Lange konnten deutsche Intellektuelle Fußballnähe demonstrieren, indem sie die Aufstellung des Weltmeisterteams von 1954 aufsagten. Doch wer kennt Karl Barufka und Jakob Streitle? Sie standen, ebenfalls unter WM-Trainer Sepp Herberger, vier Jahre davor gegen die Schweiz am Platz. Am 22. November 1950 fand das erste deutsche Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg statt, im Juni war der DFB wieder in die FIFA aufgenommen worden. Fabian Siegel erzählt die Geschichte dieser Mannschaft, die auch die Geschichte der Rückkehr des Fußballs in das von den Alliierten besetzte Deutschland ist. Dabei geht es um Kartoffeln und Gemüse, die bei Spielen am Land als Prämie lockten, um die bürokratisch beschwerliche Gründung von Vereinen, Landesverbänden und Ligen in den Besatzungszonen. Und darum, wie die BRD wieder für internationale Länderspiele zugelassen wurde, trotz der Nazivergangenheit von DFB-Präsident Peco Bauwens. Siegel ist TV-Journalist, und das ist seiner fast filmischen Erzählweise anzumerken. Er ist nah dran an seinen Protagonisten – auch wenn es um deren Leben vor 1945 geht, um Wehrmachtsoldaten, um Günstlinge des NS-Regimes und um Trainer Herberger, der schon 1933 in die NSDAP eintrat.
ballesterer: Welche Quellen haben Sie für Ihre Arbeit genutzt?
Fabian Siegel: Zeitgenössische Presse, lokale und überregionale, was nicht so leicht war, weil die Zeitungen nach Kriegsende nicht gleich regelmäßig erschienen sind, in der amerikanischen Zone ging es schneller, in der französischen langsamer. Auch über Vereinsarchive und Gespräche mit Nachkommen habe ich ein Bild bekommen. Beim DFB liegen die Aufzeichnungen von Sepp Herberger, das sind viele Notizzettel und Briefe.
Die Handlung beginnt im Mai 1945, in der sogenannten Stunde null. Wie erzählen Sie das, was vorher war?
Das ist am schwierigsten gewesen. Ich wollte über die fünf Jahre bis zum ersten Länderspiel schreiben, und ich wollte nicht auktorial erzählen, sondern auf dem Stand der Zeit. Aber wenn ich die Perspektive der Protagonisten verwende, gilt das eben auch für ihre NS-Vergangenheit. Dann muss ich die damals verbreitete Verklärung der eigenen Biografie miterzählen. Das war gerade bei Sepp Herberger und bei Peco Bauwens, der seine Täterbiografie geleugnet hat, sehr herausfordernd. Da haben mein Lektor und ich jeden Satz auseinandergenommen.
Der Titel von 1954 hat seinen festen Platz in der deutschen Fußballgeschichte. Wofür steht das 1:0 gegen die Schweiz von 1950?
Ohne dieses Länderspiel hätte es den WM-Titel nicht gegeben. Die Mannschaft ist 1954 nicht aus dem luftleeren Raum aufgetaucht, und auch 1950 nicht. In Herbergers Kopf hat der Aufbau des Teams direkt nach Kriegsende begonnen. Was ich erzähle, ist die Vorgeschichte der Vorgeschichte.
Der Spielbetrieb ist nach dem Krieg sehr schnell wieder aufgenommen worden. Warum ist das so wichtig gewesen?
Ich kann es mir nur so erklären, dass es unter anderem eine Art Eskapismus bedient hat. In Süddeutschland ist im November 1945 wieder im Ligabetrieb gespielt worden. Für ein Auswärtsspiel in Mannheim bist du damals von Stuttgart aus den ganzen Tag unterwegs gewesen. Um da Vereine und Ligen wiederaufzubauen, brauchst du viel Idealismus.
Haben Sie Lieblingsprotagonisten?
Spontan geantwortet sind es die Spieler, denen ich mich durch Gespräche mit Angehörigen nähern konnte. Mit der Witwe von Karl Barufka habe ich zum Beispiel viel gesprochen. Mit Herbert Burdenskis Sohn Dieter, der leider gerade verstorben ist, habe ich länger telefoniert. Für ihn ist es spannend gewesen, sich mit der Geschichte seines Vaters zu beschäftigen. Und mir sind auch diejenigen besonders nahe, die 1950 Säulen des Teams waren, aber 1954 keine Rolle mehr gespielt haben.
Mehr Fußballgeschichten aus der Nachkriegszeit in Deutschland erzählt Autor Fabian Siegel auf Instagram https://www.instagram.com/truemmerfussball/