Wie hätte Marko Arnautovic sein erstes Tor für den SK Rapid bejubelt? Hätte er die Werbebande vor dem Block West erklommen, die Arme ausgebreitet und sich feiern lassen, als wäre er der König von Wien? Wäre er quer über das Feld gelaufen, mit einer Hand hinter dem Ohr, um hören zu können, ob es noch jemanden gibt, der sein hohes Gehalt kritisiert? Oder hätte er nur demütig den Ball aus dem Netz geholt, weil sein Einstand in der Bundesliga völlig misslungen wäre?
Es wird auf diese Fragen keine Antwort geben. Arnautovic wechselt nicht zu Rapid. Am 11. Juli erklärte Markus Katzer, Sport-Geschäftsführer der Hütteldorfer, dass es keine Einigung mit Österreichs Rekordteamspieler geben werde. Es war das Ende einer wochenlangen Trance. Mit Verlässlichkeit befällt sie die Fußballöffentlichkeit in jedem Transfersommer, das Geschehen in der Bundesliga ist dafür für gewöhnlich aber zu reizlos. Diesmal nicht. Medien berichteten um die Wette, aus Fans wurden Detektive, aus Klubmitarbeitern Orakel – bis der Geschichte die Luft ausging.
Der Proto-Arnie
Am 18. Juni um 18.05 Uhr wurde aus dem Gerücht eine Story. Da stellte der Kurier einen Text online, der im Titel eine Frage stellte: „Marko Arnautovic nach Hütteldorf? Rapid bastelt an der Sensation“. Vierzig Minuten später gab es auf heute.at einen ganz ähnlichen Artikel zu lesen, der ORF-Teletext zog um 19.16 Uhr nach, eine halbe Stunde später die Krone. Sukkus aller Texte: Rapid wolle den 36-Jährigen verpflichten, dessen Berater – Bruder Danijel – höre sich für den vertragslosen Stürmer alle Angebote an. Tags darauf zog Andreas Herzog in seiner Krone-Kolumne historische Parallelen: „Vom Namen her ist es durchaus vergleichbar mit Mario Kempes, Oleg Blochin, Giuseppe Giannini oder Dejan Savicevic.“ Alles große Spieler, die im gesetzten Fußballeralter in die Bundesliga wechselten.
Savicevic war wohl der letzte Star, den Rapid verpflichtete. 1991 holte er mit Roter Stern den Landesmeistercup, drei Jahre später mit Milan die Champions League. Sein Heber aus unmöglichem Winkel und 20 Metern Entfernung beim 4:0-Finalsieg über den FC Barcelona zementierte seinen Status als Genie. 1999 neigte sich seine Karriere dem Ende zu. Dennoch war auf der Titelseite des Kurier am 22. Juni zu lesen: „Rapid holt Weltstar Savicevic nach Wien“. Ganz so leicht ging es dann doch nicht, anders als angekündigt traf Savicevic nicht am selben Tag in Wien ein. Stattdessen machte sich Stefan Ebner, Assistent von Rapids Sportdirektor Ernst Dokupil, auf die Reise nach Belgrad, um den 32-Jährigen zu überzeugen. Es fehle, so hieß es am 24. Juni, nur mehr seine Unterschrift.
Doch als Rapid zwei Tage später die neue Saison mit einem Auswärtsspiel beim FC Tirol eröffnete, war Savicevic noch immer kein Rapidler. „Das lange Warten auf das ‚Ja‘“, überschrieb die Krone einen Artikel in ihrer Abendausgabe, dazu gab es im Text alle Details der zähen Verhandlungen: Savicevic habe den Gesandten Ebner drei Stunden warten lassen, seine Frau sei von einem Umzug nach Wien nicht überzeugt. Erst am 28. Juni war alles fix: Nachdem Ebner, in den Worten der Krone, in Serbien fünf Tage durch Himmel und Hölle gegangen war, unterschrieb Savicevic doch noch. Als er am 7. Juli gegen Schwarz-Weiß Bregenz debütierte, widmete der ORF der Vorfreude vor dem Gerhard-Hanappi-Stadion einen eigenen Bericht. Nicht im Bild waren dabei Rapid-Fans im Savicevic-Trikot: Die neuen Dressen wurden erst Mitte August geliefert.
Last Call
Das Austrian Soccer Board, Österreichs größtes Fußballforum, ging erst im September 2001 online. Was die User*innen bei Savicevic auslassen mussten, holten sie im Zuge der möglichen Arnautovic-Verpflichtung nach, im Sekundentakt erschienen neue Beiträge zur Causa. Am 2. Juli drehten sie sich um den europäischen Flugverkehr. An diesem Mittwochmorgen postete Sarah Arnautovic auf Instagram ein Foto von einem Flughafen, auf dem auch ihr Ehemann Marko zu sehen war, allerdings ohne Hinweis auf Aufenthaltsort und Reiseziel. Nur Minuten später wusste ein User: „Das ist Terminal 1 in Mailand. Kann man mit Google Lens vergleichen.“ Weil um 10.15 Uhr ein Flieger von dort in Richtung Wien-Schwechat abhob, machte sich Euphorie breit. Sie währte nur kurz. Aus dem Inneren des Flugzeugs postete Sarah Arnautovic noch ein Foto, das nur einen Schluss zuließ: Die Familie saß in einer Turkish-Airlines-Maschine nach Istanbul. Und suchte Besiktas nicht auch einen Stürmer? Um 11.10 Uhr fragte jemand in die Runde: „Habt ihr denn alle den Verstand verloren?“
Arnautovic unterschrieb an diesem 2. Juli bei keinem Klub. Am Abend schöpften die Rapid-Fans wieder Hoffnung, Mut machte ihnen ein kryptischer Post von Nino Rauch auf X, den er um 19.40 Uhr absetzte. Rapids Chefscout schrieb: „Ich finde Österreich ist eines der schönsten Länder der Welt. Deshalb verbringen meine Familie und ich gerne unsere Urlaube an einem der traumhaften Seen. Einige unserer Freunde fliegen aber natürlich gerne ans Meer.“ Wäre aus Stefan Ebner im Juni 1999 auch ein Orakel geworden, wenn er ein Smartphone gehabt hätte? Hätten die Rapid-Fans Savicevics Frau auf Instagram gestalkt?
Im Overdrive
Kennzeichnend für den Transferwahn ist, dass er früher oder später jede rationale Bodenhaftung verliert. 1999 war in kaum einem Bericht über Savicevic zu lesen, dass er seit vier Jahren vorwiegend auf der Bank saß und es an Einsatz vermissen ließ. In zwei Jahren schoss er für Rapid 20 Tore, doch seine Zeit mit den Hütteldorfern endete titellos. Auch die Verpflichtung von Arnautovic hätte Rapid keinen Titel garantiert. Er war zuletzt im Herbst 2022 Stammspieler, im Dress von Inter spielte er in der abgelaufenen Saison eine einzige Partie durch.
Doch nicht alles ist wie vor 25 Jahren. Niemand hätte bis August auf das neue Arnautovic-Dress warten müssen, viel zu wichtig sind Trikots für das Klubmarketing geworden. Rapid hoffte auf Rekordverkäufe dank der Neuerwerbung. Der zweite Unterschied betrifft die Allgegenwart des Internets: Nicht mehr nur wenige Journalist*innen fühlen sich als Transferinsider, heute kann das jeder Mensch mit einem Smartphone. Dem Hype hilft es. Doch auch der hat seine Grenzen. Je länger Arnautovic in der Türkei weilte, desto redundanter wurden die Schlagzeilen. Mit Details zu den Gehaltsverhandlungen versuchten Medien und vermeintliche Mitwisser*innen, das Interesse künstlich aufrechtzuerhalten. Dabei ereignete sich nichts Berichtenswertes. Weder Arnautovic noch sein Bruder kamen nach Wien, der Kicker meldete sich nie öffentlich zu Wort. Er genoss die türkische Sonne. Ganz ohne große Geste.