Die Geschichte der Adamus ist mit dem Fußball verbunden – und mit ihrem Afro-Shop in Graz, wo Vater Haruna meist am Tresen steht. Dieser Sommer bringt Veränderungen mit sich: Tochter Cynthia wechselt nach Wien und Sohn Junior nach Freiburg.
Am 16. Februar 2022 steht der FC Red Bull Salzburg erstmals in der Vereinsgeschichte im Achtelfinale der Champions League und empfängt den FC Bayern. Das Tor zur 1:0-Führung schießt Junior Adamu, es ist sein erster Treffer im Europacup. Die Bayern gleichen aus und werden die Salzburger im Rückspiel abschießen, doch als Victor Abiola wenige Tage später wieder einmal im G.O.D. Afro-Shop, dem afrikanischen Geschäft seines Vertrauens, steht, muss er seiner Begeisterung über das Tor des Salzburger Stürmers Ausdruck verleihen. „Ein Tor in der Champions League, davon träumt jeder kleiner Junge“, sagt er. Abiola ist Jugendtrainer beim GAK, den heute 22-jährigen Junior Adamu kennt er seit Kindheitstagen.
Aber warum erwähnt er das Tor an diesem Ort? Der Grund ist Haruna Adamu. Er ist der Vater des Torschützen, Besitzer des Geschäfts und ein Freund von Abiola. Adamu steht hinter seinem Verkaufspult und lächelt nur. Er ist keiner, der große Reden schwingt, dabei hat er eine ganze Menge zu erzählen. Hinter ihm an der Wand hängen Fußballposter und -wimpel aus allen möglichen Ländern, und links von ihm, oberhalb der Tür, prangt ein Bild des Serienmeisters aus Salzburg. Die Geschichte von Familie Adamu ist die eines sozialen Aufstiegs, wie ihn sich viele Migranten in Europa wünschen. Der Erfolg seines Sohns, der seit Herbst 2021 auch für das österreichische Nationalteam aufläuft, ist nur eine Facette davon. Aber der Reihe nach.
Warten auf Gentrifizierung
Wir sind in Graz, im Bezirk Gries. Früher nannte man diese Gegend Scherbenviertel. Gries grenzt an den seit einigen Jahren sehr hip gewordenen Bezirk Lend an, der lange für seine Rotlichtmeile bekannt war. Gries ist jene Gegend von Graz, die nun als nächste auf ihre Gentrifizierung wartet. Oder auch nicht. In der Prankergasse, in der sich leere Geschäftsflächen ebenso finden wie eine vor Kurzem in den Konkurs geschlitterte traditionsreiche Destillerie, ein Laufhaus und eines der letzten Bordelle der Stadt, gibt es ein Graffiti, das heraussticht. Weil es so vieles über die urbane Entwicklung der westlichen Welt in den vergangenen Jahrzehnten aussagt. „Gentrifizierung ist Krieg gegen Armut“, steht dort geschrieben. Nur wenige Meter von diesem Satz entfernt, befindet sich Haruna Adamus G.O.D. Afro-Shop.
Grätzlgröße in Gries – Haruna Adamu in seinem Shop
Ich bin 2020 in diese Gegend gezogen, weil die Wohnkosten niedrig sind und die Innenstadt nahe. Ich fühle mich hier wohl. Irgendwann fällt mir auf, dass vor dem G.O.D. Afro-Shop stets ein Auto mit Red-Bull-Salzburg-Wimpel parkt. Bald zähle ich eins und eins zusammen und vermute einen ehemaligen GAK-Spieler, der damals gerade auf Leihbasis in Sankt Gallen spielt, als Grund für das Gefährt. Ich frage einfach einmal nach. Haruna Adamu freut sich, als ich ihn anspreche, und langsam lernen wir uns so gut kennen, dass wir uns freundlich grüßen und ein bisschen feixen. Darüber, dass ich die Karriere seines Sohns Junior als Sportjournalist interessiert verfolge, aber eigentlich lieber einen anderen Meister sehen würde. Und nicht selten antwortet Adamu senior darauf in etwa so: „Ich habe nichts gegen Sturm Graz, aber ich bin natürlich für Salzburg, weil Junior dort spielt.“
Aufstiegsgeschichte
Im Mai stehe ich dann zum ersten Mal als Journalist im Shop. Für den ballesterer spricht Haruna Adamu offen über eine Vergangenheit, die wenig vom Glamour des FC Red Bull Salzburg in der Champions League hat. „Meine Frau und ich haben nach Österreich fliehen müssen. Junior war ein Jahr alt, als wir hierherkamen“, sagt er. „Er ist noch in Nigeria geboren worden – als einziges unserer sechs Kinder.“ Die Familie sucht um Asyl an, Haruna Adamu verkauft die Grazer Straßenzeitung Megaphon, verteilt die Gratiszeitung Österreich und arbeitet im Schlachthof. Irgendwann versucht er, selbst etwas auf die Beine zu stellen. „Es war nicht einfach, diesen Shop zu bekommen. Ich habe wenig Geld gehabt, als ich nach Österreich gekommen bin“, sagt er. „Ich habe hart dafür kämpfen müssen.“
Anfangs habe er nur ein paar Produkte angeboten, heute umfasst sein Sortiment noch immer nicht viel mehr als bei einem kleinen Feinkostladen oder einem Greißler. „Ich habe in Nigeria im Großhandel gearbeitet“, sagt Adamu. Früher habe er auch hier gewohnt, seit sechs Jahren lebt die Familie in Feldkirchen, südlich von Graz. Geschäfte wie das der Adamus gibt es eine Handvoll in der steirischen Landeshauptstadt. Neben Lebensmitteln werden hier Haarprodukte und Wertkarten für günstige Telefonate in die frühere Heimat angeboten. Die Geschäfte sind nicht zuletzt Treffpunkt für die Menschen, die aus Afrika nach Österreich gekommen sind.
