In Österreichs organisierter Fanszene ist in den letzten Monaten einiges durcheinandergekommen. Die „Hurricanes“, die seit 2013 den aktiven Support koordinierten, verkündeten im Oktober ihren Abschied aus der ersten Reihe. Grund dafür sei die mangelnde Wertschätzung des ÖFB, wie die Gruppe in einer Stellungnahme erklärte. Hauptverantwortlich für die Stimmung ist seither die „Blutgruppe Rot-Weiß-Rot“. Der Verband wiederum wird künftig die Auflagen
verschärfen, er erarbeitet eine Fancharta, die Verhaltensgrundsätze in der Kurve beinhalten soll und die jeder der rund 20 Fanklubs unterzeichnen muss, um weiterhin den Stempel „offiziell“ zu erhalten. Auslöser für diesen Schritt waren der Einsatz von Pyrotechnik und homofeindliche Gesänge beim 2:0-Sieg über Deutschland im November 2023.
Der Großteil der Fanklubs bereitet sich derweil weitgehend unbehelligt von diesen Turbulenzen auf die EM vor – mit einem großen organisatorischen Vorteil. Denn für sie war es bedeutend leichter, an Karten für die Gruppenspiele zu gelangen, ganz ohne Lotterie auf den UEFA-Portalen. Vom ÖFB erhielten sie teils großzügige Kontingente. Der ballesterer hat im Mai zwei Fanklubs getroffen, um mit ihnen über ihre EM-Pläne zu sprechen.
Kribbeln im Dickicht
Seit 95 Jahren verbindet die Liliputbahn den Praterstern mit dem Wiener Stadion. Die Schmalspurstrecke führt vorbei an den Gastgärten der Institutionen Schweizerhaus und Luftburg und durch den Wald des Grünen Praters bis zur Station „Stadion“. Für Luis Cordero und Thomas Huber ist die Strecke vertraut, seit 2008 fahren die beiden zu fast jedem Ländermatch im Prater mit dem Miniaturzug. 2015 haben sie den Fanklub „Freunde der Liliputbahn“ gegründet. Cordero ist Präsident, Huber sein Vize. Auch den ballesterer nehmen sie an einem warmen Frühlingstag auf die 3,9 Kilometer lange Fahrt mit. „Hier fängt es jedes Mal wieder zu kribbeln an“, sagt Huber, als sich kurz vor dem Endbahnhof das Stadiondach hinter dem Geäst erahnen lässt.
Angefangen hat alles mit einer zehnköpfigen Freundesgruppe, die regelmäßig das Nationalteam überallhin begleitet hat. „Nach dem 1:0-Sieg gegen Russland im Herbst 2014 haben wir uns gefragt: ‚Warum gründen wir nicht einen Fanklub?‘“, sagt Cordero beim Gespräch auf einer Parkbank in Sichtweite der Bahntrasse. „Der Name war logisch: Wir sind gute Freunde und fahren mit der Liliputbahn.“ Ziemlich ohne Auflagen und ohne Fancharta ging der Prozess damals über die Bühne, offiziell vom ÖFB anerkannt wurde der Fanklub im Herbst 2015.
Gehversuche im Tonstudio
In Bad Leonfelden gibt es keinen Bahnhof. Die Gemeinde im Mühlviertel, 20 Kilometer von Linz und zweieinhalb Autostunden vom Prater entfernt, hat aber ein Tonstudio in unmittelbarer Nähe zum Hauptplatz zu bieten. Dort treffen sich an einem Dienstag Anfang Mai sechs Mitglieder der Gruppe „Red Hot Austrian Fans“. Seit 2016 besteht der Fanklub, im Vorjahr hat er sich offiziell beim ÖFB eingetragen. Trotz der jungen Geschichte ist er bei Spielen des Nationalteams kaum zu übersehen: Die Mitglieder tragen rote Anzüge, rote Hüte, rote Schuhe, bei der richtigen Witterung rote Sonnenbrillen und dazu weiße Hemden.
„Ich mag keine Lederhosen, ich wollte irgendetwas Stilvolles, um uns in Schale zu werfen“, sagt Christian Wolfmayr. „Dann bin ich im Internet auf die roten Anzüge gestoßen.“ Die müsse man zur Not nicht einmal in die Putzerei bringen, sondern könne sie in die Waschmaschine werfen. Rund 15 Männer gehören zum harten Kern der Gruppe, sie kennen sich zum Großteil aus dem oberösterreichischen Unterhaus, Wolfmayr hat mit Donau Linz in der Regionalliga und dem SK Sankt Magdalena in der Landesliga gekickt. Die Lust am Zuschauen haben die Fanklubmitglieder während des österreichischen Kurzauftritts bei der EM 2016 entdeckt. „Wir haben trotzdem Spaß gehabt“, sagt Wolfmayr. „Und jetzt nutzen wir die Partien oft für Urlaube in Gegenden, in die wir sonst nicht kommen. Das Match auf den Färöern war ein Wahnsinn.“
Aufgrund der starken Präsenz bei den Heim- und Auswärtsspielen im Vorjahr sprach der ÖFB dem Fanklub 100 Tickets für jede Vorrundenpartie zu. Wolfmayr hat Busse nach Berlin und Düsseldorf gechartert und ist noch auf der Suche nach Lokalen, in denen die Delegation vor den Spielen Platz hat. Und noch etwas hat sich der 54-Jährige für die EM überlegt: eigene Lieder. Sie sind auch der Grund für das Treffen im Bad Leonfeldener Tonstudio. Einer nach dem anderen verschwinden die sechs Männer im Aufnahmeraum, um ihre Parts von „Alles machbar beim Nachbar“ und „100.000 Hände“ einzusingen. Kleine Textprobe: „Das Spiel nimmt ein sehr gutes Ende / Wir Fans haben viele Hände.“
Als Fototapete kleben Porträts der vier Beatles im Studio an der Wand, musikalische Ambitionen hat von den „Red Hots“ aber niemand. Er könne überhaupt nicht singen, sagt Mitglied Christian „Bobby“ Schilcher lachend. Als Kollege Erwin Wolfesberger von der Aufnahme zurückkommt, verkündet er: „So schlecht habe ich nie gespielt, wie ich jetzt gesungen habe.“
Blick nach vorn
Nicht mit dem Bus, sondern stilecht mit dem Nachtzug werden Cordero und Huber die Reise zu den Partien in der Gruppenphase antreten. Genug Karten pro Partie hat der ÖFB dem ferrophilen Fanklub zugeteilt, bei der EM 2016 seien es noch ein paar mehr gewesen, sagt Huber, genaue Zahlen möchte er nicht nennen. „Jedes Gruppenmitglied, das Interesse gehabt hat, ist versorgt.“ Sportlich erhoffen sich die „Freunde der Liliputbahn“ den Aufstieg ins Achtelfinale, die Schlüsselpartie gegen Polen werde aber nicht leicht. „Die polnischen Fans gehören sicher zu den besten in Europa“, sagt Huber. „Das wird wegen der geografischen Nähe eher ein Auswärtsspiel.“
Der Blick geht aber ohnehin über Deutschland und seine Nachbarschaft hinaus. „Wir wünschen uns, dass wir das Nationalteam auch endlich einmal bei einer WM anfeuern können“, sagt Cordero. Das kommende Turnier 2026 in Kanada, den USA und Mexiko wäre für den Obmann, der 1994 aus Guatemala nach Österreich gekommen ist, fast so etwas wie ein zweites Heimspiel.