Die „Verrückten Köpfe“ stehen seit 30 Jahren auf der Nordtribüne des Tivoli-Stadions. Ein Geburtstagsgespräch über zwielichtige Gestalten, italienische Inspirationen und den Traum von Europa.
Dieser Text erschien in ballesterer #164 im Herbst 2021.
Im Jänner 2023 lösten sich die „Verrückten Köpfe“ auf.
„Wenn die letzten Teppichknüpfer sich nicht mehr in der
Lage sehen, die Löcher zu stopfen, wird der Teppich
ins Museum geschickt. Man kann ihn sich ansehen,
aber ihn nicht mehr betreten. Die Erinnerungen
aber bleiben“, schreiben sie in ihrem Statement.
Die „Verrückten Köpfe“ müssen früh aufstehen. Als der ballesterer an einem Samstagabend im August drei Gruppenmitglieder aus drei Generationen trifft, fluchen sie über das Heimspiel am nächsten Tag um 10.30 Uhr gegen die SKU Amstetten. „Es ist ja nicht einmal so, dass wir klarer Favorit sind. Ich wäre schon über ein Unentschieden froh“, sagt Markus B. Seinen vollen Namen will er ebenso wie seine Kollegen nicht in der Zeitung lesen. „Wir sprechen ja nicht über uns, sondern über die Gruppe“, sagt er. Die sportliche Perspektivlosigkeit wird dann auch im Interview Thema sein. Dessen Anlass ist aber ein anderer: Die „Verrückten Köpfe“ feiern ihr 30-jähriges Bestehen. Seit ihrer Gründung hat sich im Fußball viel verändert, nicht aber, dass der FC Wacker Innsbruck immer wieder in Existenznöte gerät.
ballesterer: Wacker Innsbruck kämpft derzeit ums Überleben. Was löst das in Ihnen aus?
Markus B.: Wir sind sehr leidensfähig. Die Situation ist beschissen, aber wir verfallen sicher nicht in Depressionen. Uns kann einfach nichts mehr schrecken. Innsbruck hat ein Händchen für dubiose Figuren. Klaus Mair ist als Präsident verhaftet worden, Robert Hochstaffl als Manager. Es hat bei Wacker immer wieder zwielichtige Leute gegeben, da fehlt mit der Zeit das Vertrauen, dass im Verein gut gearbeitet wird. Die aktuelle Geschichte passt sehr gut dazu. Der Vorstand hat ja den Investor als seriösen Partner präsentiert.
Fabian S.: Der Verein hat uns erst im Sommer 2019 gesagt, dass es einen möglichen Investor gibt. Es war klar, dass der nicht kommt, weil die Tiroler Berge so schön sind. Der wollte Geld machen. Wir sind ihm kritisch gegenüber gestanden, aber der Vorstand hat die Drohkulisse aufgebaut, dass wir ohne Investor Amateurfußball spielen oder den Verein auflösen müssen. Damit haben sie es durchgeboxt. Wir haben auch nicht damit gerechnet, dass das so schnell in die Hose geht.
Bei der Generalversammlung haben über 93 Prozent für den Einstieg des Investors gestimmt. Hat Sie das überrascht?
Florian G.: Nein, überhaupt nicht. Die Erwartungen in Innsbruck sind sehr hoch. Wir sind ja, wenn man Red Bull außen vor lässt, noch immer der dritterfolgreichste Verein in Österreich. Aber wir sind auch seit dem Crash 2002 viermal abgestiegen und haben die Hälfte der letzten Jahre in der zweiten und dritten Leistungsstufe verbracht. Die Leute wollen wieder nach oben. Der Investor ist als Perspektive dafür verkauft worden.
Fabian S.: Es geht ja nicht nur um das Sportliche, wir sind in einem Teufelskreis gefangen. Die Infrastruktur ist eine Katastrophe. Beim Tivoli kann man nicht von einer Heimat sprechen. Kein Mensch fühlt sich dort wohl. Dort gibt es nichts, nicht einmal ein Lokal, in dem die Leute nach dem Spiel etwas trinken können. Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass der Verein nicht vom Fleck kommt und momentan nicht mehr als 2.000 Leute ins Stadion gehen.
„Die Rahmenbedingungen sind heute ganz andere. Der Fußball und die Gesellschaft haben sich enorm gewandelt. Wir sind noch immer da und unseren Werten treu geblieben.“
Aber bei 93 Prozent haben nicht nur die Erfolgsfans mitgestimmt, sondern Teile der aktiven Fanszene.
Florian G.: Das stimmt. Wir haben es unseren Leuten offengelassen, wie sie abstimmen. Wir haben gewusst, dass wir es wahrscheinlich nicht verhindern können.
