Den Bauernfeldplatz einen Platz zu nennen, ist ein bisschen lächerlich. Er vermittelt den Eindruck einer Baulücke, die zufällig den Lauf der Zeit überstanden hat. Der Betonfleck inmitten des neunten Wiener Bezirks ist ungefähr 25 Meter lang und 20 Meter breit, er ist eingepfercht zwischen der vielbefahrenen Liechtensteinstraße und der Porzellangasse, auf der die Straßenbahnlinie D entlangrumpelt.
Dort, wo heute ein Café seinen Gastgarten betreibt, stand am 11. Mai 1994 eine Videoleinwand. Hunderte Menschen drängten sich davor, die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, einen Verkehrskollaps zu verhindern. Die Menge hoffte auf ein Wunder: Dass die Salzburger Austria den Rückstand aus dem Hinspiel drehen, im Mailänder San Siro Inter besiegen und den UEFA-Cup nach Österreich holen würde. Kurz nach der Pause, es muss etwa 21.45 Uhr gewesen sein, stockte den Zuschauern der Atem. Ein Distanzschuss des Brasilianers Marquinho traf die linke Stange – und prallte von dort auf die rechte. Es wäre die 1:0-Führung für die Austria gewesen, doch der Ball ging nicht ins Tor. Fünf Minuten später traf Wim Jonk für Inter. Die Salzburger kamen noch zu guten Chancen, doch sie fanden in Inter-Goalie Walter Zenga ihren Meister. In der letzten Viertelstunde fehlte die Kraft, nichts ging mehr. Die Party am Bauernfeldplatz eskalierte nicht, sie klang langsam aus.
Der Ausdruck Public Viewing war noch nicht erfunden, das Phänomen schon. Zwölf Jahre vor dem Sommermärchen in Deutschland erlebte Österreich sein Frühlingsmärchen. Der Erfolgslauf der Salzburger in der UEFA-Cup-Saison 1993/94 mit Siegen über favorisierte Teams aus Antwerpen, Lissabon, Frankfurt und Karlsruhe zog das Land in seinen Bann. Auch wegen des Ortswechsels: Spielten die Salzburger die ersten drei Runden noch im heimischen Stadion in Lehen, übersiedelten sie ab dem Viertelfinale ins Wiener Ernst-Happel-Stadion – und füllten es ohne Probleme. Otto Baric untermauerte seinen Ruf als Erfolgstrainer, Tormann Otto Konrad, Heimo Pfeifenberger und Wolfgang Feiersinger wurden zu Popstars, mit „Wir sind die Sieger“ sang sich die Mannschaft in die Charts. Die Austria war überall.
Erste Runde
Das UEFA-Cup-Abenteuer beginnt für die Austria mit einem Leistungseinbruch. Im April 1993 liegen die Salzburger sechs Runden vor Schluss der Meisterschaft fünf Punkte vor der Wiener Austria. Für einen Sieg gibt es nur zwei Punkte, der erste Meistertitel ist zum Greifen nah. Doch dann kommen sie bei der Admira nicht über ein 2:2 hinaus und verlieren am nächsten Spieltag 1:3 gegen den Verfolger aus Wien. Die verbliebenen zwei Punkte Vorsprung sind eine Woche später weg, als die Salzburger bei Rapid wenige Minuten vor Schluss das 0:1 kassieren und die Wiener Austria sich zu einem 1:0 über Wacker Innsbruck zittert. Der amtierende Meister zeigt keine Nervenschwäche. Er gewinnt auch die letzten drei Saisonspiele, verweist Salzburg auf den zweiten Platz – und damit in den UEFA-Cup.
