Wer dieses Buch liest, versteht das moderne Fußballgeschäft. Der ehemalige Werder-Spieler und -Funktionär Marco Bode und der Autor Dietrich Schulze-Marmeling schreiben in „Tradition schießt keine Tore“ über all die Themen, die Klubs und ihre Fans derzeit bewegen – von den Finanzen über den VAR bis hin zur richtigen Teamzusammenstellung. Für einigermaßen gut informierte Leser ist das aber nicht viel mehr als ein Überblick. An Substanz gewinnt das Buch dort, wo die Autoren eine Zukunftsstrategie für deutsche Traditionsklubs anregen. Erfrischend ist vor allem der Gedanke, dass sie sich nicht immer Richtung Titel und internationaler Wettbewerb orientieren sollten. Stattdessen könnten der SV Werder, der VfB Stuttgart und Co. Werte wie Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung und Fannähe befördern.
Einige Passagen des Buchs sind als Dialog geschrieben. So soll man sich in die stundenlangen Diskussionen der beiden Autoren im Weserstadion hineinversetzen können. Die Dialoge dienen aber eher als Stilmittel zur Auflockerung denn als inhaltliches Streitgespräch. Bode und Schulze-Marmeling sind sich fast immer einig. Die beiden lassen ihre Meinung häufig einfließen, sie bringen Ideen zur Verbesserung der Handsregel und der Verteilung der TV-Gelder ein. Besondere Einblicke zu den Entscheidungen während Bodes Zeit als Werder-Aufsichtsratsmitglied sollte man sich hingegen nicht erwarten.
ballesterer: Wieso wollten Sie mit Dietrich Schulze-Marmeling ein Buch schreiben?
Marco Bode: Dietrich und ich kennen uns schon aus den 1990er Jahren, als er mich einmal für eines seiner Buchprojekte interviewt hat. In meiner Rolle als Aufsichtsrat bei Werder ist er mir dann gerade in den zwei Jahren mit Corona und sportlicher Krise als sachlicher, unaufgeregter Kommentator aufgefallen. Wir teilen eine Liebe zum Fußball, aber auch einen kritischen Blick. So bin ich auf ihn zugegangen – als der Werder-Abstieg noch gar kein Thema war.
Das Buch birgt für gut informierte Fans keine großen Überraschungen. Wer ist die Zielgruppe?
Ich hoffe doch, dass auch gut informierte Fans neue Gedanken entdecken werden oder mindestens auch neue Perspektiven und Zusammenhänge. Und man hat hoffentlich nicht fünf weitere Bücher im Kopf, die einen solchen Überblick in ähnlicher Weise geben. Außerdem stellen wir den Fußball auch in andere Kontexte, zum Beispiel durch psychologische Aspekte der Entscheidungsbewertung.
Sie entwickeln im Buch Vorschläge für das strategische Verhalten von Traditionsklubs. Warum?
Wir haben doch alle gerade das Gefühl, dass wir auf den Fußball aufpassen müssen. Wir wollten aber nicht nur kritisieren, sondern konstruktive Vorschläge machen, ohne zu behaupten, dass wir die einfache Lösung hätten. Wir wollen einen Ausweg für Traditionsklubs darstellen, die nicht mehr um Titel mitspielen können. Sie können den Fußball aber immer noch positiv für die Gesellschaft nutzen, indem sie Identifikation und Erlebnisse für die Fans schaffen.
Sie beschreiben auch, wie Emotionen und das Klubumfeld Entscheidungen beeinflussen können. Wann haben Sie sich am stärksten beeinflussen lassen?
Wahrscheinlich bei der Trennung von Florian Kohfeldt vor dem letzten Spiel der Abstiegssaison. Ich habe zwar nicht gegen meine Überzeugung gehandelt, in solchen Situationen verschwimmt aber die eigene Überzeugung mit dem Druck von außen ein wenig. Ich war in diesen Wochen ein Stück weit unsicher, was das Richtige ist. Normalerweise ist es Unsinn, einen Trainer vor dem letzten Spiel auszutauschen. Wir sind aber zu dem Ergebnis gekommen, dass es sowieso schwierig gewesen wäre, in der Folgesaison mit Florian weiterzumachen.