„Es wird die spannendste seit Einführung des Formats”, kündigte Thomas Letsch vor Beginn der Meisterrunde an. Alle sechs Teams hätten noch die theoretische Chance, Meister zu werden, sagte Salzburgs Trainer der APA. Er wirkte dabei wie jemand, der Druck von sich schiebt. Zu Redaktionsschluss zeichnet sich ein Dreikampf zwischen der Wiener Austria, dem SK Sturm und Red Bull Salzburg ab. Nur vier Punkte trennen das Trio bei Druck dieser Ausgabe, nie war der Anwärterkreis um den Titel im letzten Jahrzehnt zu dieser Saisonphase so groß und lag so dicht beisammen. Die Liga ist spannend, sie ist aber auch desorientiert: Einen Favoriten gibt es nicht.
Vor gut einem Jahr war das anders. Da sagte Christian Ilzer: „Salzburg ist der haushohe Favorit, aber sie spüren unseren Atem im Nacken.“ Sturm hauchte Salzburg bis vier Spieltage vor Schluss ins Genick, zog vorbei und keuchte sich mit drei Remis und einem 2:1-Sieg zum Titel. Heuer rang Salzburg zwischenzeitlich um Luft, und paradoxerweise stellt das die Konkurrenz vor ein Problem. In Wien, Linz und Graz war man über ein Jahrzehnt gewohnt, es sich in Salzburgs Schatten einzurichten. Die Orientierung war klar: Salzburg marschiert, der Rest ist weitestgehend druckbefreit. Das funktioniert heuer nicht. Die Rolle des Gejagten ist frei, aber niemand will sie übernehmen.
Ob der SK Sturm seinen Titel verteidigen soll, ist zumindest in der Kommunikation nach außen unklar, die Meisterschaft ist mal mehr, mal weniger ein Ziel. Das Selbstverständnis der Vorsaison fehlt. Die Grazer sind Opfer des eigenen Erfolges geworden, Opfer erhoffter nächster Schritte. Jürgen Säumel glaubte in der Trainerumfrage der APA Ende März zwar, dass man am Ende die Nase vorne haben werde. In den Spielen gegen Meistergruppen-Gegner holte Sturm bis Redaktionsschluss aber nur 13 von 33 möglichen Punkten, die zweitwenigsten des Sextetts.
Die Austria hingegen startete allen Nebengeräuschen zum Trotz einen ungeahnten Lauf und schien ab Oktober zu vergessen, dass man Spiele auch nicht gewinnen kann. „Für die Attraktivität der Liga ist es jedenfalls eine tolle Saison“, sagte Stephan Helm. Favorit will auch sein Klub nach Jahren der Erfolgslosigkeit nicht sein. Salzburg hat einen für die eigenen Verhältnisse desaströsen Grunddurchgang hinter sich. Der Kaderumbruch ging schief und kostete die sportlich Verantwortlichen ihre Positionen. „Wenn man sich die Tabelle anschaut, sieht man, dass Sturm und Austria die Favoriten sind“, sagte Trainer Letsch und versucht zu vermitteln: Wir haben keinen Druck.
Neun Runden vor Schluss hält das Spitzentrio bereits bei je vier Niederlagen. Mit drei Niederlagen gewann Sturm in der Vorsaison die Meisterschaft. Meister zu werden, ist so einfach wie lange nicht– und gleichzeitig so schwer. Meister wird nicht, wer den Druck wegschiebt. Wer Meister werden will, hat Druck und muss diesem trotzen. Die Punkteteilung, die gegen die Dominanz des Dauerfavoriten etabliert wurde, hilft trotz fehlender Dominanz dieses Mal ausgerechnet Salzburg. Für die Attraktivität der Liga wäre es jedenfalls keine tolle Saison, würde sie mit einem weiteren Meistertitel der Salzburger enden.