Um 15 Uhr verschwindet in Bizau die Sonne hinter der Bergkette, die den Ort umrandet. Zur selben Zeit beginnt das Match zwischen dem FC Bizau und dem VfB Bezau. Drei Kilometer trennen die zwei Gemeinden. Fast 1.000 Leute sind ins Bergstadion gekommen. Wer keinen Sitzplatz mehr gefunden hat, steht oder sitzt am Berghang und beobachtet von dort das Geschehen. Bizau will den Anschluss an die Tabellenspitze der Vorarlbergliga wahren, Bezau steckt im unteren Drittel fest.
Zur selben Zeit bilden sich 20 Kilometer weiter westlich vor dem Lustenauer Reichshofstadion erste Schlangen. In zwei Stunden wird das Match zwischen Austria Lustenau und dem SCR Altach angepfiffen. Es ist das erste Bundesliga-Derby in Lustenau seit 22 Jahren. An den Verkaufsschaltern des Eingangstors kleben Zettel mit dem Hinweis, dass das Spiel ausverkauft sei. Die meisten Leute haben ihre Hände tief in den Jackentaschen, es ist kalt, der Himmel ist grau. Die Stimmung ist den grimmigen Polizisten am Stadionvorplatz zum Trotz entspannt. Als Austria-Kapitän Pius Grabher das Gelände erreicht, geht er seelenruhig an den Zuschauern vorbei Richtung Kabinentrakt.
Fünf Kilometer aufwärts des Rheins liegt Hohenems. Im Stadion Herrenried werden die Vorbereitungen für das letzte Heimspiel vor der Winterpause getroffen. Noch ist das Stadion leer, ab 18.30 Uhr wird dort vor über 1.000 Zuschauern ein Spitzenspiel stattfinden. In der 19. Runde der Vorarlberger Eliteliga hat der Zweite VfB Hohenems den Tabellenführer Schwarz-Weiß Bregenz zu Gast. Die Bregenzer wollen zurück ins Profigeschäft. Anfang der 2000er Jahre war der Verein das Vorarlberger Aushängeschild. Damals mischten die Hauptstädter in der Bundesliga mit, der fünfte Platz 2004 blieb lange das beste Ergebnis eines Vorarlberger Vereins. 2002 und 2004 spielte Bregenz international, 2005 meldete der Klub Konkurs an. Es war das Ende des erfolgreichsten Vereins des Bundeslands, doch schon im Jahr darauf brach eine neue Ära an. Erstmals stieg der SCR Altach in die Bundesliga auf. Er hatte ein Stadion, das er Stück für Stück modernisierte, und Trainingsanlagen, die jenen der Großvereine nur in wenig nachstanden. Die Altacher haben sich mittlerweile in der Bundesliga etabliert.
Der Fußball boomt in Vorarlberg. Dabei ist das Bundesland nur 2.600 Quadratkilometer groß, Niederösterreich ist achtmal größer. Doch während dort kein Bundesligist spielt, gibt es in Vorarlberg seit dem Aufstieg der Lustenauer gleich zwei. In der zweiten Liga hält der FC Dornbirn die Stellung, bei den Frauen ist die Spielgemeinschaft Altach/Vorderland im Spitzenfeld der Bundesliga vertreten. Der Boom schlägt sich nicht nur in den Tabellen nieder. Der Stellenwert des Sports ist auch auf den Dorfplätzen des Bregenzerwalds, vor den Würstelständen in Lustenau und in den Erinnerungen langgedienter Funktionäre zu spüren.
Strohfeuer der Vergangenheit
„Bei uns hat es nichts gegeben. Gar nichts. Nur vier Wirtshäuser und den Fußballplatz“, sagt Harald Walser. Der Altacher spielte in den 1970er Jahren für den Verein, von 1991 bis 2006 war er dort Funktionär, von 2008 bis 2017 Nationalratsabgeordneter für die Grünen. Heute ist er im Ruhestand. Der ballesterer trifft ihn am Tag vor dem Derby gegen die Lustenauer im Jüdischen Museum in Hohenems, das Gespräch ist launig, immer wieder stichelt Walser gegen die Rivalen. In seiner aktiven Zeit war Altach ein klassischer Unterhausverein. Der Sportplatz lag mitten im Ortszentrum, Tribüne gab es keine, nur einen Kabinentrakt samt Kantine. 1971 feierte der Klub dort seinen bis dahin größten Erfolg, den Aufstieg von der 1. Klasse Unterland in die Vorarlberger Landesliga. Dort maß man sich bis zum Abstieg 1976 mit Vereinen wie der Lustenauer Austria, Schwarz-Weiß Bregenz und dem VfB Hohenems. Altach, das Mitte der 1970er Jahre keine 4.000 Einwohner hatte, war der Underdog. „Trainingswissenschaftlich war der Verein fortschrittlich, wir haben damals schon einen Fitnesstrainer gehabt“, sagt Walser. „Fortschrittlich hat bedeutet: bis zum Umfallen laufen.“ Wie ernst die Altacher den Fußball nehmen, bewies auch die örtliche Hauptschule. 1980 und 1981 wurde ihr Team Landesmeister und qualifizierte sich für das Finale der Schülerliga. „Altach ist ein Fußballdorf“, sagt Walser.
