Die Schweizer haben’s erfunden. Die Fans des FC Basel unterbrachen schon im November 2010 eine Partie direkt nach Anpfiff, indem sie Tennisbälle aufs Feld
warfen. Sie protestierten damit gegen die Verlegung des Auswärtsspiels in Luzern auf die Mittagszeit, weil am Nachmittag stattdessen ein Tennismatch im Schweizer Fernsehen übertragen werden sollte. „Ihr bestimmed d‘Aaspiilzyt, mir wenn aapfiffe wird!“, also „Ihr bestimmt die An stoßzeit, wir wann angepfiffen wird“, stand auf dem begleitenden Spruchband.
Tennisbälle als Protestmittel haben sich längst von tatsächlich stattfindenden Tennisspielen gelöst – und in den vergangenen Monaten in mehreren europäischen Ländern eine spektakuläre Rückkehr gefeiert. Im Februar ging der geplante Investorendeal des deutschen Liga-verbands in einem Hagel Tennisbälle, Schokomünzen und Zitronen sowie ferngesteuerten Miniaturautos mit Bengalen unter. Im Juli wurden Tennisbälle in Norwegen knapp, denn Fans zwischen Oslo und Tromsö protestierten damit gegen die 2023 erfolgte Einführung des VAR in den Profiligen. Als landestypische Ergänzungen flogen Plundergebäck und fiskekaker, Fischlaibchen, aufs Feld. Im August und September wurden die ersten Runden in der Ligue 2 ebenfalls von Tennisballwürfen begleitet. „Le Foot, c’est le weekend“, „Fußball ist am Wochenende“, lautet das Motto der Kurven gegen den neuen TV-Vertrag, der in der ersten Runde sechs Partien am Freitagabend, eine am Samstag und zwei am Montag vorsah.
Die Gründe der Proteste unterscheiden sich, gemeinsam ist ihnen die Form. In Deutschland gelang es den Fangruppen in wenigen Wochen, den im Dezember 2023 angebahnten Zwei-Milliarden-Deal zu kippen. Zwar wurden die Proteste von Funktionären und in manchen Medienkommentaren kritisiert, doch das sonst so schnell verteilte Label „Fangewalt“ verfing kaum. Zu kreativ und überraschend waren die Aktionen, zu überzeugend kommunizierten die Fans ihre Kritik.
In Norwegen zwangen die Fans Verband und Vereine an den Verhandlungstisch. Ob der VAR Bestand hat, entscheidet sich nun in einer Generalversammlung der Klubs im kommenden Frühjahr. In Frankreich unterbreitete der TV-Sender beIN Sports, der die Anstoßzeiten vorgegeben hatte, inzwischen ein Kompromissangebot. Das sei ein guter erster Schritt, aber nicht genug, erklärte der Fandachverband ANS. Das Selbstbewusstsein der Fans ist groß, sie wissen um ihre Macht.
Die Parallelen gehen über die Wahl der Wurfgeschosse hinaus, der größte gemeinsame Nenner ist das vereinsübergreifende Handeln der Kurven. „Innerhalb weniger Stunden saßen alle Gruppen an einem Tisch“, schrieben die französischen Fanorganisationen. Sowohl die Investorenvereinbarung in Deutschland als auch der TV-Vertrag in Frankreich lassen sich mit der Pandemie in Verbindung bringen, deren Auswirkungen so manchen Klub an den Rand des Ruins und darüber hinaus gebracht haben. Auch viele Fans haben ihre Lektionen aus dieser Zeit gelernt, sie setzen aber nicht auf neues Kapital, sondern auf alte Weisheiten: „United we stand“ und „Football is nothing without the fans“.