Wenn der Hamburger Fischmarkt am Sonntagmorgen langsam zu Ende geht, legt Verkäufer Aale-Dieter vielleicht noch ein halbes Pfund Makrelen drauf, damit sein frischer Fang nicht liegen bleibt. Gianni Infantino hat einen anderen Arbeitsplatz, die Zwänge des Marktschreiertums kennt er aber. „Es gibt noch einige Tickets, holt sie euch jetzt“, rief er im Frühjahr mehrfach. Der FIFA-Präsident verkauft keine frischen Fische, sondern seinen aufpolierten Bewerb: die Klub-WM. Sie findet vom 14. Juni bis 13. Juli mit 32 Teilnehmern in den USA statt. Voll werden die Stadien wohl nicht.
Rosa Makrele
Ein Monat vor Start der Klub-WM waren für das erste Spiel von Red Bull Salzburg gegen CF Pachuca aus Mexiko in Cincinnati im Ticketportal der FIFA noch reichlich Tickets erhältlich, hunderte davon um 33 Dollar. Ähnlich sieht es bei vielen anderen Spielen der Gruppenphase aus. Das ist auch der Markteinführung eines neuen Produkts geschuldet. Es gibt die Klub-WM zwar seit 2000, doch bisher fand sie mit sieben Teilnehmern – sechs Kontinentalmeister plus ein Team aus dem Gastgeberland – statt. Das neue Format mit 63 Spielen sprengt die Dimensionen, das Interesse hält nicht Schritt. Der beste Indikator dafür ist der zähe Verkauf der Medienrechte für die Klub-WM. Ursprünglich soll die FIFA vier Milliarden Euro gefordert haben, im Dezember 2024 präsentierte sie einen Deal mit DAZN um eine knappe Milliarde. Der Streamingdienst zeigt die Spiele gratis, man muss sich nur einen Account zulegen. Das ist attraktive Reichweite für Sponsoren, leisten kann sich DAZN das dank eines kurz darauf verkündeten neuen Joint Ventures mit einem saudischen Staatsfonds, der zufällig rund eine Milliarde investiert.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Infantino schon eine fette Makrele draufgelegt. Sie trägt das rosa Trikot von Inter Miami und den Namen Lionel Messi. Regulär qualifizieren sich Teams über die Bewerbe und Ranglisten der Kontinentalverbände für die Klub-WM. So standen die Seattle Sounders als Champions-League-Sieger von 2022 im Oktober 2024 schon als Teilnehmer fest, doch der Platz für das Gastgeberland war noch frei. Infantino vergab ihn an Messis Klub, der die Regular Season der Major League Soccer gewann. Und der FIFA-Präsident könnte noch einen richtig dicken Fisch präsentieren. Cristiano Ronaldo darf dank einer zusätzlichen Transferphase vor Start des Bewerbs zu einem der Teilnehmer wechseln. Den saudischen Klub Al-Nassr wird er wohl verlassen. „Dieses Kapitel ist vorbei. Die Geschichte? Wird noch geschrieben“, postete der 40-Jährige auf Instagram. Ronaldo ist noch immer einer der populärsten Fußballer weltweit. Ende 2023 gewann er eine juristische Auseinandersetzung um Vergewaltigungsvorwürfe. Ein Gericht wies den Antrag auf Offenlegung der von dem mutmaßlichen Opfer unterschriebenen Verschwiegenheitserklärung ab.
