Das Parkstadion in Gelsenkirchen ist am 27. Oktober 2024 ausverkauft, als die Teams von Schalke 04 und Borussia Dortmund den Rasen betreten. Die 2.999 Zuschauer*innen sind Rekordkulisse in der vierten Liga. Fast 100 Jahre nach dem ersten Revierderby sind die Frauen an der Reihe. Der Weg bis zu diesem Anstoß war weit.
Während die beiden großen Männerklubs bis vor wenigen Jahren keine Frauensektionen betrieben haben, war man an anderen Orten der Region schon weiter. In Essen zum Beispiel mit der Sportgemeinschaft Essen-Schönebeck, kurz: SGS Essen. Sie ist derzeit der einzige Klub aus dem Ruhrgebiet in der Bundesliga. Die Saison begann für Essen im Stadion an der Hafenstraße gegen die TSG Hoffenheim. Wolkenloser Himmel, laute Musik aus den Boxen und ein junges, überwiegend weibliches Publikum auf den Tribünen begrüßten die Spielerinnen. Eine kleine Gruppe mit Trommel versuchte sich darin, Stimmung zu machen, doch andere Elemente aus dem Fußball der Männer suchte man vergeblich. Schlachtgesänge und Beschimpfungen gibt es bei der SGS nicht, Szenenapplaus sehr wohl. Das Selbstverständnis ist hier ein anderes und zwar seit vielen Jahren.
Das bestätigt auch Annika Becker. Die freie Journalistin, die gemeinsam mit Kollegin Mara Pfeiffer den Fußballpodcast Becker & Pfeiffer und das Portal Bolztribüne betreibt, ist gebürtige Essenerin und hat seit vielen Jahren ein Abo bei der SGS. „Man würde mindestens schief angeguckt, wenn man andauernd Dinge singen und rufen würde, um die Gegnerinnen zu beleidigen“, sagt sie. „Ausnahmen gibt es immer, aber es ist ein anderer Respekt da.“
VERLORENES DERBY
Das Selbstverständnis in Essen hat eine lange Vorgeschichte. Zwischen 1955 und 1970 verbot der DFB seinen Vereinen, Frauen auf ihren Plätzen spielen zu lassen. Die Frauen suchten andere Orte und spielten dennoch, im Ruhrgebiet trotzten Teams wie Fortuna Dortmund und Gruga Essen den sexistischen Schikanen und bürokratischen Hürden. 1973, ein Jahr vor der ersten bundesweiten Meisterschaft, gründete der SC Grün-Weiß Schönebeck aus Essen eine Frauensektion. Das Team arbeitete sich durch Kreis- und Landesligen nach oben und stieg 2004 in die Bundesliga auf. Da hieß der Klub inzwischen Sportgemeinschaft Essen-Schönebeck und war gekommen, um zu bleiben.
Die größte Rivalität im Ruhrgebiet entstand mit dem FCR 2001 Duisburg, der Klub gewann 2009 unter der späteren deutschen Teamchefin Martina Voss und mit Stürmerin Alexandra Popp den UEFA-Cup. „Zu Zeiten des FCR 2001 war das eine ganz andere Nummer“, sagt Becker über das Derby. „In den letzten Jahren war Essen am Papier besser, aber das waren immer hakelige Spiele.“ Bei Auswärtsspielen in Duisburg habe es Stehplätze und eine besondere Atmosphäre gegeben. „Gemessen an der Zahl der Zuschauenden ist es richtig laut geworden, weil die großen Trommeln ausgepackt wurden.“
2014 wurde der FCR 2001 in den MSV Duisburg, damals Drittligist bei den Männern, eingegliedert. Während anderswo das Geld des Männerfußballs Höhenflüge einläutete, setzte der schwer angeschlagene MSV im Sommer 2024 den Spielbetrieb der Frauen in der zweiten Liga aus. Eine Wiedereingliederung in der viertklassigen Westfalenliga ist für den Sommer geplant, eine Rückkehr zu alter Stärke aber unwahrscheinlich. „Dem Verein fehlt das Geld. Wichtiger wäre, dass der MSV regional im Frauen- und Jugendfußball eine Rolle spielt“, sagt Becker. „Die Kinderarmutsquote ist wie in anderen Ruhrpottstädten sehr hoch, und Fußball als Teamsport ist für Kinder und Jugendliche wichtig, das müssten auch potenzielle Sponsoren erkennen.“
SITZEN FÜR FRAUEN
Die SGS Essen spielt noch immer in der Bundesliga. Mit dem Kampf um den Titel hat das Team aber nicht viel zu tun, es steht derzeit auf Platz neun der Zwölferliga. Dass sich der Klub seit 20 Jahren ganz oben hält, ist eine Leistung. Denn von den traditionsreichen Frauenfußballklubs sind derzeit nur zwei übrig – und Turbine Potsdam könnte als Tabellenletzter nach 2023 erneut absteigen.
