Der Weg zum Titel war kein Rennen, er glich eher einem Spaziergang. Ab der 19. Runde lag der Tractor FC an der Spitze der ersten iranischen Liga, am drittletzten Spieltag Anfang Mai brachte die Mannschaft mit einem 4:0-Sieg bei Shams Azar den Meistertitel unter Dach und Fach. Er ist der erste der Vereinsgeschichte. 200.000 Fans kamen zur Feier ins Yadegar-e-EmamStadion.
Mit Tractor hat nach neun Jahren wieder einmal ein Klub den Titel geholt, der nicht aus der Hauptstadt Teheran kommt. Dass das auch noch einem Verein gelingt, der jahrzehntelang als Fahrstuhlmannschaft galt, war nicht gerade erwartbar. Und dann ist da noch die ethnische Frage: Tractor ist ein Klub aus Täbris im Nordwesten des Landes, der kulturellen Hauptstadt des aserbaidschanischen Irans. Die hier lebenden Azari sind die größte Minderheit des Landes. Bis zum Beginn des Kriegs zwischen Israel und dem Iran – und später den USA – war der Meisterschaftsgewinn heuer eine der aufsehenerregendsten Geschichten des Landes, die auch im Ausland Wellen schlug. „Tractors historischer Titel schockt Irans Establishment“, betitelte der Guardian seinen Artikel. Doch zum Protagonisten einer richtigen Underdog-Story taugt Tractor nicht.
Militärisch organisiert
Der Tractor FC wurde 1970, also vor der Islamischen Revolution 1979, in Täbris als Werksverein der lokalen Traktorfabrik gegründet. Seine Derbys spielte Tractor gegen den Machine Sazi FC, den Werksklub der lokalen Maschinenfabrik. Sechs Jahre später schaffte der Klub den Aufstieg in die erste Liga und zog ins Cupfinale ein – es war lange der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Doch in der ersten Spielklasse konnte sich Tractor nie etablieren, der Verein pendelte zwischen den Ligen. Sportlich war gegen die Teams aus der Hauptstadt ohnehin selten was zu holen, aber auch in anderen Provinzen tat sich etwas. In Isfahan stieg das Stahlwerk beim örtlichen Sepahan FC ein und machte aus dem Nachzügler einen Titelaspiranten. 2003 gewann der Klub aus der drittgrößten Stadt des Landes die Meisterschaft, zum ersten Mal ging der Titel nicht in die Hauptstadt. Zwei Jahre später holte der Foolad FC aus der Provinz Chuzestan den Titel, ebenfalls unterstützt vom lokalen Stahlfabrikanten.
Tractor fand 2011 einen Investor. Die Kowsar Foundation übernahm 51 Prozent der Anteile des Klubs. Hinter der Stiftung verbirgt sich kein Industrieunternehmen, sondern die Revolutionsgarden, also ein Teil der staatlichen Streitkräfte. Plötzlich floss Geld in den Klub. Der langjährige Benfica-Trainer Antonio Oliveira kam 2012 nach Täbris, unter ihm gewann Tractor 2014 erstmals den Cup. Im Jahr darauf verspielte Oliveiras Team am letzten Spieltag eine 3:1-Führung und damit die Meisterschaft. „Ich war bei Tractor nicht nur Trainer, ich war Teil des Vereins“, sagte Oliveira später in einem Interview. „Sobald ich aus den Katakomben gekommen bin, haben die Fans meinen Namen gerufen.“
Gegen die Hauptstadt
2018 wanderte der Klub in private Hände – allerdings in sehr wohlhabende. Einer der reichsten Männer Irans, Mohammad Reza Zonouzi, kaufte Tractor. Noch im selben Jahr verpflichtete der Klub den ehemaligen deutschen U21-Teamspieler Ashkan Dejagah von Nottingham Forest, 2020 gewann Tractor ein zweites Mal den Cup. Doch der große Erfolg ließ auf sich warten. Zwischen 2020 und 2024 wurde der Verein in der Liga viermal Vierter. Also nahm Zonouzi im vergangenen Sommer Geld in die Hand und große Namen ins Visier: Die Teamspieler Alireza Beiranvand und Shoja Khalilzadeh kamen von Persepolis, dem Serienmeister aus der Hauptstadt. Vom kroatischen Verband eiste Zonouzi Dragan Skocic los, der von 2020 bis 2022 bereits das iranische Nationalteam betreut hatte. Die Neuverpflichtungen zahlten sich aus. Am elften Spieltag übernahm Tractor erstmals die Tabellenspitze und sorgte fortan für Euphorie. Laut Klubangaben kamen in der 25. Runde 120.000 Zuschauer zum 2:1-Sieg über Esteghlal, den zweiten großen Hauptstadtklub. Die Nachrichtenagentur Fars aus Täbris berichtete von 90.000 Fans im Stadion und mehr als 10.000 auf den Hügeln drumherum. Videos von der Kulisse gingen um die Welt, sogar die Gazzetta dello Sport berichtete. Offiziell hat das Stadion eine Kapazität von 67.000.