Markus B.: Und es entspricht auch unserem Verständnis von Demokratie. Wir sagen sicher nicht: „Weil du bei den ‚Verrückten Köpfen‘ bist, musst du so oder so abstimmen.“ Es gibt bei uns keinen Klubzwang.
Fabian S.: Wir haben bereits vor Jahren erreicht, dass Vereinsfarben, Wappen und Name im Besitz der „Faninitiative Innsbruck“ sind. Dahingehend ist der Einfluss eines Investors von vornherein ausgeschlossen. Mögliche Geldgeber sind ausschließlich für die wirtschaftliche Gebarung der GmbH verantwortlich. Trotzdem stehen wir solchen Konstrukten großteils sehr skeptisch gegenüber.
Sie haben viel über die Perspektivlosigkeit bei Wacker gesprochen. Warum besteht eine Fangruppe trotz ständiger Misserfolge weiter?
Fabian S.: Es ist ja mehr als nur der sportliche Misserfolg. Die Gruppe hat in meinen Leben in den letzten 20 Jahren eine zentrale Rolle gespielt. Die Geschichte ist nicht immer ruhmreich abgelaufen, aber welche ist das schon? Es ist trotzdem unsere Geschichte – und die hat auch eine Ausstrahlung.
Markus B.: Wir sind noch immer total präsent in der Stadt, es gibt keine Stange, auf der nicht ein Pickerl von uns klebt. Wir stehen ständig in den Lokalzeitungen, weil sich irgendwer über unsere Graffitis aufregt. Das macht uns interessant. Unsere Gruppe lebt von viel mehr als nur sportlichen Erfolgen. Unser Motto lautet ja: „Verrückt ist unser Leben, verrückt so sind wir eben.“
Die „Verrückten Köpfe“ feiern heuer ihren 30. Geburtstag. Hat man als Ultragruppe eigentlich ein exaktes Geburtsdatum?
Markus B.: Nein, es ist das ganze Jahr 1991. Im Sommer und Herbst ist die Idee entstanden, im Laufe des Jahres hat sich die Gruppe formiert. 1992 ist das erste Mal unser Transparent auswärts in Salzburg im Stadion Lehen gehangen.
Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?
Florian G.: Die Gruppe ist fünf Jahre älter als ich, das ist für mich also eine unvorstellbare Zeitspanne. 30 Jahre sind sehr lang. Im ganzen deutschsprachigen Raum gibt es kaum Ultragruppen, die älter sind. Mir fallen jetzt nur die „Ultras Rapid“ und eine Gruppe bei Fortuna Köln ein. Es ist unglaublich und erfüllt uns mit Stolz, dass wir seit 30 Jahren die einzige Konstante im Tivoli sind.
Markus B.: Mich verbinden zwei Drittel meiner Lebenszeit mit der Gruppe. Es bereitet mir viel Freude, dass es uns noch immer gibt. Die Rahmenbedingungen sind heute ganz andere. Der Fußball und die Gesellschaft haben sich enorm gewandelt. Wir sind noch immer da und unseren Werten treu geblieben.
Markus B.: Es geht auch um gesellschaftspolitische Dinge. Wir wollen kritisch sein, dem Verein ebenso wie uns selbst gegenüber. Wir fragen uns ständig, ob gewisse Dinge mit uns vereinbar sind. Aber wir sind immer noch eine Ultragruppe und haben viel Spaß dabei, im Stadion und außerhalb Gas zu geben, zu singen, zu tanzen und einfach Fans zu sein.
Fabian S.: Wir versuchen, ohne Einflüsse von außen autonom zu agieren und dabei die Ideale der Gruppe voranzustellen. Es ist uns wichtig, uns vom Einheitsbrei anderer bis ins kleinste Detail durchstrukturierter Kurven und Gruppen abzugrenzen. Bei uns regiert oft das Chaos, das macht uns aus.
Florian G.: Solidarität und Freundschaft sind ganz wichtig. Wir stehen in jeder Lebenslage zusammen. Sonst wären wir nicht die, die wir sind. Wir sind weit mehr als ein Haufen, der nur im Stadion Fahnen schwingt.
Früher haben Fahnen mit dem Motiv von „Che“ Guevara zu Ihrem Standardrepertoire gehört, im März 2020 haben Sie Innenminister Karl Nehammer wegen seiner Asylpolitik auf einem Spruchband einen Mörder genannt. Wie würden Sie Ihre Gruppe politisch verorten?
