Der 3. Februar präsentiert sich im Westen Wiens kalt und windig, im Inneren des Weststadions bereiten Wärmelampen den Rasen auf das nahende Ende der Winterpause vor. Ein paar Stockwerke weiter oben empfängt Rapid-Präsident Alexander Wrabetz den ballesterer in der Präsidentenloge. Auf sein bevorstehendes Pflichtspieldebüt, das Cupviertelfinale in Wolfsberg, angesprochen, übt sich Wrabetz im Tiefstapeln. „Nicht unser Gegner, nicht unser Bewerb“, sagt er. Seine Mannschaft wird ihn wenige Stunden später positiv überraschen und mit einem 3:1-Sieg ins Halbfinale einziehen.
ballesterer: Sie haben sich als Rapid-Fan in der vierten Generation bezeichnet. Wie ist diese Tradition in Ihrer Familie gelebt worden?
Alexander Wrabetz: Sehr unterschiedlich. Das ist zum Teil schwer zu rekonstruieren, mein Urgroßvater war in den 1920er Jahren schon Anhänger, mein Großvater ist sehr regelmäßig auf den Platz gegangen. Ich muss gestehen, dass meine Stadionbesuche mit dem Job beim ORF weniger geworden sind, präsent war Rapid aber immer. Als ich für das Präsidentenamt kandidiert habe, haben mir meine Kinder Fotos geschickt, die uns im Rapid-Kontext zeigen – vor dem Fernseher und bei großen Spielen im Stadion.
Sie sind im 19. Bezirk aufgewachsen, das ist ja eigentlich das Kerngebiet der Vienna. Haben Sie sich gegen die Mitschüler beweisen müssen?
Nein, Rapid war in meiner Schulzeit so eine Macht, dass das von meinen Freunden nicht infrage gestellt worden ist. Der Großteil war für Rapid, der Rest gemischt, manche für die Austria, andere für den Sport-Club oder die Vienna.
Sie haben Jus studiert und waren Anfang der 1980er Jahre Vorsitzender der sozialdemokratischen Studierendenfraktion VSStÖ. Sind Sie damals auf den Fußballplatz gegangen, oder hat es so etwas wie eine intellektuelle Distanz gegeben?
Da hat es eigentlich keine Berührungsängste gegeben, auch weil Rapid in dieser Tradition als Arbeiterverein gestanden ist. Es hat da keinen Dünkel gegeben, da war man Fan.
Damals hat die rechtsextreme VAPO von Gottfried Küssel versucht, unter den Rapid-Fans Einfluss zu gewinnen. Ist das im VSStÖ diskutiert worden?
Der Kampf gegen rechtsextremistische Aktivitäten war ein großes Thema im ganzen Land. Ich habe das mit Sorge beobachtet, aber wir haben uns beim Fußball nicht eingebracht. Damals war die große Zeit der Friedensbewegung mit der Forderung nach weniger Atomwaffen in Europa. Das war vielleicht auch nicht unsere studentische Kernaufgabe. Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremen haben wir aber auch auf der Uni geführt. Als die Aktion Neue Rechte bei den Uniwahlen kandidieren wollte, habe ich beim Verfassungsgerichtshof Beschwerde gegen ihr Antreten eingelegt – erfolgreich.
„Alle – von den Fans bis zum Präsidium – haben dafür zu sorgen, dass die Mannschaft erfolgreich spielen kann. Sie muss die Tore schießen.“
Sie haben den Meistertitel 1996 als Ihr emotionalstes Rapid-Erlebnis bezeichnet. Gibt es ein Spiel oder einen Spieler, der für Sie Rapid repräsentiert?
Für die letzten Jahrzehnte Steffen Hofmann. Nicht nur wegen seiner Leistungen, sondern weil er hier geblieben ist, obwohl er viele andere Möglichkeiten gehabt hätte. Der Fußball hat sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten ja wahnsinnig verändert. Früher war es eine furchtbare Tragödie, wenn jemand von Rapid weggegangen ist, heute ist es eine Sensation, wenn einer länger als drei Jahre bleibt. Jetzt muss man neue Wege finden, Identifikation zu schaffen.