Bundesweit spielte der Vorarlberger Fußball in jenen Jahren jedoch keine Rolle. Zwar schnupperte Schwarz-Weiß Bregenz immer wieder die Höhenluft in der ersten Liga, und auch der FC Dornbirn spielte in den 1960er Jahren zwei Saisonen erstklassig, etablieren konnten sie sich aber nicht. Als 1973 Rätia Bludenz aufstieg, sollte das mithilfe einer Fusion endlich gelingen. Im Sommer 1973 gingen die Bludenzer mit Schwarz-Weiß Bregenz eine Spielgemeinschaft ein, der FC Vorarlberg entstand. Der Verein verpflichtete Dolfi Blutsch, Rudolf Brunnenmeier und Erwin Fuchsbichler, an ihrer Seite machte sich der 18-jährige Bruno Pezzey einen Namen. 13.300 Zuschauer kamen in der dritten Runde zur Partie gegen Rapid, die Vorarlberger holten ein 1:1. Doch die Euphorie verflog schnell, nach einer Saison stieg der FC Vorarlberg ab, ein Jahr und einen zehnten Platz in der zweiten Division später war das Konstrukt schon wieder Geschichte.
Im Wald der 37 Zwischenhalte
Als Altach Anfang der 1970er Jahre bei Vorarlbergs Fußballelite vorstellig wurde, gab es in Bizau keinen Verein, noch nicht einmal einen Sportplatz. „Davor hat man auf irgendwelchen Wiesen gespielt, bis der Bauer gekommen ist. Dann war es vorbei“, sagt Vereinsobmann Josef Greber, den alle „Mofa“ nennen. Seit 30 Jahren ist er beim FC Bizau tätig, seit 2007 als dessen Obmann. Greber – schwarze Kappe, schwarzer Kaffee – hat für das Gespräch mit dem ballesterer in der Kantine Platz genommen. Wenn Gäste eintreten, grüßen sie ihn.
Die Vereinsgründung 1970 ging auf eine Initiative des örtlichen Stammtischs zurück, die Gründer arbeiteten in den Jahren danach eigenhändig an der Errichtung eines Fußballplatzes. Sie befreiten die ehemalige Steinhalde im Ortszentrum, auf der einst Ziegen und Schafe grasten, von Schutt und Gestein. 1974 wurde der Sportplatz eröffnet, der Bizauer Bach fließt entlang des Geländes, er bildet eine natürliche Grenze. In der Saison 1974/75 nahm der Verein erstmals am Ligabetrieb teil, er wurde Fünfter in der Bregenzerwald-Liga und etablierte sich in den kommenden Jahren im Tabellenmittelfeld. Heute ist der Fußballplatz in Bizau kaum zu verfehlen, er liegt an der einzigen größeren Straße des Dorfs. Im Bregenzerwald ist das Kultur- und Freizeitangebot gering, der letzte Nachtklub der Region schloss 2016 seine Türen. Die Sportvereine sind deshalb umso wichtiger. „Der Sportplatz in Bizau ist ein gesellschaftlicher Treffpunkt geworden, die Fußballvereine haben einen wichtigen sozialen Stellenwert“, sagt Greber. Der Verein könne an Spieltagen regelmäßig mit 600 bis 700 Zuschauern rechnen, von denen viele auch für die dritte Halbzeit bleiben würden.
Die meisten Zuschauer sind Einheimische. Wer in den Bregenzerwald kommen will, muss sich anstrengen. Die Gegend ist von zentralen Verkehrsachsen abgeschnitten. Keine Autobahn führt hierhin, auf den Zuggleisen fährt nur eine Museumsbahn. Wer ohne Auto nach Bizau möchte, steigt im Bregenzer Vorort Schwarzach aus dem Zug aus. Im Bus geht es über enge Bergstraßen weiter. Je länger die Fahrt dauert, desto wahrscheinlicher wird es, den Nebel, der im Tal so oft hängt, hinter sich zu lassen. An seiner Stelle werfen der Geißkopf und die Winterstaude, beide fast 2.000 Meter hoch, ihre Schatten über Wiesen und Almen. Alberschwende, Müselbach, Egg, Bezau – nach rund einer Stunde Fahrt und 37 Stationen hält der Bus in Bizau.