Fabian S.: Das Thema begleitet uns schon lange. Es hat immer wieder den Vorwurf gegeben, dass wir zu politisch seien. In der Anfangszeit war das nach außen deutlicher, aber auch im aktuellen Kern der Gruppe gibt es einen linken Konsens. Wir wollen keine Antifa-Gruppe sein, aber das ist einfach unsere Einstellung. Sicher denken einige in der Gruppe anders, aber wir gehen auch mit ihnen diesen Weg gemeinsam.
Markus B.: Unser Fokus sind der FC Wacker Innsbruck und die „Verrückten Köpfe“, wir schließen sicher niemanden vorschnell aus. Aber wir werden keine rechten Symbole im Tivoli akzeptieren. Das ist Teil unserer Identität.
Auch der Style macht Ihre Gruppe aus. Ein Geist mit zwei Äxten ist so etwas wie das Logo, die von Ihnen erfundene Comicfigur „Kasimir Burundinger“ taucht auf Pickerln, Transparenten und Choreografien auf. Woher kommt das?
Markus B.: Ein Geist? Ah – unser „Köpfl“. Das kommt wie so vieles aus Italien. Wir haben uns damals vom Magazin Supertifo inspirieren lassen, das so etwas wie unsere kleine Bibel war. Wenn wir in den 1990er Jahren unten waren, haben wir das bei der erstbesten Trafik sofort gekauft. Dort sind wir auf einem Foto von Vicenza auf das „Köpfl“ gestoßen, das haben wir einfach eins zu eins übernommen. Auch der Name „Verrückte Köpfe“ ist nicht uns eingefallen, in Neapel hat es die „Teste Matte“ gegeben.
Florian G.: Beim „Kasimir“ war dann die Idee, dass wir etwas Eigenes haben – und so sind wir vom „Köpfl“ zum „Kasimir“ gekommen. Ein Mitglied unserer Gruppe ist Karikaturist, er hat das gezeichnet. Und macht das noch immer. Mittlerweile haben wir über 50 Motive von der Figur.
Fabian S.: Das passt auch zu unserer Geschichte: Wir haben uns von Italien inspirieren lassen, aber daraus etwas Eigenes geschaffen.
Ist es leichter, sich auf solche Dinge zu konzentrieren, wenn der sportliche Erfolg nicht so groß ist?
Markus B.: Das glaube ich gar nicht. Ganz im Gegenteil: Wenn wir heute noch oben mitspielen würden, würde es in Innsbruck anders abgehen. Der Style würde sicher nicht auf der Strecke bleiben. Außerdem ist es total egal, wo wir spielen, wir machen unser Ding.
Der FC Tirol wurde 2002 Meister. Nach dem Konkurs ist es in der Regionalliga zur Neugründung als Wacker Innsbruck gekommen. Was hat der Einschnitt für die Gruppe bedeutet?
Markus B.: Wir haben das damals nicht so ganz realisiert. Davor war es der absolute Höhenflug. Wenn der FC Tirol nicht eingegangen wäre, wären wir wahrscheinlich noch einige Jahre in Folge Meister geworden. Dass der Verein nicht seriös wirtschaftet, haben wir zwar hin und wieder gehört, aber nicht ernst genug genommen. Der Aufschlag war auch gar nicht so hart, es ist in der Regionalliga ja gut weitergegangen.
Fabian S.: Wir haben fünf Jahre in Folge einen Meistertitel geholt. Sicher, nur die ersten drei in der Bundesliga, aber wir haben ständig gewonnen und sind wieder nach oben durchmarschiert. Am Anfang war es eine ganz nette Abwechslung, die ganzen Dorfplätze abzuklappern. Erst als wir gemerkt haben, dass es nicht mehr so wird wie davor, ist es zäh geworden.
Werden Sie beide, die Jüngeren, neidisch, wenn Sie von Europacupfahrten und Meistertiteln hören?
Florian G.: Ich bin einfach 20 Jahre zu spät geboren worden. Aber neidisch ist der falsche Ausdruck, ich vergönne den Älteren alles.
Fabian S.: Ich habe zumindest die Fiorentina, Lokomotiv Moskau und Viktoria Zizkov zu Hause gesehen, aber für eine Auswärtsreise war ich noch zu jung. Irgendwann wird es wieder so weit sein. Wir haben uns das nach all den Jahren mit den ganzen Querelen verdient.
Florian G.: Sollten wir noch einmal im Europacup spielen, ist es die Belohnung für diejenigen, die am Freitagabend in diversen Gästesektoren der Provinz stehen und zuschauen, wie wir verlieren.
Markus B.: Wir spielen sicher irgendwann wieder im Europacup. Dann werden wir das alle gemeinsam erleben – und Innsbruck wird explodieren.
Florian G. (25), Fabian S. (35) und Markus B. (44) sind im Führungskreis der Ultragruppe „Verrückte Köpfe“ von Wacker Innsbruck.
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