ÖFB-Generalsekretär Thomas Hollerer begrüßt die Diskussionen um die WM in Katar, von einem Boykott hält er aber nichts. Ein Gespräch über nachhaltige Verbesserungen, europäische Sichtweisen und universelle Rechte.
„Sport kann gesellschaftlich viel bewegen.“ Thomas Hollerer betont beim ballesterer-Interview in der Geschäftsstelle des ÖFB im Ernst-Happel-Stadion immer wieder die soziale Verantwortung des Fußballs. Jeder könne im Kampf gegen Diskriminierung und für universelle Rechte etwas beitragen, sagt der ÖFB-Generalsekretär. Und es brauche Dialoge und Allianzen. „Am Ende sind wir ein Sportverband, nicht das Außenministerium oder die Bundesregierung.“
ballesterer: Werden Sie die WM verfolgen? Thomas Hollerer: Ja. Ich bin schon sehr gespannt. Es wird wahrscheinlich die einzige WM, die man am Christkindlmarkt im Public Viewing verfolgen kann.
Werden Sie auch nach Katar fliegen?
Möglicherweise. Aber überwiegend werde ich die WM von hier verfolgen. So wie die allermeisten anderen, weil wir uns leider nicht qualifiziert haben.
Hat sich der ÖFB dadurch viel öffentliche Diskussion über eine Haltung zu Katar erspart?
Wir wären so froh gewesen, wenn wir nach über 20 Jahren wieder einmal bei einer WM gewesen wären, dass wir diese Diskussionen gerne weitergeführt hätten. Das sind ja auch ganz wichtige Fragen: Wofür stehen wir? Welche Werte verkörpern wir? Welche gesellschaftlichen Ansätze verfolgen wir?
Unterscheidet sich diese WM von anderen?
Ja, es ist eine ganz besondere. Es ist die erste auf der Arabischen Halbinsel, die erste während des europäischen Herbsts, die erste mit sehr kurzen Distanzen – und es ist die erste, bei der wir eine allgemeine Wertediskussion führen.
Welche Rolle nimmt der ÖFB darin ein? Im März 2021 hat das Nationalteam ein Transparent mit der Aufschrift „Menschenrechte schützen“ gezeigt. Wie war die Resonanz?
Wir haben durch die Bank positive Reaktionen bekommen. Wenn wir als Verband eine gesellschaftliche Position beanspruchen, müssen wir für Werte wie Toleranz und Menschenrechte eintreten.
Standpunkte vertreten – Thomas Hollerer fordert einen Wertekatalog als Vergabekriterium
Die Aussage war ja ein bisschen vage. Die meisten haben sie wahrscheinlich als Kritik an Katar gelesen. Ist sie auch für etwas Breiteres gestanden, also zum Beispiel gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in Zelten?
Diese Werte sind universell. Menschenrechte müssen gelten, egal ob da oder dort. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es in Europa mit vielen Rückschlägen 250 Jahre gedauert hat, diesen Wertekanon zu entwickeln. Und es gibt Länder, in denen der Transformationsprozess erst seit 25 Jahren läuft. Es ist immer schwer, wenn du einer Gesellschaft einen Wertekodex überstülpen möchtest, ohne lokale Besonderheiten zu betrachten. Das heißt aber nicht, dass man Probleme nicht aufzeigen soll. Es ist wichtig, die Stimme zu erheben. Wir haben uns auch schon vor dem Play-off mit Amnesty International ausgetauscht, mit der katarischen Botschaft in Wien, mit der österreichischen in Doha und mit staatlichen Stellen.
Wie sind die Gespräche mit Amnesty International gelaufen?
Beim ersten Termin haben wir gesagt, dass wir gerne gemeinsam etwas auf die Beine stellen würden. Aber auch, dass wir nicht eineinhalb Jahre vor der WM einen Boykott fordern, sondern darüber nachdenken wollen, wie wir die Lebenssituation der Leute vor Ort nachhaltig verbessern können. Ich habe schon befürchtet, dass sie aufstehen und sagen: „Es tut uns leid, aber das geht nicht. Ihr müsst boykottieren.“ Aber die Chefin von Amnesty Österreich hat mir gesagt, dass sie das genauso sehe. Wir waren dann immer wieder in Kontakt. Ihr Zugang hat mich beeindruckt, also Verbesserungen durch Druck und Anreize zu bewirken.