Wer kann das denn erreichen?
Die Mannschaft als Mannschaft, nicht einzelne Idole. Deswegen haben wir gesagt, dass der Sport im Mittelpunkt stehen muss. Alle – von den Fans bis zum Präsidium – haben dafür zu sorgen, dass die Mannschaft erfolgreich spielen kann. Sie muss die Tore schießen und für die Momente sorgen, die als Rapid-Momente im Kopf bleiben. So entsteht Geschichte.
Sie sind jetzt bald drei Monate im Amt. Wie wird Ihre 100-Tage-Bilanz ausschauen?
Wir haben das Präsidium in einer extrem herausfordernden Situation übernommen. Nach der Niederlage gegen Vaduz am 25. August war Rapid drei Monate lang – im Fußball eine Ewigkeit – in enormen Schwierigkeiten: Die Führungsstruktur war ungeklärt, Rapid hat nicht mehr europäisch gespielt und ist in der unteren Tabellenhälfte gelegen, die großen Sponsoren haben aufgrund der öffentlichen Diskussionen offen gelassen, ob sie bleiben. Nach der Wahl haben wir Werner Kuhn als interimistischen Wirtschaftsgeschäftsführer eingesetzt, um sofort einen Kassasturz machen und für eine finanzielle Stabilisierung sorgen zu können.
Was gehört noch in die Bilanz?
Mein Ziel war, ein Team aufzustellen, das das Mandat ohne Kampfabstimmung übernehmen kann. Mit Streitereien hätten wir nur noch mehr Zeit verloren. Deswegen ist mir die breite Zustimmung von 90 Prozent bei der Mitgliederversammlung so wichtig. Wir haben eine neue Struktur in der Geschäftsführung geschaffen und Steffen Hofmann mit einer klaren Verantwortlichkeit entsendet. Er hat dann in kürzester Zeit mit Markus Katzer als Sportdirektor eine sehr gute Lösung gefunden. Mittlerweile ist auch der Trainer bestätigt, und wir haben gute Gespräche mit den Sponsoren geführt. Jetzt geht es darum, ein Programm zu entwickeln, mit dem wir Rapid in eine sportliche, wirtschaftliche und strukturelle Aufwärtsentwicklung bringen.
„Wir werden uns dem Diktat von Investoren nicht unterwerfen. Wir wollen aber auch nicht der gemütliche Verein in der dritten Liga werden, der seine Werte pflegt und an die Vergangenheit denkt.“
Bei Rapid geistert immer dieser Begriff Kampfabstimmung herum. Aber was ist daran eigentlich so schlimm? Es gibt 16.000 Mitglieder und unterschiedliche Interessen. Ist es nicht ein normaler demokratischer Vorgang, unter mehreren Kandidaten auszuwählen?
Die letzte Wahlauseinandersetzung hat große Risse hinterlassen. Möglicherweise hätte ich dank der Unterstützung von Steffen Hofmann auch so eine Mehrheit bekommen, aber ich finde es viel besser, dass man nicht wieder zwei Gruppen im Verein hat, sondern sagen kann: Da haben sich die Besten zusammengetan. Vor der Wahl hat es ja einen sinnvollen Prozess gegeben. Das Wahlkomitee hat alle Listen auf ihre Ernsthaftigkeit überprüft und bei den Hearings mit den zwei Listen festgestellt, dass sie inhaltlich nicht weit auseinanderliegen. Wenn sich unterschiedliche Konzepte gegenübergestanden wären, wäre das anders gewesen, da hätte man eine Entscheidung treffen müssen.
