Er liebe Osama bin Laden wie seinen eigenen Vater, sagte Nizar Trabelsi 2003 vor Gericht. Der Ex-Spieler des Wuppertaler SV wurde 2003 zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er Bombenanschläge auf eine belgische Militärbasis und die amerikanische Botschaft in Paris geplant hatte. Nur eine der Geschichten, die 11Freunde-Redakteur Andreas Bock in seinem Buch „Das Spiel ist aus“ behandelt. Ein andere ist die des ehemaligen Generalsekretärs der CONCACAF, Chuck Blazer, der sich gemeinsam mit FIFA-Vizepräsident Jack Warner durch den Weiterverkauf von WM-Tickets und bei der Vergabe von TV-Rechten ein schönes Zubrot verdiente. Blazer lebte im Trump Tower und mietete dort auch für seine Katzen eine Wohnung um 6.000 Dollar im Monat. Doch Bock erzählt auch von Verbrechen, die im kollektiven Gedächtnis weniger verankert sind wie der Ex-Profi Mickey Thomas, der am Ende seiner Karriere Falschgeld an Nachwuchsspieler verteilte. Die Leser werden auf eine Reise durch die Jahrzehnte und Kontinente mitgenommen und erfahren von kuriosen, manchmal fast sympathischen, manchmal schockierenden Verbrechen aus der Welt des Fußballs. Die Kapitel können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden, das sorgt für ein kurzweiliges Lesevergnügen.
ballesterer: Wie steht es um Ihre kriminelle Energie? Ist sie nach der Recherche für das Buch gestiegen?
Andreas Bock: Im Vorwort habe ich geschrieben, dass ich in meiner Kindheit beim Diebstahl in einer Karstadt-Filiale um die Ecke erwischt worden bin, aber das war es mit meiner kriminellen Karriere. Mit 17 bin ich einmal bei Rot über die Ampel gegangen, mit 18 habe ich bei einem Joint angezogen, unabsichtlich natürlich. Vielleicht verschiebe ich irgendwann eine WM oder manipuliere ein paar Bundesliga-Spiele, sodass am Ende der HSV Meister wird. Andererseits sieht man ja im Buch, dass die meisten Dinge über kurz oder lang herauskommen.
Dass es in der FIFA teilweise verbrecherisch zugeht, ist keine große Neuigkeit, aber waren Sie überrascht, wie viele Spieler schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind?
Man fragt sich ja manchmal, weshalb reiche und populäre Menschen kriminell werden sollten. Doch viele Profifußballer bleiben für immer Kinder, da ihnen alle Tätigkeiten außerhalb des Sports abgenommen werden. Viele haben keine Ahnung davon, wo sie abseits des Platzes hinwollen, und haben naive Vorstellungen, wie das Leben sein könnte. Deshalb rutschen einige in Milieus ab, die wenig mit Fußball zu tun haben, aber attraktiv auf sie wirken.
Wenn man Ihr Buch liest, wirkt es so, als wären Profifußballer anfälliger für Verbrechen als der Durchschnitt. Ist das so?
Das lässt sich nicht pauschalisieren. Aber Profifußballer haben einen anderen Umgang mit Geld und lernen andere Machtstrukturen kennen als die große Mehrheit. Sie werden zu Helden gemacht und bekommen das Gefühl, unangreifbar zu sein. Diese Scheinwelt spiegelt sich dann in der Realität wider, in ihrem direkten Umfeld. Vielleicht kann man sich so einige Fälle von Gewalt an Frauen erklären, die im Profifußball zuletzt publik geworden sind.
Fußballer werden auch zu Opfern. Gibt es in Ihrem Buch Verbrechen, die Sie besonders schockiert haben?
Der Fall von Andres Escobar ist sehr einprägsam für mich. Er ist nach seinem Eigentor bei der WM 1994 gegen die USA wenig später in seiner Heimat Kolumbien erschossen worden. In der Nationalmannschaft war er der ruhige Vermittler, er war ein familiärer Typ, der die Bibel gelesen hat. Er hat anders als andere Spieler nichts mit der Drogenszene und den Drogendealern zu tun haben wollen. Durch dieses Eigentor ist er zur tragischen Figur geworden. Das ist für mich einfach unvorstellbar.