Kim Il Sung und Kim Jong Il wachen über den Konferenzraum im Yanggakdo International Hotel in Pjöngjang. Unter den Porträts der früheren nordkoreanischen Staatschefs haben die Fußballerinnen Ri Jong Hi, Ra Mi Ae, Ri Hyang Ok und Jin Pyol Hi Platz genommen, sie sind die Protagonistinnen von „… ned, tassot, yossot …“, dem neuen Film der Wiener Regisseurin Brigitte Weich. Sportlichen Ruhm erlangten sie, als Nordkorea die Asienmeisterschaften 2001 und 2003 gewann, filmische Bekanntheit durch Weichs 2009 erschienene Doku „Hana, dul, sed …“. Der Titel verrät den Charakter der neuen Doku: Nach hana, dul, sed – eins, zwei, drei – ist ned, tassot, yossot – vier, fünf, sechs – die Fortsetzung.
Bustour durch Pjöngjang
Seit 20 Jahren beschäftigt sich Weich mit den Protagonistinnen ihrer Filme, begonnen habe aber alles mit einem Zufall, sagt sie im ballesterer-Gespräch. 2002 reiste sie zum Internationalen Filmfestival in Pjöngjang, um die Fußballdoku „Frankreich, wir kommen!“ ihres Kollegen Michael Glawogger zu promoten. „Du kannst dich in Nordkorea nicht frei bewegen, also ist eine kleine Busladung voller internationaler Gäste zu den Mausoleen, Museen und Statuen gekarrt worden. Da kommst du ins Reden.“ In dem Bus befanden sich auch die Macher der Doku „The Game of Their Lives“ über Nordkoreas Nationalteam der Männer, das 1966 Italien aus der WM geworfen hatte. „Als mir Regisseur Dan Gordon und Produzent Nicholas Bonner erzählt haben, dass jetzt die Frauen sehr gut seien, habe ich mir gedacht: Die will ich sehen. Nicht, weil mich Fußball so besonders interessiert hätte, sondern weil ich einfach echte Menschen sehen wollte. Das ist mir dort verwehrt worden, also habe ich einen Film über sie gemacht.“
Die Bedingungen gestalteten sich herausfordernd. Die Drehs waren in Nordkorea stark reglementiert, das Team auch bei internationalen Auftritten wie den Asienmeisterschaften 2003 abgeschottet. „Wir waren wahnsinnig lästig. Wir sind jeden Tag, wenn sie zum Training gefahren sind, vor dem Hotel gestanden, um sie abzupassen“, sagt Weich. Dazu kamen mühsame Rechteverhandlungen über TV-Bilder mit FIFA und IOC ebenso wie Skepsis in Österreich. „Ich habe oft das Feedback gekriegt: ‚Na, was Exotischeres als Frauenfußball und Nordkorea gibt es wohl nicht‘“, sagt Weich. „Ich habe das nie verstanden. Fußball ist so männerdominiert, dass fußballspielende Frauen immer ein emanzipatorisches Projekt sind. Ich könnte jedes Land anhand seines Frauenteams porträtieren.“
Stoff für eine Seifenoper
Die Hartnäckigkeit machte sich bezahlt, „Hana, dul, sed …“ wurde 2010 bei der Diagonale in Graz als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Eine Vorführung des Films in Pjöngjang dient auch „… ned, tassot, yossot …“ als Einstieg. Fünf Jahre nach Drehende sitzen Ri Jong Hi, Ra Mi Ae, Ri Hyang Ok und Jin Pyol Hi im Saal und nehmen den Applaus des Kinopublikums demütig entgegen. Sie lenken die Aufmerksamkeit schnell auf eine weitere Protagonistin: Cha Suk. Die Regisseurin hat eine mehrteilige Soap-Opera über jugendliche Fußballerinnen gedreht. Die TV-Serie dient in Weichs Film als Ausgangspunkt, um die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion auszuloten.
Das beginnt bei den Spielerinnen, die für Spielszenen als Stuntdoubles herhalten mussten, und reicht bis zur Kritik an vermeintlich unrealistischen Liebesgeschichten in der Serie, für die die Fußballerinnen im echten Leben nie Zeit gehabt hätten. „Ra Mi Ae war davon wirklich getroffen, schließlich fängt die Spielerin mit ihrer Nummer 6 etwas mit dem Sohn des Trainers an. Sie hätte das nie gemacht“, sagt Weich. „Es war dann aber lustig, dass sie gesagt hat: ‚Das war eigentlich die Spielerin, die vor mir die Nummer 6 getragen hat.‘ Die hat wirklich etwas mit dem Sohn des Trainers gehabt.“ Als Cha Suk im Film erzählt, dass Frauen alle Karrieren offen stünden, auch die als Regisseurin, treten die Widersprüche in der offiziellen Gleichstellungspolitik zutage, wenn sie hinzufügt, dass sie die bislang einzige sei.
Freiraum Fußball
Das Nebeneinander von Propaganda und Kritik wird auch deutlich, wenn Ri Hyang Ok von ihrer Ausbildung zur Schiedsrichterin, ihren Auslandsreisen und den Privilegien ihrer westlichen Kolleginnen spricht. Weich ordnet die Aussagen in der Doku nicht ein, es gibt keine Stimme aus dem Off, keine Interviews mit Nordkoreaexperten, einzig die Protagonistinnen kommen zu Wort. Das ist eine Stärke des Films, er regt zum Nachdenken an. Meinen die Spielerinnen den ständigen Dank an das Regime ernst? Oder ist er Teil der Spielregeln? Eine notwendige Floskel, um dann ganz andere kritische Worte sagen zu können? „Ich weiß es auch nicht. Mich hat das manchmal an religiöse Praxen erinnert“, sagt Weich. „Es gibt diese Szene im Kindergarten mit dem Miniaturnachbau des Geburtshauses von Kim Il Sung, da habe ich an die Weihnachtskrippe denken müssen, nur ohne Ochs und Esel.“
Die omnipräsenten Autokraten und ihre Bauten, die Referenzen auf den „Beschwerlichen Marsch“ in den 1990er Jahren und die aktuellen „Militär zuerst!“-Leitlinien, die weitgehend unbefahrenen und menschenleeren Straßen von Pjöngjang bilden in „… ned, tassot, yossot …“ einen bedrückenden Rahmen. Die Hauptrollen spielen aber die vier Frauen, die sich trotz aller Widrigkeiten und Widerstände beweisen – und im Sport ihren Platz finden, auch wenn sie diesen erst schaffen mussten. Wenn die ehemaligen Spielerinnen über ihre Entbehrungen und Privilegien, über Schwangerschaftsabbrüche und Kinderwünsche, über ihre Tätigkeiten und Träume im Fußball sprechen, kommen starke Persönlichkeiten zum Vorschein. „Sie lieben ihren Sport“, sagt Weich. „Das sind einfach hingebungsvolle Fußballerinnen.“
Anschauen können sie sich in „… ned, tassot, yossot …“ einstweilen nicht, Nordkorea hat seit Beginn der Coronapandemie die Grenzen fast komplett dicht gemacht. Und auch die Nachfolgerinnen von Ri Jong Hi, Ra Mi Ae, Ri Hyang Ok und Jin Pyol Hi werden sich wohl einige Zeit nicht international präsentieren können. Das Nationalteam liegt in der FIFA-Weltrangliste zwar auf dem zehnten Platz, bei der WM im Sommer in Australien und Neuseeland ist Nordkorea jedoch nicht dabei. Der Verband zog das Team noch 2019 von der Qualifikation zurück.
(Mitarbeit: Nicolas Lendl)