Den ersten Höhepunkt seiner Popularität erreichte Arsenal Fan TV, kurz AFTV, Mitte der 2010er Jahre. In den letzten Jahren unter Trainer Arsene Wenger gab es genug Gesprächsbedarf, wöchentlich stritten Vertreter der Gruppen „Wenger in“ und „Wenger out“ vor dem Stadion miteinander, die Videos dazu wurden millionenfach geklickt. Mittlerweile ist der Kanal mit knapp 1,7 Millionen Abonnenten auf YouTube eine Institution, für viele Fans ist die digitale Nachbesprechung ein fixer Bestandteil des Spieltags.
Auch bei anderen Premier-League-Teams sind vergleichbare Kanäle entstanden – und zwar unabhängig von Vereinen und klassischen Medien, von Fans für Fans. „Chelsea Fan TV“, „West Ham Fan TV“ und „We Are Tottenham TV“ sind nicht so prominent wie der Vorreiter bei Arsenal, doch gemeinsam ist ihnen, dass sie die Stimmung an der Basis einfangen wollen. Sie führen Straßenumfragen durch und diskutieren über Ergebnisse, Spieler und Funktionäre. Für alle, die sich keinen Stadionbesuch leisten können oder wollen, gibt es als Alternative Watch-Along-Livestreams: Das Spiel übertragen die Kanäle nicht, nur die Reaktionen der Macher darauf. Das heißt, dass man anderen Menschen dabei zusieht, wie sie ein Fußballspiel schauen und den Bildschirm anbrüllen. Je nach Spielverlauf und Ergebnis gibt es übertriebene Lobeshymnen oder flammende Wutreden.
Gegen jeden Trainer
Angefangen hat alles im November 2012. Da gründet Robbie Lyle, ein ehemaliger BBC-Radiomoderator, AFTV. Er ist bis heute das Gesicht des Kanals. Jahrelang werden vor und nach Arsenal-Spielen Meinungen und Reaktionen der Fans eingesammelt, über die Zeit gewinnt der Kanal an Aufmerksamkeit – und an Protagonisten. Die Moderatoren und Fans werden in gewisser Weise zu Hauptdarstellern einer wöchentlichen TV-Serie. Da ist zum Beispiel der bis dahin unbekannte Aumar Hamilton, der im Dezember 2016 nach einer Auswärtsniederlage bei Manchester City ins Mikrofon von AFTV sagt: „Meine Mutter ist Wenger in. Ist sie verrückt? Mama, ich liebe dich, aber ich weiß nicht, was du dir in den Tee gibst.“ Wenig später startet Hamilton als „Troopz“ auf YouTube mit einem eigenen Kanal durch.
Er gehört zum AFTV-Inventar, bis er 2020 in New York bei der Videoplattform „Barstool Sports“ andockt und dort über die Premier League spricht. Dann ist da Ty, für den das Glas grundsätzlich halbvoll ist und der in voller Arsenal-Montur besondere Erklärungen für verlorene Matches findet: „Wir müssen berücksichtigen, dass es geregnet hat“, erklärt er nach einer Niederlage gegen Watford. Claude brüllt nach einem Unentschieden gegen Crystal Palace, dass Cheftrainer Unai Emery seine Sachen packen solle: „It’s time to go!“ Ein paar Augenblicke später klopfen ihm andere Arsenal-Fans dafür vor der Kamera auf die Schultern. Viele Momente aus den Videos haben heute Kultstatus. Die Clips werden immer wieder gepostet, oft in Kontexten, die überhaupt nichts mit Fußball zu tun haben.
Simple Rechnung
Dafür gibt es nicht nur Applaus. Ein Fan von Crystal Palace stahl im Oktober 2019 bei einer Auswärtspartie seiner Mannschaft bei Arsenal „Mr. DT“, einem weiteren AFTV-Protagonisten, vor laufender Kamera sein Markenzeichen: ein Kapperl mit der Aufschrift „Behave“. Beim Rückspiel im Jänner präsentierten es die Palace-Fans ziemlich stolz. An einem Seil befestigt ließen sie es über ihrer Tribüne, dem Holmesdale Stand, baumeln. Zustimmung kam sogar aus dem Gästesektor: „Arsenal Fan TV – get out of our Club“, sangen die Arsenal-Fans im Selhurst Park.
Schon davor meldete sich ein Spieler zu Wort. „Wie kann das ein Fan sein? Ich denke, das sind vor allem Menschen, die Geld verdienen wollen“, sagte der damalige Arsenal-Verteidiger Hector Bellerin 2018 bei einer Veranstaltung des Debattierklubs der Universität Oxford, als er nach seiner Meinung zu AFTV gefragt wurde. Für Robbie Lyle ist der Kanal längst ein Vollzeitjob, und Schimpftiraden gehören zum Geschäftsmodell, gerade die sogenannten Rants kommen gut an. Von den zehn Videos mit den meisten Aufrufen wurden sieben nach enttäuschenden Ergebnissen aufgenommen. Die Rechnung ist simpel: je höher die Niederlage, desto höher die Klickzahl.