Sie haben rund um Ihre Bestellung gescherzt, dass Sie Rapid im ORF bevorzugt hätten. Das ist vermutlich nicht von allen Vereinen positiv aufgenommen worden, auch weil Rapid ja wirklich öfter gezeigt worden ist.
Die Wahrheit ist aber auch den absolut geschätzten Kollegen aus der Bundesliga zumutbar: Rapid hat die größte Tradition und die größte Fanbase, deswegen bringt Rapid im Fernsehen die besten Quoten. Das war beim ORF so, das ist bei Sky nicht anders. Es gibt zwei Vereine, die stark Zuschauer anziehen – das sind wir und Sturm. Und Salzburg bei internationalen Begegnungen.
Wie soll sich Rapid positionieren? Eher in die Richtung „Wir sind Rapid, und wer seid ihr?“ oder als der demütige Underdog, der die längste sportliche Durststrecke seiner Geschichte erlebt?
Rapid darf nicht großkotzig auftreten, aber durchaus mit einem gewissen Selbstbewusstsein. Diesen Anspruch müssen wir aber mit Leben füllen, indem wir attraktiven Fußball spielen, das Stadion füllen und in Europa eine Visitenkarte für Österreich abgeben.
Sie haben jetzt einige Vereine erwähnt, einen nicht. Wie ist Ihr Verhältnis zur Austria? Halten Sie im Europacup zum Stadtrivalen?
Da habe ich meistens etwas anderes zu tun.
Sie haben 2018 als ORF-Chef nach dem Verlust der TV-Rechte gesagt, die Regierung solle dafür sorgen, dass Livespiele im Free-TV zu sehen sind. Sehen Sie das in der neuen Rolle auch noch so?
Es ist mir ja nicht darum gegangen, dass die Liga nur mit dem Free-TV verhandeln darf, sondern darum, bestimmte Spiele zu zeigen. Die Zahlen von der WM zeigen ja ganz aktuell, dass das Free-TV weltweit immer noch ein ganz wichtiger Faktor ist. Ich finde es gut, dass zum Beispiel der Cup und vier Bundesliga-Spiele frei empfangbar sind. Trotzdem war es für den kleinen österreichischen Markt wichtig, dass Sky viel Geld in die Hand genommen hat. Das war ein wichtiger Impuls.
Man könnte auch argumentieren, dass der Fußball als öffentliches Kulturgut allen ohne Bezahlschranke zur Verfügung stehen sollte.
Da schlagen mehrere Herzen in meiner Brust. Ich habe mit vielen Fans darüber geredet, warum der ORF damals ausgestiegen ist. Eigentlich ist er ja gar nicht ausgestiegen, sondern hat finanziell einfach nicht mehr mitkönnen. Mit dem derzeitigen Mix aus Free-TV und Pay-TV hat der Fußball wichtige Einnahmen erzielt, die im Vergleich mit großen Ligen und Bewerben immer noch niedrig sind. Aufgrund der Marktgegebenheiten wird es trotzdem schwierig sein, das zu halten.
Sind diese Gegebenheiten nicht das Problem des internationalen Fußballs? Das Fernsehen bringt zwar den einen großen Reichtum, aber auch eine große Ungleichheit.
Das ist eine Folge der Marktliberalisierung, das trifft auch auf den Spielermarkt zu. Der Sport ist ein globales Geschäft, in dem die Ungleichheit immer größer wird. Bei der Super-League-Diskussion hat man gesehen, dass manche Vereine mit den kleineren nicht einmal mehr spielen wollten. Für Rapid kann ich sagen, dass wir uns dem Diktat von Investoren nicht unterwerfen werden. Wir wollen aber auch nicht der gemütliche Verein in der dritten Liga werden, der seine Werte pflegt und an die Vergangenheit denkt. Wir müssen einen Mittelweg finden. Deshalb müssen wir bei den Transfererlösen mitspielen, das ist für unseren Markt die große Einnahmequelle.