Im Sommer legt Klubpräsident Rudolf Quehenberger die Latte hoch: „Ich will Meister werden und im UEFA-Cup die zweite Runde erreichen. Der Druck, der auf den Spielern lastet, ist hoch, aber damit müssen sie fertig werden“, sagt er Ende Juli den Salzburger Nachrichten. Um die Ziele zu erreichen, haben die Salzburger drei Neuverpflichtungen fürs Mittelfeld geholt: Adi Hütter vom GAK, Peter Artner von der Admira und Damir Muzek von Sturm. Sie ergänzen eine Mannschaft mit großer Routine – und viel Bezug nach Wien-Hütteldorf. Die Verteidiger Heribert Weber, Leo Lainer und Kurt Garger haben in den 1980er Jahren mit Rapid Titel um Titel geholt, drei Jahre sind sie dabei von Baric trainiert worden. Das Team hat aber auch eine Salzburger Identität. Lainer hat seine Profikarriere bei der Austria begonnen, so wie der ebenfalls von Rapid zurückgekehrte Heimo Pfeifenberger und Wolfgang Feiersinger. Auch Martin Amerhauser, Christian Fürstaller, Hermann Stadler und Thomas Winklhofer sind im Bundesland aufgewachsen. Doch die Spieler in Salzburg zu halten, kostet Geld. Geld, das der Verein nicht hat. Die Schulden belaufen sich im Juli auf kolportierte 45 Millionen Schilling – das Erreichen der zweiten Runde im Europacup ist nicht einfach ein Ziel, es ist im Budget eingeplant.
Maximaler Erfolg
„Wir waren mit den Gehältern im Rückstand“, sagt Anton Pichler dem ballesterer. „Wären wir in der ersten Runde ausgeschieden, hätten wir zusperren müssen.“ Heute organisiert Pichler Fußballkongresse, damals ist er 29 Jahre alt und Klubmanager. Vier Angestellte hat der Klub, sie arbeiten in zwei Büros unter dem Stadiondach in Lehen. Noch immer hört man Pichler den Stolz auf das an, was dem Verein in den folgenden Monaten gelingen sollte.
Am Anfang interessiert der Europacup in Salzburg aber nur die eingefleischten Fans. Zum Hinspiel in der ersten Runde ist Dunajska Streda aus der gerade erst wieder gegründeten slowakischen Liga zu Gast. Die Haupttribüne im Stadion Lehen ist gerade einmal zur Hälfte gefüllt, die Zuschauer sehen, wie der 18-jährige Amerhauser kurz vor der Pause zum 1:0 trifft. Auch in der zweiten Halbzeit dominieren die Salzburger, es dauert allerdings bis zur 85. Minute, ehe Pfeifenberger per Flugkopfball den 2:0-Endstand besorgt. Seine Rückkehr von Rapid 1992 hat ihn zum Fanliebling werden lassen, das Vertrauen hat er in der Vorsaison mit 19 Toren bestätigt. Im Fernsehinterview nach der Partie ist Präsident Quehenberger trotz allem der Frust anzumerken. „Ich bin natürlich ein bisserl enttäuscht, dass nur 6.500 Zuschauer dieser Begegnung beigewohnt haben. Aber man muss das zur Kenntnis nehmen, vielleicht ist Salzburg in Sachen Fußball schon etwas übersättigt.“
Zwei Wochen später ist die weitläufige Betonschüssel in Dunajska Streda mit 9.000 Fans ziemlich gut gefüllt. Barics Mannschaft geht durch Stadler in Führung, gerät dann aber ins Schwimmen. Kurz vor der Pause lenkt Tormann Konrad einen Kopfball an die Stange, wenig später pariert er einen Elfmeter. Abermals ist es Pfeifenberger, der in der Abendsonne alles klar macht und nach der Pause zum 2:0 trifft. Nach der Auslosung gefragt, bemüht der Trainer im ORF-Interview nach der Partie sein Lieblingsadjektiv: „Es wäre mir egal, wenn wir Bayern München bekommen. Ich glaube, wir würden auch dann sehr stark spielen. Und es wäre maximal finanziell für unseren Klub.“