Im Finale des „Tschammer-Pokals“ 1943 traf der First Vienna FC nicht auf den zuvor favorisierten Dresdner SC mit Starstürmer Helmut Schön. Gegner waren stattdessen die Flakkanoniere vom Luftwaffensportverein Groß-Hamburg, die sich mit 2:1 gegen die Sachsen durchgesetzt hatten. Die Gründung und Entwicklung dieses Hamburger Vereins war allein der Kriegssituation geschuldet. Ursprünglich war der Verein im Jänner 1939 als LSV Hamburg gegründet worden, tatkräftiger Unterstützer und Förderer war Fritz Laicher, Offizier im Stab des Laufgaukommandos in Hamburg. Im Gegensatz zu ihren Konkurrenten hatten die Flakkanoniere keine Personalsorgen und konnten auf einen Pool hervorragender Spieler zurückgreifen, die mit militärischer Unterstützung nach Hamburg gelotst wurden.
Das stieß naturgemäß nicht überall auf Wohlwollen, der Kicker schrieb: „Freilich manche Fußballfreunde von der Wasserkante finden den Aufstieg des LSV nicht so erstaunlich, ja sind oder waren ihm ein wenig böse, dass er die Luftwaffenangehörigen unter den Sternen der ‚Zivilvereine‘ zu sich abkommandiert.“ Innerhalb kürzester Zeit war so eine Mannschaft entstanden, die in der Gauliga Hamburg konkurrenzlos war und sich anschickte, auf Reichsebene große Erfolge zu feiern.
KONTERANFÄLLIG
Die namhafte Mannschaft des LSV Groß-Hamburg mit Nationalspielern wie Willy Jürissen, Karl Miller und Kapitän Reinhold Münzenberg wurden vom ehemaligen Nationalspieler Karl Höger trainiert, und die Hamburger rechneten sich gute Chancen gegen die Vienna aus. Aber auch die Vienna zeigte sich im Vorfeld in Bestform: Eine Woche vor dem Finale trafen die Blau-Gelben in der Meisterschaft – gleichsam als Generalprobe – auf Rapid und deklassierten die völlig überforderten Hütteldorfer im Praterstadion mit 10:2, wobei allein Karl Decker sieben Tore erzielte.
Am 31. Oktober 1943 trafen sich in der Stuttgarter „Adolf-Hitler-Kampfbahn“ – dem heutigen Neckarstadion des VfB – im Finale um den „Tschammer-Pokal“ demnach zwei stark besetzte Mannschaften, wobei zu den Leistungsträgern der Döblinger ausgerechnet die beiden Hamburger Richard Dörfel und Rudolf Noack gehörten. Die Wiener übernahmen im Match rasch die Initiative, der LSV konzentrierte sich auf die Defensive. Dieses Duell zwischen der Döblinger Sturmreihe und der hanseatischen Abwehr erwies sich als spielentscheidend. Zunächst schien es, als wollte die Vienna die Fehler des Dresdner SC aus dem Halbfinale wiederholen, sie agierte zu offensiv und war so immer wieder für Konter anfällig. Einer dieser Konter führte in der 26. Minute zum Führungstreffer der Hamburger. Danach agierte die Vienna noch offensiver und ermöglichte den Hanseaten weitere gute Chancen. Die Wiener Stürmer hingegen scheiterten immer wieder an Tormann Jürissen.
UMSTRITTENER AUSGLEICH
Nach der Pause nahm die Vienna einen neuen Anlauf und versuchte, den Ball schneller zu den Stürmern zu bringen. Diese Umstellung trug bereits vier Minuten nach Wiederanpfiff Früchte, als Decker einen Foulelfmeter zum Ausgleich verwandelte. Drei Minuten später gelang Noack der Führungstreffer. Das Team des LSV sah sich nun gezwungen, die sichere Hintermannschaft der Vienna anzugreifen. Schließlich gelang ein umstrittener Ausgleich: Aus abseitsverdächtiger Position schoss der Hamburger Willi Gornick den Vienna-Spieler Dörfel an, von dessen Oberarm der Ball ins Tor abprallte. Da in der regulären Spielzeit keine weiteren Tore fielen, ging es in die Verlängerung. Das beherzte Auftreten der Vienna, mit dem sie sich in die Herzen der Zuschauer spielte, machte sich in der 113. Minute bezahlt: Ein scharfer Schuss von Noack wurde vom LSV-Spieler Miller unhaltbar ins eigene Tor abgefälscht.
