„Bitte gehen Sie nach unten, wir übertragen dort alles auf einer großen Leinwand.“ Kurz vor Beginn der offiziellen Eröffnung muss Barbara Staudinger häufiger zum Mikrofon greifen. Der Saal im zweiten Stock des Jüdischen Museums Wien ist brechend voll, die Museumsleiterin lädt die dicht gedrängt stehenden Besucher ein, doch auf die Liveübertragung im Erdgeschoss auszuweichen. Die Sitzplätze in den ersten Reihen sind für Gäste wie ÖFB-Präsident Klaus Mitterdorfer und Vienna-Präsident Kurt Svoboda, ehemalige Aktive wie Karl Daxbacher, Angehörige schon verstorbener Größen wie Hans Menasse und Norbert Lopper und an der Ausstellung beteiligte Historiker und Leihgeber reserviert, aber auch am kleinen Tisch am Ende des Raums nimmt eine Delegation von Austria-Funktionären Platz. Das Atrium im Erdgeschoss füllt sich ebenfalls schnell, es wird Bier ausgeschenkt, Brot gereicht und über Fußball geplaudert. Währenddessen sind auf der Leinwand die ersten Rednerinnen und Redner zu sehen, Staudinger spricht ebenso wie Co-Kuratorin Agnes Meisinger, Mitterdorfer und Svoboda halten ihre Grußworte live, eine Botschaft von Austria-Präsident Kurt Gollowitzer, der an diesem Abend nicht in Österreich ist, wird eingespielt. Aber nicht nur Vertreter aus dem Fußball kommen zu Wort, auch die Generalsekretärin des Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus, Hannah Lessing, spricht, und „Der Nino aus Wien“ singt zwischen den Redebeiträgen. Der 11. Juli 2023 ist vielleicht der erste Tag in der Geschichte Österreichs, an dem an so prominenter Stelle, von so vielen Personen aus unterschiedlichen Institutionen, so offen über ein so lange verschwiegenes, verdrängtes und vergessenes Thema gesprochen wurde: Juden im Fußball. Anlass dazu ist die noch bis 14. Jänner 2024 gezeigte Ausstellung „Superjuden. Jüdische Identität im Fußballstadion“.
Profimeister und Muskeljuden
Dabei ist die jüdische Partizipation am österreichischen Fußball so alt wie das Spiel selbst, waren die Gärtner des jüdischen Bankiers Nathaniel Rothschild doch 1894 die ersten, die in Wien mit dem First Vienna FC einen Verein gründeten. Als Farben wählten sie das Blau und Gelb des Familienwappens, und selbst die heutige Heimstätte, die Hohe Warte, befindet sich in unmittelbarer Nähe zu den Rothschild-Gärten, in denen Wiens Fußballpioniere einst kickten. Ebenfalls nicht weit vom Stadion erinnert der Rudolf-Grünwald-Park an einen jüdischen Vienna-Funktionär, der in der Shoah ermordet wurde. Die Grünanlage wurde 2019 auf Faninitiative nach Grünwald benannt.