Die Spiele gegen die Mannschaften aus Teheran haben für Tractor-Fans eine besondere Bedeutung. Viele von ihnen vergleichen die Rolle ihres Klubs mit jener des FC Barcelona und von Athletic Club aus Bilbao – Institutionen einer eigenständigen Kultur gegen den zentralistischen Staat. Eine Institution ist Tractor, das belegen nicht nur die Zuschauerzahlen. Bei einer Onlineabstimmung des asiatischen Fußballverbands AFC wurde der Klub 2021 zum populärsten des Kontinents gewählt. Und wie in Katalonien und im Baskenland ist auch in Täbris die Verkehrssprache eine andere als in der Hauptstadt des Landes: Die Azari sprechen Aserbaidschanisch, auch der Klub kommuniziert in der Sprache. Immer wieder legen sich Tractors Fans mit den Machthabern an. 2018 riefen bei einem Heimspiel gegen Esteghlal tausende Anhänger „Tod dem Diktator“, gemeint war Ali Chamenei, der oberste religiöse Führer des Iran. Die Polizei marschierte auf die Tribünen und schlug auf die Fans ein. „Wir sind Türken, keine Perser“, ist noch heute auf den Tribünen des Yadegar-Stadions zu hören. Aserbaidschanisch ist eine Turksprache.
Im Bund mit Erdogan
Dennoch ist die Lage komplizierter, denn Tractor ist kein Klub der Außenseiter. Die Azari sind eine Minderheit. Ihre Kultur und Identität sind aber deutlich sichtbar. Khamenei ist der Sohn eines Azari, er spricht die Sprache auch in der Öffentlichkeit. Auch Präsident Massud Peseschkian betont seine Azari-Herkunft. Der bekennende Tractor-Fan setzt sich öffentlich für Unterricht in der Sprache der Volksgruppe ein. Der positive Bezug auf das Türkische endet nicht bei der Sprache, er mag regimekritisch anmuten, ist aber nicht per se progressiv und richtet sich manchmal auch gegen die zweitgrößte Minderheit des Landes. „Tod den Kurden“, riefen TractorFans 2019, als die Türkei die kurdisch regierten Gebiete in Syrien bombardierte. Die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan ist ein enger Verbündeter Aserbaidschans.
Die Verpflichtung des Spielers Warasdat Harojan aus Armenien, Kriegsgegner Aserbaidschans, sollen die Tractor-Fans 2016 verhindert haben. Mit dem Titelgewinn hat sich Tractor zum ersten Mal seit 2021 für die AFC Champions League qualifiziert. Sie wird, wie das europäische Pendant, zunächst in einem Ligamodus ausgespielt, Tractors Gegner kommen aus Katar, Irak, Saudi-Arabien, Usbekistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die erste Runde steigt am 12. August. Die Vorfreude hat der Krieg zunichte gemacht.