In der zweiten Liga kämpfen Meppen und der SC Sand um den Anschluss. Der Männerfußball hat mit seinen Frauensektionen die Verhältnisse nachhaltig verschoben. In Essen gibt es nach wie vor keine Zusammenarbeit zwischen dem Männerdrittligisten Rot-Weiß und der SGS. Sollte RWE einmal aufsteigen, fordern die Lizenzbedingungen eine Frauensektion oder den Nachweis einer Kooperation. Einen Zusammenschluss mit einem größeren Männerverein plane die SGS aktuell allerdings nicht, sagte Jonas Kaltenmaier, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, im Dezember dem Deutschlandfunk. „Wir sind stolz darauf, dass wir in der Bundesliga sind, wir sind stolz darauf, dass wir gut ausbilden.“ Schon jetzt spielen RWE und SGS im selben Stadion, es gehört der Stadt. Bei den Spielen der Frauen bleiben dort die Stehplätze bislang geschlossen, vermutlich aus finanziellen Gründen. Zum ersten Saisonspiel gegen Hoffenheim, das 1:2 endet, kamen 1.985 Fans, zur Winterpause liegt der Schnitt bei 2.300, das ist Ligamittelfeld.
KOPF AN KOPF
Das Frauenteam von Schalke 04 startete 2020 in der Kreisliga, ebenso wie die Dortmunderinnen, allerdings ein Jahr früher. Die Pandemie hat den Vorsprung zunichte gemacht, nun kämpfen beide Vereine in der Westfalenliga um den Aufstieg in die dritte Spielklasse. Die Borussia ist gegenüber dem hoch verschuldeten Rivalen finanziell im Vorteil und liegt in der Tabelle nach 15 von 26 Runden einen Zähler vor Schalke auf dem ersten Platz. Ein Stammpublikum, das im Fußball der Frauen verwurzelt ist und eigene Traditionen mitbringt, fehle bei beiden Klubs noch, sagt Becker. „Beim Revierderby hat man gemerkt, dass dort viele Menschen waren, die sonst eher nicht zu den Spielen gehen und die patriarchal geprägte Fankultur aus dem Fußball der Männer mitbringen.“
Was das heißt, ist im Parkstadion zu sehen und zu hören: Beim Anstoß meldet sich der Gästeblock der Dortmunder lautstark mit Schmähgesängen gegen das Heimteam. Die meisten Blockfahnen sind aus den Stadien der Männer bekannt, die Lieder ebenfalls. Auf beiden Seiten sind viele Kutten-Fans zu sehen, die schon lange bevor Frauen die Vereinsfarben trugen, zum Fußball gegangen sind. Nach etwa 20 Minuten schlafen die Fangesänge ein. Die Sonne über dem Parkstadion wird zu Spielende hinter der qualmenden Müllverbrennungsanlage Essen am Horizont verschwinden. Das erste Revierderby der Frauen endet 0:0. Die Entscheidung über den Aufstieg fällt womöglich im April im Stadion Rote Erde in Dortmund – im Schatten des Westfalenstadions.