Dabei sind die Döblinger nur eines von vielen Beispielen, das den jüdischen Einfluss auf die Anfangszeit des Wiener Fußballs zeigt. Das hat ganz simple, demografische Gründe, machten Juden bis zu ihrer Vertreibung und Vernichtung im Nationalsozialismus doch rund zehn Prozent der Wiener Bevölkerung aus. Und etwas kompliziertere, politische Gründe, schließlich war auch der österreichische Sportbetrieb – und speziell die dominante Turnbewegung – von Antisemitismus durchzogen. Als Reaktion gründete sich um die Jahrhundertwende die Muskeljudenbewegung, die die Stählung des Körpers für zionistische Zwecke proklamierte. In Wien gab es laut Historiker Alexander Juraske von 1899 bis 1938 rund 90 Sportvereine in dieser Tradition, zu den bekanntesten wurden bald die Fußballer der Hakoah. Überhaupt fanden Juden im neuen, aus England importierten Fußballsport Freiräume, die ihnen in Turnhallen, Schwimmbecken und Fechthallen verschlossen waren. „Im Fußball hat es viel weniger völkisch-rassistische Ausgrenzungen gegeben“, sagt Juraske, der auch an der Ausstellung „Superjuden“ mitgearbeitet hat. „Bei jungen Juden war er nicht nur wegen seiner Modernität beliebt, sondern auch, weil er ausländisch war.“
Als der Wiener Fußball ab den 1920er Jahren zu seinem Höhenflug ansetzte, waren Juden immer dabei – als Fans, als Spieler, als Funktionäre und als Journalisten. Das herausragendste Beispiel war wahrscheinlich Hugo Meisl, der als Aktiver, Schiedsrichter, Funktionär und Verbandskapitän Geschichte schrieb. Er pfiff bei den Olympischen Spielen, lobbyierte für die Einführung des Professionalismus, beteiligte sich an der Schaffung neuer Bewerbe wie dem Mitropa-Cup für Vereinsmannschaften und dem Europacup für Nationalteams und verantwortete die Erfolge des „Wunderteams“. Ihm ist im Einleitungsraum der Ausstellung „Superjuden“ genauso ein Platz gewidmet wie dem SC Hakoah. Der Verein trug seine jüdische Identität nicht nur stolz vor sich her, er schrieb 1925 Sportgeschichte, als er den ersten Profimeistertitel auf dem europäischen Kontinent holte. Und auch als 1936 die Österreichische Damenfußball-Union gegründet wurde, stand mit der Unternehmerin Ella Zirner-Zwieback eine Jüdin als Präsidentin an der Spitze.
Fragen der Identitäten
Die Geschichten der Hakoah, von Meisl und Zirner-Zwieback mögen zu den schillerndsten gehören, doch jüdische Präsenz war die Regel, nicht die Ausnahme. Als ein Wissenschafterteam um Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik und Georg Spitaler 2019 seine Forschung zu jüdischen Sportfunktionären in der Zwischenkriegszeit veröffentlichte, fand es bei fast allen Klubs welche. Die einzige Ausnahme unter den untersuchten Erstligisten war der Wiener Sport-Club mit seinen teilweise deutschnationalen Wurzeln. „Der Fußball war ein offeneres Feld. Er hat noch keine so lange Tradition gehabt und daher auch keine starken Institutionen mit kulturellen Ausschlusscodes“, sagt Spitaler. „Das gilt jedenfalls für Wien, wo zumindest 30 Prozent der Verbandsfunktionäre der Zwischenkriegszeit aus jüdischen Familien gekommen sind. In anderen Städten wie Graz hat es auch im Fußball bei den meisten Vereinen schon früh diese berüchtigten ‚Arierparagrafen‘ gegeben.“
Auch wenn Juden in der Boomzeit des Wiener Fußballs in den 1920er Jahren stark repräsentiert waren, verlief das nicht ohne Bruchlinien und Antisemitismus. So kam es bei Spielen der Hakoah immer wieder zu Anfeindungen, öffentliche Debatten über den Professionalismus hatten oft versteckt oder ganz offen antisemitische Töne. „Die Vienna war eine Verfechterin des Professionalismus und hat es von allen Seiten abbekommen“, sagt Vereinshistoriker Juraske. „Der geschäftsführende Vizepräsident Alexander W. Neuman ist in Zeitungsberichten als ‚Juden-Xandl‘ bezeichnet worden.“
Und auch das Fußballfeuilleton hatte sich rasch eine Klassifizierung zurechtgelegt, die durchaus antisemitisch verstanden werden konnte, nämlich die Unterscheidung zwischen den bodenständigen Vorstadtvereinen wie Rapid und der Admira und den bürgerlichen Cityklubs wie der Austria und der Vienna. Der Begriff „bodenständig“ konnte als Chiffre für „nicht jüdisch“ gedeutet werden. Dass die Zuschreibungen widersprüchlich und stereotyp waren, zeigen zahlreiche Beispiele. So hatte der Floridsdorfer AC zwar den Ruf des proletarischen Vorstadtvereins, seine Präsidenten in der Zwischenkriegszeit waren aber ausschließlich Juden. Die Frage, was jüdische Identität überhaupt bedeutet, ob Fremdzuschreibungen oder Selbstdefinitionen entscheiden und wer über die Definitionsmacht verfügt, war schon damals kompliziert. Bernhard Hachleitner hält in einem Beitrag der Zeitschrift Aschkenas fest, dass für das Wiener Feuilleton die lokale Verortung offenbar wichtiger war als die handelnden Personen.