„Ich weiß, dass die Qualifikation für den Arsch war. Alles, was wir geleistet haben, war schlecht“, teilte Robert Lewandowski der Kabine nach dem 5:4-Erfolg über Wales im Elfmeterschießen mit. „Aber diese Etappe liegt nun hinter uns. In den Play-offs haben wir gut gespielt. Auf dem Feld war bemerkbar, dass alle Teil dieser Mannschaft sein und gewinnen möchten.“
In der 30-minütigen Reportage, die der polnische Verband auf YouTube publizierte und in der hinter die Kulissen des entscheidenden EM-Qualifikationsmatches in Cardiff geblickt wird, wirkt der 35-jährige Lewandowski gelassen und erleichtert. Wenige Minuten zuvor war das nicht der Fall. Als nach neun verwandelten Elfmetern beider Teams Daniel James auf Goalie Wojciech Szczesny traf, stand Lewandowski vom Geschehen abgewandt an der Mittellinie – und im Gegensatz zu seinen Teamkollegen mit dem Rücken zum Tor.
Das kollektive akustische Entsetzen der walisischen Fans ließ ihn wissen, dass eine desolate Qualifikationsrunde, in der Polen sich gegen jeden Gegner gemüht hatte, ein glückliches Ende genommen hatte und ihm sein vielleicht letztes großes Turnier in Deutschland bevorsteht. Seine Ära in der Nationalmannschaft neigt sich langsam dem Ende zu. Im Gegensatz zu Szczesny, der während der Qualifikationsphase deutlich machte, seine Teamkarriere nach der EM zu beenden, lässt sich Lewandowski seine Zukunft jedoch noch offen. Sein Beitrag zu den Erfolgen der letzten Jahre ist enorm. Von acht möglichen Turnieren führte der Stürmer des FC Barcelona die „Reprezentacja“ zu zwei Welt- und vier Europameisterschaften, 2012 nahm Polen als Co-Gastgeber zudem ohnehin teil. Doch in den letzten Jahren trat eine ganze Generation an Spielern ab, die seit mehr als einer Dekade den Kader geprägt und dem polnischen Fußball mit dem EM-Viertelfinale 2016 und dem WM-Achtelfinale 2022 die größten Erfolge seit den 1980ern Jahren beschert hatte.
Jahrelange Stagnation
Retrospektiv lässt sich trotz dieser Erfolge die These aufstellen, dass das Potenzial von Spielern wie Jakub Blaszczykowski, Kamil Glik, Grzegorz Krychowiak und Lukasz Piszczek in der Ära Lewandowski nicht komplett genutzt worden ist. Die Mannschaft stagniert spielerisch seit Langem. Allein in den letzten zwei Jahren suchten vier Teamchefs, aktuell Michal Probierz, nach Ideen, das offensive Potenzial um Lewandowski zu nutzen – erfolglos. Im Przeglad Sportowy, der ältesten Sportzeitung Polens, brachte Andrzej Juskowiak die Misere auf den Punkt: „Das Kreieren von Torchancen und die wenigen Torschüsse sind das große Problem der Mannschaft.“ Der ehemalige Stürmer und Gewinner der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1992 kritisierte die defensive und auf Konterchancen fokussierte Ausrichtung der Mannschaft: „Wir sind vorhersehbar, wir wiederholen unsere Wege und sind leicht zu dechiffrieren. Wir können niemanden überraschen.“
Lewandowskis Positionierung steht sinnbildlich für diese Taktik, die der Offensive die Flügel stutzt. Er kehrt oft an die Mittellinie zurück, um Bälle zu verteilen und Angriffe zu initiieren. Eine mannschaftsdienliche Rolle, die Fans seines Arbeitgebers FC Barcelona nicht fremd sein dürfte. Der Angreifer übernimmt bei den Katalanen vermehrt Defensivaufgaben, worunter auch dort seine Treffsicherheit leidet. „Polen ist zu weit vom gegnerischen Tor entfernt, es wird kaum gedribbelt. Das liegt mitunter daran, dass wir bis auf Piotr Zielinski und Nicola Zalewski keine Spieler haben, die Duelle in der gegnerischen Hälfte gewinnen können“, sagte Juskowiak. Damit spricht der ehemalige Spieler von Borussia Mönchengladbach und dem VfL Wolfsburg sowohl die aktuelle Ausbildungssituation als auch die Zukunft der Nationalmannschaft an. Es gibt keinen Zufluss an jungen Spielern von hoher internationaler Klasse.
Strukturelle Probleme
In der Ekstraklasa liefern sich Vertreter von Legia Warszawa und Lech Poznan abseits des Rasens regelmäßig Wortduelle darüber, wer die bessere Akademie habe. Und die Funktionäre beider Klubs haben einen Punkt, wenn sie behaupten, dass ihre Eigengewächse früh den Weg ins Ausland wagen, etwa nach England und Deutschland. Bei einem genaueren Blick zeigt sich aber, dass die Spieler dort Anpassungsschwierigkeiten haben und sich letztlich nicht durchsetzen. Derzeit spielt bei keinem europäischen Topklub ein Pole unter 25 Jahren eine tragende Rolle. Der Journalist Marek Warzynowski vom Przeglad Sportowy sieht daher eine Reihe von mageren Jahren auf die international ohnehin unbedeutende Liga und das Nationalteam zukommen: „Selbst wenn in dem System, das seit Jahren die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen vernachlässigt, Spieler von internationaler Klasse produziert werden sollten, würde man auf die Effekte sieben oder acht Jahre lang warten müssen.“
Viel deutet also darauf hin, dass es um die Zukunft des polnischen Fußballs nicht gerade rosig bestellt ist. Den Polen droht nach Lewandowskis Rücktritt eine durchschnittliche Auswahl ohne herausragende Spieler. Immerhin der Stürmer ist davon überzeugt, dass der Auftritt in der EM-Gruppe mit Frankreich, den Niederlanden und Österreich Früchte tragen wird. „Wir werden bei der EM um etwas kämpfen“, sagte er dem Onlineportal Wirtualna Polska. „Wir werden gute Spiele zeigen, gewinnen und punkten. Wir haben die vielleicht schwierigste Gruppe, aber wir sind mental stark. Nach der schwachen Qualifikation ist in Cardiff etwas geboren worden. Etwas, das uns bei der EM gewinnen lassen wird.“
Eine Vermutung, die der Journalist und Youtuber Krzysztof Stanowski, der für seine kritischen Nationalteamanalysen bekannt ist, nicht ausschließen mag: „Alles war schlecht, aber es ist gut ausgegangen. Um gegen Österreich oder die Niederlande zu bestehen, muss man sportlich wachsen. Unter Probierz, so scheint es, tun wir das.“