eines Tages soll also die Champions-League-Hymne in Andorra erklingen.