„Le Chaudron ne se dissout pas“, steht auf dem Banner, das der Protestzug vor sich trägt: Der Kessel löst sich nicht auf. Dahinter ziehen tausende Fans der AS Saint-Etienne in einem grün-weiß-schwarzen Corteo von der Place Jean Jaures zum Stade Geoffroy-Guichard, dem „Chaudron“. Ihr Klub wird dort 1:6 gegen Paris Saint-Germain verlieren, an diesem Samstag Ende März ist das Nebensache. Gut sichtbar für die TV-Kameras steht auf einem Transparent auf der Haupttribüne: „Touche pas a mes Kops“. Finger weg von unseren Kurven. Die Botschaft ist an die Regierung gerichtet und eine Antwort auf die Drohung, mehrere Fangruppen aufgrund von Gewaltvorfällen in den vergangenen Jahren aufzulösen. Drei Tage später findet eine Anhörung vor einer Kommission statt, die eine Empfehlung an das Innenministerium ausspricht.
Bereits vor dem Spiel sprechen Tom, ein Vertreter der „Green Angels“, Corentin von den „Magic Fans“ und Rechtsanwalt Pierre Barthelemy vom Fandachverband „Association Nationale des Supporters“ auf einer Pressekonferenz und erklären ihr Anliegen. „Ultra zu sein bedeutet, seinen Verein von Montag bis Sonntag zu unterstützen – aber nicht, ständig nach Gewalt zu suchen, wie man es uns vorwirft“, sagt Corentin. Tom sagt: „Seit 33 Jahren sind unsere Gruppen seriöse Ansprechpartner. Heute haben wir einen Innenminister, der diese Geschichte beenden will.“ Barthelemy präzisiert: „Diese Auflösung würde all die Arbeit der letzten 15 Jahre zunichtemachen. Bruno Retailleau ist auf dem Holzweg.“
Die letzte Barriere
Der Mann auf Abwegen ist Frankreichs Innenminister, er gehört dem rechtskonservativen Flügel der Partei Les Republicains an. Er wolle gegen Gewalt, Homophobie und Rassismus in den Stadien vorgehen, sagt er. Populismus werfen ihm die Fans vor. Neben den Ultras aus Saint-Etienne droht Retailleau drei weiteren Fanklubs mit der Auflösung. „Es ist eine Drohung, die einfach zu machen ist. Aber es sollte keine Drohung sein, die man in einer Demokratie einfach so macht“, sagt Ronan Evain dem ballesterer. Er ist Direktor des Fannetzwerks „Football Supporters Europe“ und Fan des FC Nantes.Retailleaus Interesse am Fußball habe nach dem Spiel zwischen Nantes und Le Havre am 24. November 2024 begonnen, sagt Evain. Damals protestierten die Heimfans gegen den Ligaverband und die Klubführung, rund 70 Ultras drängten an den Spielfeldrand, eine Absperrung wurde umgestoßen. Evain spricht von einem kleineren Zwischenfall und sagt: „Das einzige Opfer war diese Absperrung.“ Retailleau verbreitete daraufhin medial ein Drohszenario. „Das ist wie ein Butterfly-Effekt: In Nantes fällt eine Absperrung um, daraufhin versucht das Ministerium, zwei Fangruppen in Saint-Etienne aufzulösen“, sagt Evain. „Hauptsache, der Innenminister wirkt tough.“
Rückkehr zur Repression
Die umgestoßene Absperrung in Nantes ist allerdings nicht der einzige Zwischenfall. Ein Spiel von Montpellier wurde Mitte März abgebrochen, weil Fans Gegenstände auf das Feld warfen und auf der Tribüne anzündeten. 2023 starb ein Mitglied der „Brigade Loire“ von Nantes bei einer Auseinandersetzung mit Nizza-Fans. Als Saint-Etienne 2022 abstieg, feuerten Fans nach Schlusspfiff Pyrotechnik Richtung Spielertunnel. Es ist einer jener Vorfälle, mit denen Retailleau sein Vorgehen gegen die Fanklubs von ASSE begründet. „Die Gewalt ist weitgehend unter Kontrolle“, sagt Evain. „Aber die Behörden müssen akzeptieren, dass ein gewisses Risiko bleibt. In einer Menschenmenge werden immer welche dabei sein, die etwas Dummes tun“, sagt Evain.