In den verbleibenden sieben Minuten konnten die Hanseaten nichts mehr entgegensetzen, und die Vienna krönte sich verdient zum deutschen „Tschammer-Pokal“-Sieger 1943. Ausgerechnet der Hamburger Rudi Noack hatte das Spiel gegen die Mannschaft aus seiner eigentlichen sportlichen Heimat entschieden, die selbst nur einen Hamburger in ihren Reihen hatte. Ein wichtiger Faktor für den Sieg war neben den bereits erwähnten positiven Aspekten der Spielvorbereitung von Trainer Gschweidl auch die dank ihm bessere Kondition der Vienna gewesen. Die Fachzeitschrift Kicker schrieb dazu: „Zuerst die Kondition! Früher rümpfte man bei diesem Wort in Wien ein wenig die Nase. Die Wiener waren kampfstärker, in körperlichen Belangen überlegen. In der Verlängerung floss ihr Spiel mühelos, flüssig, während die Hamburger nur krampfhaft, keuchend noch mitzukommen suchten.“
NAZIS GRATULIEREN
Die politische Vereinnahmung des Erfolgs der Vienna war vorprogrammiert. Der siegreichen Delegation, unter Leitung von „Vereinsführer“ Rudolf Höllerl, wurde bei ihrer Ankunft in Wien noch spät in der Nacht ein standesgemäßer Empfang bereitet. Höllerl erhielt bei dieser Gelegenheit ein Telegramm von Reichsleiter Baldur von Schirach mit dem Text „Ganz Wien freut sich mit Euch“ übermittelt. Dem Kicker zufolge machte dies die „Vienna besonders stolz, und sorgfältig verwahrte der Vereinsführer das Papier in seiner Brusttasche“. Der Finalsieg hatte die Döblinger zu einem begehrten Spielpartner gemacht. Mitte Dezember fuhr die Mannschaft nach Schweinfurt und besiegte dort eine Stadtauswahl mit 6:1. Zu Weihnachten spielte die Vienna in Zagreb gegen Gradjanski und verlor ersatzgeschwächt mit 0:3.
Die Möglichkeit, ihren Titel im folgenden Jahr zu verteidigen, blieb den Blau-Gelben allerdings verwehrt. Im März 1944 begannen zwar noch die Vorrundenspiele, und im Juli 1944 qualifizierte sich die Vienna auf regionaler Ebene mit einem 6:3-Sieg gegen den WAC als einer von 40 Teilnehmern für die Hauptrunde. Aufgrund des Kriegsverlaufs konnte der Hauptbewerb aber nicht mehr ausgetragen werden. Die Trophäe des „Tschammer-Pokals“ blieb daher in Wien. Sie wurde von der Vienna über die Kriegswirren hinweg gerettet und 1953 an den DFB zurückgegeben.
Die noch lebenden Spieler der Vienna von 1943 wurden 26 Jahre später nochmals für ihren Finalsieg geehrt. Anlässlich des ersten Länderspiels Österreichs gegen die BRD am 21. September 1969 überreichten DFB-Präsident Hermann Gösmann und der ehemalige deutsche Reichs- und Bundestrainer Sepp Herberger ihnen die goldene DFB-Medaille. Die Szenerie war reichlich bizarr: Zwei ehemalige NSDAP-Mitglieder ehrten die Vienna-Spieler für den Sieg in einem Wettbewerb, den die Nationalsozialisten eingeführt hatten, die gleichzeitig die Auflösung des DFB zu verantworten gehabt hatten.