Wie war der Austausch mit den Botschaften?
Das waren auch sehr positive Gespräche. Da sich das Nationalteam nicht qualifiziert hat, hat sich die Debatte ein bisschen zerstreut. Mein Eindruck wäre aber, dass sich in Katar Dinge positiv entwickelt haben.
Die FIFA argumentiert häufig, dass sich die Situation dank der WM verbessert habe. Führt dieses Argument zynisch weitergedacht nicht dazu, dass man Großereignisse immer an möglichst schlimme Länder vergeben müsste, um dort etwas zu bewegen?
Nein, gar nicht. Der richtige Weg wäre, dass man einen Wertekatalog als wesentliches Vergabekriterium aufnimmt. Das Internationale Olympische Komitee beginnt auch schon damit.
War es ein Fehler, die WM an Katar zu vergeben?
Das ist Geschichte. Wesentlich ist, was wir daraus lernen. Nämlich, dass diejenigen, die über solche Vergaben entscheiden, an einen Wertekatalog gebunden sind und nicht nach Gutdünken abstimmen. Wenn wir auf die Vergabe zurückblicken, habe ich den Überblick verloren, wie viele der damals stimmberechtigten Exekutivkomitee-Mitglieder mittlerweile entweder gesperrt, mit Strafverfahren belegt oder im Gefängnis sind.
„Auch wenn es in einzelnen Bereichen unterschiedliche Sichtweisen gibt, sollten wir für bestimmte universelle Grundrechte werben. Egal ob das jetzt in Asien, Amerika, Afrika, Australien oder Europa ist.“
Thomas Hollerer, ÖFB
Einige Verbände wie der DFB fordern jetzt die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für Gastarbeiter in Katar. Wird sich der ÖFB dieser Forderung anschließen?
Ja, natürlich. Genau solche Schritte sind ein konkretes Zeichen dafür, dass man am Schicksal der Personen Anteil nimmt, die für die WM beschäftigt waren. Und man zeigt damit, dass es nicht bloße Lippenbekenntnisse sind.
Hat der Fokus auf Menschenrechte das Selbstverständnis von Verbänden geändert? Nach dem Angriff auf die Ukraine hat die FIFA gehandelt und Russland suspendiert.
Ich denke schon, dass diese Dinge miteinander verbunden sind. An diesem Beispiel sieht man ja, wie man aus der Geschichte lernen kann. Das gilt auch für Österreich als Staat. Der würde heute andere Energielieferverträge abschließen. Gleichzeitig sieht man daran, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist, sondern manchmal grau. Katar ist ja das Land, um dessen Gasvorräte wir jetzt werben.
Vor vier Jahren hat es vergleichsweise wenig Kritik an WM-Ausrichter Russland gegeben, obwohl die Krim schon besetzt war und es im Osten der Ukraine Kämpfe gegeben hat. Heute ist zumindest in Europa die Kritik an Katar sehr laut. Ist dafür auch eine eurozentristische Sichtweise verantwortlich?
Es sind wahrscheinlich zwei Aspekte. Erstens hat sich die Gesellschaft seit 2018 weiterentwickelt, zweitens tendieren wir Europäer dazu, viele Dinge mit unserem Verständnis zu sehen. Aber auch wenn es in einzelnen Bereichen unterschiedliche Sichtweisen gibt, sollten wir für bestimmte universelle Grundrechte werben. Egal ob das jetzt in Asien, Amerika, Afrika, Australien oder Europa ist.
„Wie viele Demokratien europäischer Prägung gibt es unter den 211 Nationalverbänden der FIFA? Gehört da Brasilien unter Bolsonaro dazu? Da lässt sich so ein Schwarz-Weiß-Bogen nicht einfach drüberziehen.“
Thomas Hollerer, ÖFB
Manuela Zinsberger hat uns gesagt, dass sie sehr froh darüber war, dass sie nicht die Gewissenentscheidung treffen musste, ob sie nach Katar fährt. Hat es ähnliche Überlegungen bei den Männern gegeben?
