Martin Krauss‘ Buch ist eine perfekte Begleitlektüre für die TV-Übertragungen der Olympischen Spiele in Paris. Die Anfeindungen gegen die Boxerin Imane Khelif, die angeblich ein Mann sein soll, und die rassistischen Definitionen, welche Körper von welchen Kontinenten für welche Sportart geeignet sind – das klingt alles bekannt. Aber auch das „All Black“-Stockerl der Mehrkampf-Turnerinnen, die einander feiern, könnte aus der neuen Geschichte des Sports stammen, wie der Untertitel des Buchs lautet. „Dabei sein wäre alles“ ist eine Reise durch mehrere Jahrhunderte, Kontinente, Sportarten, durch Diskriminierungen verschiedener Art und das Aufbegehren dagegen.
Praktisch jedes Kapitel bietet Entdeckungen wie die anarchisch-demokratischen „Cotswold Games“ des 17. Jahrhunderts und die Sportfeste der Französischen Revolution. Manche Episoden wie die vom Übergriff des spanischen Verbandspräsidenten gegen Jennifer Hermoso sind aktuell und bekannt. Die Radrennfahrerin Alfonsina Strada, der Boxer Battling Siki und der Langstreckenläufer Carlo Airoldi dagegen schrieben zu ihrer Zeit Schlagzeilen und gerieten dann in Vergessenheit. In ihren Geschichten werden Kämpfe um Teilhabe ebenso sichtbar wie die Ausschlussmechanismen, auf die der institutionalisierte Sport seit mehr als 100 Jahren baut.
Wie schwierig ist es gewesen, Biografien von vergessenen und verdrängten Athletinnen und Athleten aus aller Welt zu finden?
Martin Krauss: Gar nicht so schwierig, es gibt vor allem in den USA eine gute, kritische Sportgeschichtsschreibung. Ich habe dann Geschichten wie denen über Schwarze im weißen Baseball der 1890er Jahre nachgespürt. Und immer wieder habe ich gedacht: „Warum weißt du das nicht?“. Manchmal sind es Zufallsfunde gewesen wie zur Fechterin Helene Mayer. Sie ist im deutschen Sprachraum zwar bekannt, weil sie als sogenannte Halbjüdin bei Olympia 1936 vom NS-Regime vereinnahmt worden ist. In der US-Sporthistorie gilt sie aber nicht als naives Opfer, sondern als bemerkenswerte Sportlerin. Diese beiden Erzählungen haben sich bisher nicht getroffen.
Neben praktischen Ausschlüssen hat es oft einen theoretischen Überbau gegeben, um etwa zu erklären, warum Frauen nicht Fußball spielen sollen.
Diese Theorien sind immer nachgereicht worden, und zwar zu bestimmten Zeitpunkten. Als der Sport sich konstituiert hat, haben noch alle dabei sein können. Beim Frauensport kann man das sehr gut zeigen. In den 1890er Jahren und teilweise etwas später noch hat es in den Leistungen und der sozialen Wahrnehmung keine großen Unterschiede gegeben. In England sind die Fußballerinnen während und nach dem Ersten Weltkrieg sehr erfolgreich gewesen, erfolgreicher als die Männer teilweise. Und genau dann ist das Verbot gekommen.
Gilt das auch für andere Gruppen?
Ja. Am Rande der Olympischen Spiele 1904 in Saint Louis hat man versucht, wissenschaftlich zu beweisen, dass Native Americans und andere Ethnien im Sport per se unterlegen seien. Als das nicht zu halten war, hat sich der Rassismus modernisiert. Dann ist die Vorstellung entwickelt worden, schwarze Menschen können schnell laufen und hoch springen, weil sie Tieren ähnlicher sind. Diese Denkmuster sind nicht so überwunden, wie wir es gerne hätten, wenn man etwa an Sportberichterstattung über afrikanische Fußballteams denkt.
Warum geschehen die Ausschlüsse um diese Zeit?
Damals findet die Institutionalisierung der früher häufig anarchischen Volksfeste mit Sport für alle statt. Klubs und Verbände werden gegründet, Regelwerke verabschiedet und normiert. Die rassistischen, antisemitischen und sexistischen Ausschlüsse sind gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Ebenso wie die Widerstände dagegen, etwa die Suffragettenbewegung.