Die Stadien sind abgerissen und zur Unkenntlichkeit umgebaut, der Trainer ist tot, die Spieler ergraut. Der Bewerb wurde vor mehr als einem Vierteljahrhundert eingemottet, und selbst die Auswärtstorregel ist abgeschafft. Die Tribünen waren oft nicht komfortabel, dafür gab es kurzfristig Karten zu kaufen, denn der Fußball war noch kein Milliardengeschäft. Als der SK Rapid im Mai 1985 das Finale im Cup der Cupsieger erreichte, war die Welt eine andere. Die vier Jahrzehnte, die seither vergangen sind, haben viele Erinnerungen verblassen lassen. Über einige Skandale aus jener Saison mag niemand mehr reden. Doch mancher Schmerz und manche Freude bleiben bis heute lebendig.
Fans in Bewegung
An der U-Bahn-Station Skärmarbrink herrscht Erleichterung. Gerade hat Rapid das Hinspiel im Conference-League-Viertelfinale gegen Djurgarden 1:0 gewonnen. 1.700 Fans sind in Stockholm dabei, für die meisten ist es das erste Viertelfinale im Europacup, das sie mit ihrem Klub erleben. Doch nicht für alle. Beim Warten auf die U-Bahn trifft der ballesterer Walter Rehberger, Johann Janda und Jürgen Hartmann. Die drei sind schon in der Saison 1984/85 mit Rapid durch Europa gereist. „Das waren andere Zeiten“, sagt Rehberger. „Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.“ Gemeinsam mit Janda gründete er 1981 den Fanklub „Samba Speising“. Die Gruppe organisierte Busreisen zu den Spielen, auch im Europacup. Infos zu Treffpunkt, Preis und Abfahrtszeit wurden mit der Hand auf Zettel geschrieben, diese kopiert und im Stadion verteilt.
Hartmann war 1985 erstmals international dabei. „Dresden war mein erstes Europacup-Auswärtsspiel“, sagt er. Seither hat er keines mehr verpasst. Die drei schwelgen in Erinnerungen, und in der Woche darauf trifft der ballesterer Rehberger in einem Gasthaus im 17. Wiener Gemeindebezirk zum Interview. Er bringt eine Mappe mit Fotos und Zeitungsausschnitten aus den 1980er Jahren mit. Die Bilder zeigen junge Menschen in „Dackn“ – in Deutschland würde man Kutte sagen. Sie tragen selbstgestrickte Schals und Ballonmützen, Ältere auch Hüte. Einige sind Skinheads, andere haben wallendes Haar. Die Szenen wirken sehr lebendig. Aber mit der guten alten Zeit muss man Rehberger nicht kommen. „Es war alles ziemlich chaotisch und oftmals asozial“, sagt er. Es sei viel Alkohol konsumiert worden, einige der Jugendlichen auf den Bildern leben heute nicht mehr. In der Liga kamen nur ein paar tausend Zuschauer ins Stadion. Die gerade aufkommende jugendliche Fankultur bestand aus 50 bis 100 Leuten. Besonders berüchtigt waren die Fanklubs „Grüne Teufel“ und „Hütteldorfer Terrorszene“. Rehberger sagt: „Für die Vereinsführung waren wir Abschaum, der nur für Ärger sorgt.“
In dieser Zeit versuchten Rechtsextreme um Gottfried Küssel, im Fußballmilieu zu rekrutieren. „Samba Speising“ gelang es mit Unterstützung von Streetworkern und der Sozialistischen Jugend, die Neonazis aus der Kurve zu drängen. Zwar gab es in der Fanszene politisch gleichgesinnte Menschen, doch die rechte Agitation verfing nicht. Die Fans hatten kein Interesse daran, mit Rechtsextremen bei Wehrsportübungen durch die Wälder zu marschieren. Sie wollten dem Alltag entfliehen, sich betrinken, Rapid sehen und Randale machen. Auch Gewalt war stets präsent, untereinander und mit gegnerischen Fans. Im September 1985, wenige Monate nach dem Finale, gab es in Österreich den ersten Toten nach Fangewalt. Ein Anhänger des Salzburger AK prallte bei einer Schlägerei mit dem Kopf am Randstein auf und erlag später auf der Intensivstation seinen Verletzungen. Ein 17-Jähriger aus der „Hütteldorfer Terrorszene“ fasste für die Tat eine mehrjährige Haftstrafe aus. Es waren, wie Rehberger sagt, andere Zeiten.
Erste Runde
Die 1980er Jahre sind das letzte Hurra des Wiener Fußballs, die Austria und Rapid teilen sich die Titel auf. Im Frühsommer 1984 haben die Hütteldorfer in der Meisterschaft das Nachsehen gehabt, sich aber den Cupsieg im Finale gegen die Austria gesichert. Während in Favoriten Stars wie Ernst Baumeister, Herbert Prohaska und Erich Obermayer schon in Jugendjahren beim Klub gespielt haben, werden bei Rapid Legionäre zu Legenden. Zwar ist Hans Krankl nach seiner Rückkehr vom FC Barcelona unumstrittener Kapitän der Mannschaft, und der Steirer Heribert Weber zieht in der Defensive die Fäden, doch mit Petar Brucic, Zlatko Kranjcar und Antonin Panenka sind Jugoslawen und ein Tschechoslowake für die kreativen Impulse zuständig. Als Letzter der Genannten ist Kranjcar im Winter 1984 von Dinamo Zagreb gekommen. Vizepräsident Heinz Holzbach scheut keine Vergleiche, im Rapid-Journal nennt er den 27-Jährigen eine Art Nandor Hidegkuti. „Ein zurückhängender Stürmer, der wie einst Hasil blitzschnell von der Mitte durchgehen kann.“
Zusammengehalten wird das Team von seinem jugoslawischen Trainer. Otto Baric hat bereits Wacker Innsbruck zum Meister gemacht, um ein Haar auch dem SK Sturm den ersten Titel beschert und sitzt seit dem Sommer 1982 auf der Trainerbank in Hütteldorf. Am 18. September schickt er seine beste Elf ins Hinspiel der ersten Runde im Cup der Cupsieger. Vor acht Jahren ist der Klub zuletzt in diesem Bewerb angetreten und direkt an Atletico Madrid gescheitert. Der heutige Gegner Besiktas hat wie Rapid an sportliche erfolgreiche Zeiten angeschlossen und mit Branko Stankovic ebenfalls einen jugoslawischen Trainer. Im Mittelpunkt der Partie in Wien wird aber ein Italiener stehen: Pietro D’Elia. „Der Schiedsrichter spielte bei der Niederlage von Besiktas eine große Rolle“, schreibt die türkische Tageszeitung Cumhuriyet am Tag danach.
Nach elf Minuten umringen wütende Rapid-Spieler den Schiedsrichter, weil er eine vermeintliche Abseitsposition nicht ahndet und Mirsad Kovacevic zum 1:0 für Besiktas einschiebt. Schon eine Minute später protestieren Besiktas-Spieler gegen einen Elfmeterpfiff. Rapids 24-jähriger Stürmer Peter Pacult ist nach dem Hauch einer Berührung zu Fall gekommen. D‘Elia bleibt bei seiner Entscheidung, Panenka verwandelt zum 1:1. Eine Viertelstunde später trifft Brucic mit einem scharfen Schuss aus spitzem Winkel. Noch schöner ist das 3:1. Nach einem Foul an Krankl verwandelt Panenka den Freistoß aus rund 20 Metern ins Kreuzeck.