Haruna Adamu war einmal Fußballer. Auch er war Offensivspieler – wie sein Erstgeborener und wie seine 17-jährige Tochter Cynthia.
So wie GAK-Trainer und Adamu-Familienfreund Abiola. Er lebt seit 20 Jahren in Österreich. „Bei uns Afrikanern ist das so: Wir kommen mehr zusammen, das ist unsere Kultur. Das gilt auch fürs Einkaufen“, sagt er. „Du gehst schnell zu Haruna, triffst zwei oder drei Leute, und schon bleibst du eine Stunde, redest und trinkst ein Bier.“ Abiola war selbst einmal Fußballer.
Er spielte nach einer Profistation in Singapur beim 1. FC Kaiserslautern vor, über seinen Manager gelangte er schließlich nach Österreich. „Es ist eine lange Geschichte, ich bin zuerst in Wien gewesen, gelandet bin ich aber hier, weil ich mich verliebt habe“, sagt er und grinst ein bisschen. Die Adamus kannte er schon lange vor dem Moment, als der G.O.D. Afro-Shop seine Türen erstmals öffnete. „Wir sind aus dem gleichen Land, sprechen dieselbe Sprache, da lernt man sich in einer Stadt wie Graz schnell kennen.“ Man könnte sagen, Abiola habe Junior Adamu entdeckt. Aber das wäre ihm nicht recht, er erklärt es so: „Ich habe Junior nie trainiert, aber ich habe Haruna seinen ersten Verein empfohlen: GSV Wacker“, sagt er. „Aber auch das klingt nach zu viel: Ich habe im Shop die Website aufgerufen mit der Telefonnummer des Vereins. Und ich bin sehr oft mit Haruna bei Spielen von Junior gewesen.“
Neue Ziele
Auch Haruna Adamu war einmal Fußballer. Auch er war Offensivspieler – wie sein Erstgeborener und wie seine 17-jährige Tochter Cynthia. Sie hat beim Grazer AK gespielt, wird in der Akademie in Sankt Pölten ausgebildet und ist bereits im U17-Nationalteam zum Einsatz gekommen. Im Juni wechselte sie zur Wiener Austria. Mit Mathias und Joshua spielen derzeit zwei ihrer Brüder ebenfalls in der Jugend des GAK beziehungsweise beim LUV Graz. Manchmal sind auch sie im Geschäft anzutreffen. Wenn Haruna Adamu nicht im Shop ist, steht seine Frau Jemima oder auch schon einmal eines der älteren Kinder hinterm Tresen. Junior allerdings nicht mehr. „Wenn er hier ist, kommen zu viele Menschen und wollen mit ihm reden“, sagt Haruna Adamu. Und zu bestimmten Zeiten kann gar kein Familienmitglied den Shop betreuen, nämlich dann, wenn Junior Adamu spielt. Wer ihn schon einmal nach einem Match in Richtung Publikum gehen hat sehen, darf sich recht sicher sein, dass er dann am Weg ist, seine Familie zu begrüßen, die oft gesammelt bei Spielen des ältesten Kindes im Stadion dabei ist.
In Österreich sind solche Besuche noch relativ einfach zu koordinieren, aber wie wird das sein, wenn Junior bald im Ausland auf Torjagd geht? „Ich überlege, den Shop weiterzugeben, um in seiner Nähe zu sein“, sagt Haruna Adamu. „Aber ich hänge sehr an dem Geschäft, es hat uns viel ermöglicht. Vielleicht stelle ich einen Mitarbeiter an.“ Die Überlegungen beschreiben ihn und seine Familie perfekt. Denn verändert hat sich vor und im G.O.D. Afro-Shop kaum etwas in den letzten Jahren, in denen Junior Adamu vom Leihstürmer in Sankt Gallen zum Teamspieler und Königstransfer des SC Freiburg aufgestiegen ist. Oder, wie Familienfreund Abiola über die Familie Adamu sagt: „Sie sind ganz normal geblieben.“
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