Zwei große Gruppen von Fans rennen auf einer Wiese aufeinander zu, Plastikflaschen fliegen durch die Luft, Bengalen werden gezündet, eine Prügelei beginnt. Deutschland trifft in Köln auf Österreich. Nein, nicht in der Realität, das gibt der EM-Spielplan nicht her. Das ist jedoch das Szenario, das Polizisten aus Nordrhein-Westfalen im vergangenen August rund um das Müngersdorfer Stadion geübt haben. 900 Beamte waren im Einsatz, 300 von ihnen spielten die randalierenden Fans. „Im Sommer 2024 reisen hunderttausende Fans nach Nordrhein-Westfalen, um ihre Mannschaften zu unterstützen. Mit dabei – so ist es immer – auch hunderte, vielleicht tausende gewaltbereite Störer“, schreibt die Polizei über die Übungen, die in ganz Deutschland stattgefunden haben.
Die Einschätzung, dass tausende EM-Fans bereit und womöglich begierig auf gewalttätige Auseinandersetzungen sind, teilt die Polizei mit unseriösen Medien wie der englischen Sun. Das Boulevardblatt berichtete im März, Ultras der Frankfurter Eintracht würden planen, englische Fans in Pubs zu überfallen. Auch wenn es etwa bei der EM 2016 in Lille und Marseille durchaus zu Ausschreitungen kam, ist dieses Szenario nicht allzu wahrscheinlich. Die Polizei wirft sich dennoch mit großem Eifer in ihre Rollenspiele, vielleicht manchmal mit zu großem. In Köln erlitt ein als Störer verkleideter Polizist einen Beinbruch.
Drehbuch der Eskalation
Folgt man der Einschätzung vieler Fans und Rechtshilfen in Deutschland, trainiert die Polizei für die EM längst nicht immer unter sich. In der Saison 2023/24 kam es zu zahlreichen Konflikten zwischen Fans und Sicherheitsbehörden. Die Polizei setze vor der EM auf eine Eskalationsstrategie, schrieb der Dachverband der Fanhilfen in einem Offenen Brief. „Allein in der Hinrunde hat der Dachverband über 16 Spiele gezählt, wo die Polizei aufgrund von Kleinigkeiten oder mangelhafter Kommunikation mit den Fans bewusst Einsätze eskaliert hat, die zu massenweisen Verletzten geführt haben.“ Es kam mehrfach zum großflächigen Einsatz von Pfefferspray, Fangruppen wurden über Stunden eingekesselt, an Stadien wurden Wasserwerfer aufgefahren und Drohnen eingesetzt. Mehrfach kritisierten auch die Vereine das Verhalten der Polizei.
Besonderes Misstrauen hat ein Vorfall vom Februar geweckt, bei dem ein Zug mit rund 800 Fans des HSV auf dem Weg zurück aus Rostock am Bahnhof Hamburg-Bergedorf angehalten wurde. Die Fans mussten für eine Kontrolle stundenlang im Zug bleiben – die Polizei erklärte, sie sei auf der Suche nach Verdächtigen einer Schlägerei in Dortmund ein halbes Jahr zuvor. Kritik zum Einsatz kam auch von Fans des FC Sankt Pauli. Ein Vertreter der „Braun-Weißen Hilfe“, der Rechtshilfe des Stadtrivalen, sagte dem Deutschlandfunk, dort seien auch Frauen festgehalten worden, obwohl die Polizei nur männliche Verdächtige gesucht habe. Vor allem aber habe die Situation auffällige Ähnlichkeit mit einem Übungsszenario am selben Ort im Oktober 2023. „Dort wurden entsprechende Kontrollen und auch das Begleiten von Fans durch die Polizei geübt. Wenige Monate später haben wir genau dort an diesem Bahnhof eine Großkontrolle.“
Polizeivertreter dementieren diese Zusammenhänge. Bei Turnieren seien ganz andere Zuschauergruppen anwesend, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jochen Kopelke, im Deutschlandfunk. „Wir haben andere Voraussetzungen, insofern kann das gar kein Trainingsfeld sein.“ Damit trifft er zwar einen Punkt, den Verdacht, die Polizei setze durch Eskalation das Thema Stadionsicherheit und die Bedeutung der eigenen Rolle auf die Agenda, räumt er aber nicht aus. Sollte das die Strategie sein, ist sie zumindest teilweise aufgegangen. So konstatierte die Konferenz der Innenminister der Bundesländer im Dezember 2023 ein erschreckendes Ausmaß gewalttätiger Ausschreitungen in Stadien. Ähnlich äußerten sich die Sportminister ein halbes Jahr später. Man rufe DFB und DFL zum Handeln auf. Die Verbände reagierten relativ gelassen. Sie richteten eine Arbeitsgruppe Stadionsicherheit ein, die Verbesserungsvorschläge erarbeiten soll. DFB und DFL spielten in einem Statement vom April den Ball zurück: „Die Zahlen belegen, dass das Stadionerlebnis in Deutschland sehr sicher ist. Unter Beibehaltung dieses Sicherheitsniveaus gilt es, Einsatzstunden der Polizei zu reduzieren.“
Vorsprung durch Technik
Spätestens mit den Anschlägen auf eine Konzerthalle in Moskau ist der islamistische Terrorismus wieder in den Fokus gerückt. Die CDU fordert mehr Zugriffsmöglichkeiten auf digitale Daten, Videoüberwachung per Gesichtserkennung und künstlicher Intelligenz, um die Sicherheit bei der EM zu gewährleisten. „Fußballfans sind keine Terroristen“, schrieb der Dachverband der Fanhilfen in einer Reaktion. Hier werde unter dem Deckmantel angeblicher Terrorabwehr eine neue Dimension der Überwachung erprobt.
Bei den bisher eingesetzten Hilfsmitteln haben Fans in der Vergangenheit schon viel Kritik geübt – und dabei auch recht bekommen. So erklärte ein Verwaltungsgericht in Baden-Württemberg 2020 den polizeilichen Einsatz von Drohnen für rechtswidrig, sofern er nicht deutlich sichtbar erfolgt. Auch die Erhebung von personenbezogenen Daten sei nicht ohne Weiteres zulässig.
Ein Einsatz menschlicher statt künstlicher Intelligenz erfolgt in mehreren Bundesländern auch im Fußball mit den sogenannten Super Recognizern. Das sind für die Personenerkennung besonders begabte Beamte. Sie sind Thema zahlreicher Medienberichte, scheiterten im Praxistest aber zuletzt in einem Verfahren gegen einen vermeintlich als Straftäter erkannten Fan von Dynamo Dresden. Er wurde vor Gericht nach elf Minuten freigesprochen. „Sowohl die Kosten des Verfahrens als auch die Ausbildung solcher Super-Kräfte zahlt der Steuerzahler“, kommentierte die Dresdner Fanhilfe. An den Plänen der Polizei ändert das nichts: Drohnen und Gesichtserkenner sollen auch rund um die EM-Stadien zum Einsatz kommen.