Nette Summen
„Ich kann nichts damit anfangen, am Ende vergesse ich vermutlich, dass es überhaupt stattfindet“, sagte TV-Experte und Ex-Liverpool-Spieler Jamie Carragher über die Klub-WM. Er sagte das bei einer Promotionveranstaltung des Senders CBS Sports für das Champions-League-Finale zwischen Inter und Paris Saint-Germain und sprach davon, dass die FIFA mit der Klub-WM das attraktive Format der UEFA angreife. Eine Vermutung, mit der Carragher nicht allein ist. „In Europa verstärkt sich der Eindruck, dass die FIFA die Dominanz und die Einkünfte der UEFA untergraben will“, schrieb Journalist Adam Crafton Ende Mai bei The Athletic. Mit dem Preisgeld von rund 110 Millionen Euro für den Sieger bleibt die Klub-WM noch unter den 136 Millionen, die Real Madrid als Champions-League-Sieger 2024 kassierte. Die hohen Preisgelder versüßen Klubs und Spielern allerdings die verkürzte Sommerpause: Red Bull Salzburg etwa erhält als Antrittsgeld 12,8 Millionen Euro, hinzu kommen etwaige Punkt- und Aufstiegsprämien. „Eine nette Summe, die Kosten und der Aufwand sind aber auch hoch“, sagte Geschäftsführer Stephan Reiter.
Klubs wie der FC Bayern und Manchester City dürften rund das Doppelte als Fixum erhalten, eine knappe Milliarde Euro will die FIFA an die Klubs ausschütten. Auf fast zwei Milliarden beziffert der Weltverband seine angestrebten Einkünfte, ein Viertel davon soll aus dem bislang noch schleppenden Ticketverkauf kommen. Als Marktschreier im Fußballgeschäft hat Infantino zu einem weiteren Trick gegriffen: Im April waren sogenannte Ticket Packs im Angebot, die beim Kauf von zwei Karten für die Klub-WM ein Vorverkaufsrecht für ein Spiel der WM 2026 in den USA garantierte.
König und Präsident
Die WM-Bewerbung war, anders als bei den letzten beiden Turnieren in Russland und Katar, nicht Teil einer Sportwashing-Kampagne. Dennoch wird auch die WM im kommenden Jahr von Diskussionen um Meinungsfreiheit und Menschenrechte begleitet werden. Kanada, Mexiko und die USA versahen ihre Bewerbung mit dem Titel „United 2026“, doch sind sie heute außenpolitisch von Einigkeit so weit entfernt wie lange nicht. Den Zuschlag erhielten die Gastgeber 2017 während der ersten Präsidentschaft von Donald Trump, das Turnier ist aber nicht als Prestigeprojekt für das Weiße Haus entstanden – und wird das wohl auch nicht werden.
„Sie findet das erste Mal in diesem Teil der Welt statt“, sagte Trump Ende März über die WM – und wer wollte ihm widersprechen? Gewiss nicht Infantino, von Trump als „King of Soccer“ vorgestellt. Bei der Pressekonferenz im Oval Office präsentierten die beiden die Task Force zur WM, die Trump leitet. In elf Stadien in elf amerikanischen Städten wird 2026 gespielt, dazu in Toronto und Vancouver, Guadalupe, Mexiko-Stadt und Zapopan. Fünf der Stadien sind identisch mit denen der Klub-WM, und die Abläufe im Sommer dürften erste Hinweise darauf geben, wie gut die USA infrastrukturell auf das Turnier vorbereitet sind. Zu den klassischen Problemfeldern jedes Großevents gehört etwa der öffentliche Nahverkehr, erst recht im Autoland USA. Die Frage der Einreisebestimmungen für Fans aus dem Ausland ist ein weiteres Fragezeichen.
Ein Mediengespräch nach der ersten Sitzung der Task Force im Mai lieferte diesbezüglich einige Antworten. Größere Verkehrsprojekte seien für die WM nicht geplant, sagte Verkehrsminister Sean Duffy. Die Distanzen zwischen den Städten sollten von den Fans vor allem mit Fernbussen zurückgelegt werden. Er könne auch empfehlen, den Aufenthalt für eine Autorundreise zu nutzen. „Aber überziehen Sie Ihr Visum nicht.“ Es war ein wiederkehrendes Motiv. Infantino betonte, die Welt sei in den USA willkommen, die US-Vertreter schlugen einen anderen Ton an. Man wolle, dass Fans kommen, feiern und die Spiele schauen, sagte Vizepräsident J. D. Vance. „Aber wenn die Zeit um ist, sollen sie wieder abreisen.“ Sonst würden sie Heimatschutzministerin Kristi Noem kennenlernen.