„Wenn 2024 das Gründungsjahr des Frauenteams ist, wäre es schön, wenn es 20 Jahre später die Champions League gewinnt.“
Das Schlagwort Ihrer Kampagne war „Alles für den Sport“. Das impliziert, dass vorher nicht alles dem Sport untergeordnet worden wäre. Was sind Ihre Kritikpunkte? Dass mit dem Stadion und dem Trainingszentrum in Steine statt Beine investiert worden ist?
Die Vorgänger haben versucht, einen Grundstein für den Erfolg zu legen. Wir haben eine tolle Infrastruktur, die auch für einen Verein mit 150 Millionen Euro Umsatz wie Red Bull Salzburg passen würde. Unser Umsatz liegt aber bei rund 45 Millionen, wir müssen in diese Struktur also hineinwachsen: durch sportlichen Erfolg, höhere Transfererlöse und höhere Sponsoreneinnahmen. Wenn unser Anlagevermögen, ganz vereinfacht gesprochen, ungefähr so groß ist wie der Wert unseres Kaders, stimmt etwas nicht. Mir ist aber klar, dass man nicht alles gleichzeitig machen kann, insofern kein Vorwurf an die Vergangenheit.
Welche Rolle sollen die Mitglieder in Zukunft spielen – nur regelmäßig an den Generalversammlungen teilnehmen?
Ich würde das nicht darauf reduzieren, wir wollen in einen permanenten Diskussionsprozess kommen, Meinungen einholen und ernstnehmen. Unsere Organisationsgruppe hat mit einer ersten Umfrage schon bei den Mitgliedern hineingehört und arbeitet daran, allen Mitgliedern mittels Onlinetool zu ermöglichen, konkretes Feedback auf anstehende Satzungsänderungen zu geben.
Wir erleben derzeit eine massive Inflation. Wird sich das kommende Saison auch auf die Preisgestaltung niederschlagen?
Wir wollen ein Zeichen setzen und die günstigen Tickets möglichst beibehalten. In den anderen Sektoren, wo diejenigen sitzen, die es sich hoffentlich leisten können und wollen, werden wir die Preise aber anpassen müssen. Schließlich steigen auch unsere Kosten.
Ein Thema des neuen Präsidiums ist die Diversität. Wo sehen Sie da Aufholbedarf?
Klar ist, dass wir das Thema Nachhaltigkeit sehr ernst nehmen. Bei unseren Führungsstrukturen haben wir im sehr männerdominierten Fußball zwei starke Frauen im Präsidium, das war uns auch ohne Quote als Bekenntnis sehr wichtig. Und wir werden ein Frauenteam gründen, das ist ein klares Statement.
Und bleibt es dabei, dass das Team 2024 ganz unten in den Spielbetrieb einsteigen soll?
Ja, wir halten es für das sinnvollere Modell für Rapid, keine Kooperation einzugehen, sondern das selbst von der Pike auf aufzubauen.
Was ist das sportliche Ziel? Der Durchmarsch in die Bundesliga?
Jetzt ist einmal das Ziel zu starten. Wenn 2024 das Gründungsjahr des Frauenteams ist, wäre es schön, wenn es 20 Jahre später die Champions League gewinnt.
Wer wird früher einen Titel holen: die Rapid-Männer oder -Frauen?
Wir haben bei den Männern definiert, dass wir unter die Top drei in der Bundesliga kommen wollen. Und irgendwann müssen wir Salzburg einen der beiden Titel streitig machen. Und das nicht erst am Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern in den nächsten drei, vier Jahren.
Abschließend noch eine Frage zu Ihrem Führungsstil. Sie haben in einem Antrittsinterview gesagt, dass bei Erfolgen die Mitarbeiter im Vordergrund stehen sollen, bei Problemen Sie. Wird man viel von Ihnen hören?
Ich hoffe nicht.
Alexander Wrabetz (62) ist seit November 2022 Rapid-Präsident. Von 2006 bis 2021 war der Jurist Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks.