Vor 40 Jahren kam es im Brüsseler Heysel-Stadion vor dem Meistercupfinale zu Ausschreitungen und einer Massenpanik. 39 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Basierend auf TV-Bildern von damals und Interviews mit Zeitzeugen haben die Regisseure Christophe Hermans und Boris Tilquin eine Dokumentation gemacht, die seit Juni auf der Onlineplattform von ARTE läuft.
Man sollte sie gesehen haben. Hermans und Tilquin rekonstruieren teils minutiös die Geschehnisse vor und nach dem Spiel zwischen Juventus und dem Liverpool FC, von dem in der Doku keine Szene zu sehen ist. Im Mittelpunkt stehen stattdessen das Unglück und dessen Protagonisten; Liverpool-Fan Terry Wilson, der sich an den Ausschreitungen beteiligte, und der Juventino Giovanni Costacurta, der sich gerade noch retten konnte. Es sind die Gegensätze, die sich durch die knapp 90-minütige Doku ziehen. Während Wilson in einem Pub interviewt wird, trägt Costacurta ein Sakko und erinnert sich vor einem Piano an das Erlebte. Jeder Protagonist, dazu zählen auch die Verantwortlichen der Exekutive, kann seine Sicht auf das Geschehene ausführlich schildern.
Das Bildmaterial ist aufwühlend. Insbesondere die TV-Aufnahmen, die zeigen, wie die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Die Regisseure thematisieren mehrere Ursachen für die Ausschreitungen und die Massenpanik. Die Schuldfrage, die noch heute viele beschäftigt, können die Zuschauer*innen so für sich selbst beantworten.
ballesterer: Warum haben Sie 40 Jahre danach einen Film über die Heysel-Katastrophe gemacht?
Boris Tilquin: Als ich die Aufnahmen des Fernsehteams von Claude Schauli aus der Schweiz gesehen habe, war mir klar, dass ich dazu etwas machen möchte. Ich habe die Bilder vorher nicht gekannt, aber sie haben mich beeindruckt. Dazu kommt, dass die jüngere Generation in Belgien nicht genau weiß, was damals passiert ist.
Waren Sie überrascht von der Menge an Bildern, die rund um das Spiel entstanden sind?
Nein, die Schwierigkeit bestand darin, die Geschichte auf eine andere Art und Weise darzustellen. Christophe und ich kommen nicht vom Dokumentarfilm, sondern aus dem Bereich der Fiktion. Daher versuchen wir, eine Geschichte mit Bildern, Klängen und Gefühlen zu erzählen.
War es schwierig, Interviewpartner zu finden, die durch die Dokumentation in einen emotionalen Moment zurückversetzt wurden?
Ja. Terry Wilson war der erste Engländer, der zusagte. Aber er war bereits in vielen Dokumentationen, für ihn ist es also nichts Ungewöhnliches gewesen. Wir wollten mit den Interviews auch die Unterschiede zwischen den Fans aus Italien und England zeigen. Also haben wir versucht, eine Figur wie Giovanni zu finden, die das Gegenteil von Terry ist.
Eine große Frage im Zusammenhang mit Heysel ist die Frage der Schuld. Wollten Sie darauf eine Antwort geben?
Im Grunde soll der Film zeigen, dass es bei solchen Ereignissen schwierig ist festzustellen, wer die Verantwortung trägt. Es gibt viele Faktoren, die man begreifen muss. Der belgische Staat spielt eine Rolle, die Gendarmerie auch. Und die Entscheidung, dieses baufällige Stadion für ein Finale zu nutzen, war sehr, sehr eigenartig. Wir wollen dem Publikum Informationen liefern, damit es selbst entscheiden kann.
Die Katastrophe von Heysel hat die Diskussion um Sicherheit im Stadion nicht so stark beeinflusst wie jene in Hillsborough vier Jahre später. Warum?
Heysel hat den Fußball paradoxerweise vielleicht gar nicht so sehr verändert. Vielleicht haben sich die Menschen erst nach Hillsborough gedacht: Das kann wieder passieren, immer und immer wieder, also müssen wir etwas unternehmen. Vielleicht haben die Engländer*innen auch ein solches Ereignis in ihrem Land gebraucht, um die Notwendigkeit zu begreifen.