Nach der EM 2016 habe es laut des FSE-Direktors eine gute Dialogbasis zwischen Fans und Politik gegeben, sagt er. Bis zur Pandemie. Seitdem kämpft die Liga mit finanziellen Problemen, und die Dummheiten häuften sich. „Viele Menschen sind es nicht mehr gewohnt gewesen, Spiele zu organisieren”, sagt Evain. Begegnet wurde der Gewalt vor allem mit Repressionen. Dabei steigt der Zuschauerschnitt und liegt mit fast 28.000 höher als vor der Pandemie. Auch wegen der Kurven. „Die Atmosphäre ist zum Verkaufsargument geworden“, sagt Evain. Doch in Frankreich werden viele Kollektivstrafen wie Auswärtsverbote und Kurvensperren verhängt, obwohl mit den Gerichten, der Polizei und den Klubs gleich drei verschiedene Stellen Stadionverbote aussprechen könnten. So sollen angeblich Einsatzkräfte gespart werden. Ob das klappt, ist fraglich. Als Feyenoord Ende Jänner in Lille gastierte, wurden etwa für 72 Stunden Polizeikräfte an sämtlichen Grenzübergängen zu Belgien postiert. Trotz Reiseverbots saßen Gästefans in den neutralen Sektoren. Ähnlich effektiv waren Verbote von Fanklubs. Die 2010 – neben fünf Gruppen von PSG sowie einem Fanklub von Olympique Lyon – aufgelöste „Brigade Sud“ in Nizza benannte sich einfach in „Ultras Populaire Sud“ um. Damals wurden auch Stadionverbote verhängt und eine Anti-Hooligan-Abteilung der Polizei gegründet. Hooligans mit rechtsextremer Gesinnung gebe es auch heute noch, sagt Evain, der aber an den Prioritäten des Innenministers zweifelt. Die neonazistischen „Strasbourg Offender“ wurden nicht aufgelöst, weil der Klub bereits genug Maßnahmen setzen würde.
Verhaltene Freude
Saint-Etienne hat knapp 280.000 Einwohner, der Fußball ist groß, die Industriestadt war es einmal. Die Fanszene gilt als eine der prägenden Organisationen der Region, ASSE ist weit darüber hinaus beliebt. Klubpräsident Ivan Gazidis platzierte sich hinter dem Banner der Fans, der Bürgermeister sicherte seine Unterstützung zu, Abgeordnete kritisierten Retailleau in einem Gastbeitrag in Le Monde. „Sie verstehen den sozialen Wert dieser Gruppen“, sagt Evain. Sogar die Polizei hatte Bedenken, mit einer Auflösung der Ultragruppen jegliche Ansprechpartner zu verlieren. Durch den Fanverband ANS ist Frankreichs Ultrakultur ungewöhnlich gut strukturiert. „Green Angels“ und „Magic Fans“ kämpften nicht allein: Über 160 Fangruppen unterzeichneten eine Aussendung mit dem Titel „Notre Passion ne se dissout pas“. Unsere Leidenschaft löst sich nicht auf. Spruchbänder mit der Forderung „Liberte pour les ultras“ zieren europaweit die Kurven. „Es war klar: Wenn die Gruppen in Saint-Etienne verlieren, wird es einen Angriff auf die Ultrakultur als Ganze geben“, sagt Evain.
Am 2. April wird den beiden Ultragruppen– wie auch der „Brigade Loire“ aus Nantes – unter Auflagen ein Aufschub gewährt, ASSE bekannte sich unter anderem dazu, bei Zwischenfällen mit den Behörden zu kooperieren. Feierstimmung kommt trotzdem keine auf. „Wir befinden uns nicht in einem Normalzustand“, sagt Evain. Der Dialog mit der Polizei sei so schlecht wie seit zehn Jahren nicht, die Präfekturen sind dafür ohnehin nicht zu begeistern. Immerhin habe auch das Interesse des Innenministers am Fußball wieder nachgelassen. Evain sagt aber: „Das Problem ist: Jedes Mal, wenn sie mit Auflösungen drohen, wird die Drohung dadurch ein kleines bisschen akzeptabler.“