Die unmittelbare Nachkriegszeit in Österreich war geprägt von Hunger und Not, im Mai 1946 war die offizielle Lebensmittelzuteilung auf 950 Kalorien täglich reduziert worden. Zugleich schritt der Wiederaufbau voran und mit ihm die Verdrängung der Mitwirkung an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Kurzzeitige Ablenkung boten Kinos – und Fußballplätze. Schon im September 1945 startete mit der Wiener Liga wieder ein Meisterschaftsbewerb, der Ende August 1946 in seine zweite Saison ging. In der sechsten Runde fand am 29. September 1946 am Admira-Platz in der Hopfengasse eine Doppelveranstaltung statt. Der Floridsdorfer AC wich hierhin aus, weil der eigene Platz in der Deublergasse wegen Bombenschäden noch unbespielbar war. 8.000 Zuschauer*innen sahen zunächst einen 4:0-Sieg der Admira gegen den Post SV, danach ein 4:2 des FAC über den SCR Höchstädt. Aber wer genauer hinschaute, sah noch viel mehr.
Querverweise
Ein zunächst unscheinbar wirkendes Bild des Fotografen Franz Fink überliefert eine Szene des ersten Spiels, einen Vorstoß des Admira-Stürmers Karl Kowanz, möglicherweise ist hier die Vorgeschichte zum 3:0 zu sehen. Die dünnen Beine und mageren Gesichter der Spieler verraten schon bei einem kurzen Blick, dass hier keine austrainierten Athleten am Werk sind, und verweisen auf die katastrophale Ernährungslage. Doch vor allem sind es die rund um das Hauptmotiv sichtbaren Details, die Interesse wecken und eine ergänzende Erzählung liefern. Sie verdeutlichen in diesem Fall, dass der oft beschworene unpolitische Fußball nicht existiert – ebenso wenig wie Stunde null im Jahr 1945.
Dass der Produzent des Bildes ein belasteter Nationalsozialist war, werden die Fans am Admira-Platz wohl nicht gewusst haben: Fink wurde noch 1946 die Fotografenlizenz entzogen, bereits wenige Jahre später war er aber wieder einer der Hauptlieferanten von Sportfotos. Sehr gut wird vielen der Besucher*innen noch in Erinnerung gewesen sein, dass der populäre Kowanz schon 1942 als 16-Jähriger in der ersten Mannschaft debütiert hatte und danach, wenn er Fronturlaub hatte, mit dem Wehrmachtsadler am Trikot gespielt hatte. Bei manchen werden auch die auffälligen Admira-Dressen mit den abgestuften Querstreifen Erinnerungen ausgelöst haben, denn dieses Design trug 15 Jahre zuvor das österreichische Team bei der Arbeiterolympiade 1931 im Praterstadion. Auch die im Hintergrund sichtbare Werbebande eines Reisebüros hat eine Geschichte über Regimewechsel hinweg zu erzählen: Ältere Fans erinnerten sich vielleicht an Mark Nicholson. Er war zeitweise englischer Profispieler und wurde 1897 als Mitarbeiter des Reisebüros Wagons-Lits/Thomas Cook nach Wien versetzt. Dort wurde er zum Star und Funktionär des First Vienna FC und trieb die Entwicklung des österreichischen Fußballs maßgeblich voran. Nicholson hatte Wien schon lange wieder verlassen, als das Reisebüro, in dem er gearbeitet hatte, nach Beginn des Zweiten Weltkriegs als sogenanntes feindliches Auslandsvermögen unter staatliche Verwaltung gestellt wurde. Daran könnten sich auch jüngere Fans erinnert haben. Die deutlichste Präsenz der verdrängten Vergangenheit aber ist die im Hintergrund der Tribüne erkennbare Silhouette: die Holzbaracken des KZ-Außenlagers Floridsdorf.
Im Wirtshauskeller
Ab Ende 1941 verteilte die SS zahlreiche Häftlinge des im Sommer 1938 errichteten Konzentrationslagers Mauthausen als Arbeitskräfte auf etwa 40 Außenlager. Zunächst wurden sie für Bauarbeiten eingesetzt, später als Zwangsarbeiter*innen in der Rüstungsproduktion. Gegen Ende des Krieges befanden sich etwa drei Viertel der über 80.000 Mauthausener Häftlinge in Außenlagern. Als die Nazis das Lager in Schwechat im Juli 1944 wegen permanenter Bombenangriffe evakuierten, wurden die etwa 2.500 Überlebenden nach Floridsdorf deportiert. Dort musste der Großteil der meist aus Polen und der Sowjetunion stammenden Zwangsarbeiter*innen für die Rüstungsbetriebe Hofherr & Schrantz, die Flugzeugteile herstellten, und die AFA-Werke, die Akkus produzierten, arbeiten. Beide Firmen lagen in der Shuttleworthstraße in Wien-Jedlesee.
Knapp 500 Meter entfernt waren die Zwangsarbeiter*innen untergebracht: in den Kellern des Brauhauses Mautner der Sankt-Georgs-Brauerei in der Prager Straße. Im selben Haus befand sich nicht nur die Kommandantur für alle Lager des Komplexes Floridsdorf, sondern auch der Gambrinus, das Stammwirtshaus der Admira. Rasch wurde dann, gegenüber der Brauerei und direkt hinter dem Admira-Sportplatz, in der Hopfengasse ein Barackenlager für die Häftlinge errichtet. Bewacht wurde es von Soldaten der Luftwaffe unter dem Kommando von SS-Obersturmführer Anton Streitwieser.
Wie viele Menschen zu Zwangsarbeit in Jedlesee interniert waren, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Im gesamten Komplex des Außenlagers Floridsdorf waren es 2.737 Personen, von denen mindestens 80 die Torturen nicht überlebten. Das Barackenlager hinter dem Sportplatz wurde im März 1945 durch einen alliierten Luftangriff schwer beschädigt, danach wurden die Häftlinge erneut in den Braukellern untergebracht und am 1. April gezwungen, zu Fuß den mehr als 150 Kilometer weiten Weg nach Mauthausen anzutreten. Auf diesem Todesmarsch, der sein Ziel zehn Tage später erreichte, starben 121 Menschen – durch Entkräftung und die Gewalt der Bewacher. 22 blieben vermisst, einigen gelang wohl die Flucht.
Das Bild vom Spiel der Admira gegen den Post SV zeigt, was von der Längstribüne des Platzes aus neben dem Fußballmatch auch zu sehen war. Die Besucher*innen konnten, ja, sie mussten ein Relikt des NS-Zwangssystems erkennen. Zumindest für die Ortsansässigen mussten damit auch Erinnerungen an ausgemergelte Zwangsarbeiter*innen und das Wachpersonal auftauchen. Sie waren nicht einmal eineinhalb Jahre zuvor in Floridsdorf täglich zu sehen gewesen. Selbst auf dem Gebiet des kleinen Vergnügens Fußball blieb die jüngste Vergangenheit nur allzu präsent und ist es auf dem Foto noch heute.