Warum habe ich nur nie Französisch gelernt? Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Mein Malick, ich würde doch so gerne mit dir reden. In deiner Sprache. Da gibt es so vieles, was ich dich fragen und dir sagen will. Englisch könnte ich anbieten und Italienisch. Da bin ich wirklich gut. Aber Französisch hatten wir nicht in der Schule. Das hat schon meine Aufnahme in die Diplomatische Akademie verhindert. Jetzt muss ich dir aufschreiben, was ich auf dem Herzen habe. Ich könnte es dir dann mit deepl.com übersetzen lassen, und schon kannst du es lesen.
Mein Malick, du schaust immer so schüchtern, fast ängstlich. Aber wenn du den Ball bekommst, dann beginnt dein Gesicht zu leuchten. Du wirst selbstbewusst und weißt, was du tust. Deine ersten drei Schritte sind wahnsinnig schnell, und schon bist du weg von deinem Gegenspieler. Aber jetzt kommt es: Der Fußball ist bei dir nicht nur ein Laufsport. Eher ein Tanzsport. Du tanzt mit dem Ball am Fuß. Du drehst dich, verlagerst ein wenig dein Gewicht, und deine Gegenspieler stolpern. Selbst wenn sie dich dann foulen, scheint der Ball dir noch immer am Fuß zu kleben. Du stehst im Stürzen schon wieder auf und läufst weiter. Immer zielstrebig Richtung Tor. Nach vorne ohne Verzögerung. Doch die Verschleppung kannst du auch, den Tempowechsel und den Pass. Schön, wie Otar Kiteishvili und du den Fußball zelebrieren. Für einen Sekundenmoment reinen Genusses. Enthoben vom Endzweck Sieg und doch offensiv. Wie isoliert in einem luftleeren Raum. Zwei Künstler an ihren Instrumenten.
Es ist alles schnell gegangen mit dir. Vor einem Jahr erst bist du von Abidjan nach Göteborg gewechselt und nach ein paar Spielen gleich weiter nach Brighton an die Südküste Englands. Danach, im Sommer 2024, praktisch in einer Transfersekunde gleich weiter nach Graz, zu Sturm. Schon brutal schnell, das internationale Transferkarussell. Wie geht es dir denn dabei? Weißt du überhaupt noch, in welchem Land, in welcher Stadt du gerade bist? Wie gefällt es dir in Graz? Meer haben wir keines, aber die Mur. Die hat jetzt sogar einen kleinen Badestrand. Manche von uns bellen beim Reden und sind ein wenig stur. Einige in Graz schauen auch etwas knorrig aus und sind birnenförmig vom Bier. Das darf dich nicht schrecken. Denn wenn einer einmal in unseren Herzen ist, dann bleiben wir dabei. Dann machen wir alles für ihn. Vielleicht kannst du mit Brighton reden. Oder ich. Englisch kann ich ja. Vielleicht lassen sie dich noch ein wenig länger bei uns in Graz. Zusammen könnt ihr viel erreichen. Otar und du. Mit euch noch einmal zum Meistertitel – oder einfach nur für die Schönheit des Fußballs. Wir, die Fans, wir bilden das Orchester für euch Solisten.
Bleibt doch im Sommer und noch ein bisschen länger. Ich zeige dir den Augarten, wo Sturm gegründet worden ist. Dann sitzen wir im Augartenbad und machen Sprachunterricht. Ich bringe dir Deutsch bei und du mir Französisch. Ganz ohne Übersetzungssoftware, wie bei einem Gespräch zwischen Freunden. Und du lernst mir, wie man den Ball in der Luft hält. So leichtfüßig wie du. Du bleibst in Graz bei Sturm, und alles wird gut.