Die persönliche Entscheidung jedes Sportlers und jeder Sportlerin ist immer zu respektieren. Ich glaube aber auch, dass es wichtig ist, dass sie ihren Beruf auf dem höchsten Niveau ausüben können. Viele haben in ihrer Karriere nie oder nur einmal die Chance, an einer WM teilzunehmen. Und sie können nichts dafür, wo die dann stattfindet – ob in Katar oder den USA. Das Turnier 2026 ist übrigens zu einem Zeitpunkt vergeben worden, als Donald Trump noch Präsident war.
Wäre das ein Problem für den Verband, wenn einzelne Spieler nicht fahren wollen?
Überhaupt nicht. Wir respektieren ihre Entscheidungen selbstverständlich. Die Frage ist halt schon, wie man sich entscheidet, wenn man dann wirklich in die Situation kommt. Wie viele Dänen fahren denn nicht? Wie viele Deutsche? Wie viele Franzosen? Das ist nachvollziehbar, die WM ist für sie der Karrierehöhepunkt.
Kommen wir vom Verband zum Allgemeineren: Katar hat einen Großteil seiner WM-Vorbereitung in Österreich absolviert. Ist das etwas Positives, weil es offenbar gute Infrastruktur gibt, oder etwas Negatives? Die Austria-Fans haben ja zum Beispiel dagegen protestiert, dass ihr Verein Geld aus Katar nimmt.
Zunächst einmal besteht kein Einreiseverbot oder dergleichen für katarische Staatsbürger. Aber es ist natürlich eine berechtigte Frage, wie man mit dieser Situation umgeht. Da gilt es abzuwägen: Einerseits ist es gut für Österreich, wenn sich Verbände hier vorbereiten – das hat ja nicht nur Katar gemacht.
Aber niemand war so lange hier.
Ja, aber es hat auch niemand die Meisterschaft derart auf die WM ausgerichtet. Vielleicht sollten wir die Fragestellung aber umdrehen: Möglicherweise hat die Vorbereitung von Katar in Österreich dazu beigetragen, hier einen Bewusstseinsbildungsprozess zu starten, für welche Werte wir stehen, obwohl wir nicht qualifiziert sind.
Das hat ebenfalls nichts direkt mit dem ÖFB zu tun, aber auch die WM-Vorbereitung des iranischen Verbands hat zu Diskussionen geführt, weil er bei einem Testspiel in Sankt Pölten keine Fans zulassen wollte.
Ob bei einem Spiel der Islamischen Republik Iran Zuschauer zugelassen werden, liegt nicht in unserem Bereich. Ich kann nur sagen, wie wir darauf reagieren würden, wenn uns zum Beispiel der iranische Verband ein Angebot für ein Freundschaftsspiel machen würde. Da würden wir neben sportlichen auch gesellschaftliche Parameter in Betracht ziehen.
Wie würden die aussehen?
Da gehört die Unteilbarkeit der Menschenrechte dazu et cetera.
Heißt das verkürzt: Keine Freundschaftsspiele mit Diktaturen?
Nein, das ist wieder so ein europäischer Zugang. Wie viele Demokratien europäischer Prägung gibt es unter den 211 Nationalverbänden der FIFA? Gehört da Brasilien unter Bolsonaro dazu? Da lässt sich so ein Schwarz-Weiß-Bogen nicht einfach drüberziehen. Das heißt weder „Es findet statt“ noch „Es findet nicht statt“, sondern dass man auf unsere Werte schaut und darauf, was zum Beispiel gerade im Iran passiert. Das fließt dann in die Entscheidungsfindung ein. Und die Frage, ob und wie im Rahmen eines solchen Spiels ein Beitrag geleistet werden könnte, etwas zum Besseren zu verändern. Man sollte immer das Ganze sehen und dann transparent kommunizieren.
Thomas Holler (47) promovierte 2002 mit der Dissertation „Der Berufsfußballer im Arbeitsrecht“. Seit 2003 arbeitet er beim ÖFB. Seit 2016 ist der Jurist Generalsekretär, davor leitete er die Rechtsabteilung.
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