Manche Songs sind Zeitmaschinen, sie schicken dich zurück in eine andere Phase deines Lebens. Das Gefühl, die Stimmung, die Gerüche – alles ist wieder da. Das funktioniert bei Musik, die aus einer anderen Zeit stammt, die man in dieser anderen Zeit gehört hat und die man immer mit dieser anderen Zeit verbinden wird. Aber es geht auch anders.
Seit Weihnachten 2024 steht der Song „Adriano Shot Power 99“ auf YouTube, ein User hat ihn so kommentiert: „This hits a spot I didn’t know I had.“ Mir geht es genauso, als ich über den Song stolpere. Gemacht und hochgeladen hat ihn JJ Bull. Er ist im Brotberuf Taktikanalyst der Onlineplattform „The Athletic“. Nebenbei schreibt er in seinem Wohnzimmer in London Fußball-Lieder.
Tatsächlich, der Song holt Gefühle hoch, von denen ich gar nicht mehr gewusst habe, dass ich sie je hatte: Erinnerungen an Adriano, den 189-Zentimeter-Apparat aus Rio de Janeiro. Nicht an den echten, den sie bei Inter Mailand Imperatore getauft haben und der wohl einer der größten Stürmer überhaupt geworden wäre, wenn er in seiner Karriere nicht zuerst mit Depressionen, dann mit Alkohol und am Ende mit zu viel Gewicht zu kämpfen gehabt hätte.Wood would
An den denke ich nicht. Sondern an den digitalen Adriano, der auf der Playstation 2 in Pro Evolution Soccer 6 – und 5 und 4 – mit seinem linken Hammer, Schusskraft 99 eben, alles zerlegte. Genau den besingt JJ Bull: Im Video sieht man nie den echten, immer nur den Pro-Evo-Adriano. Es gibt auf Instagram ganze Retro-Nischen, in denen die 1980er und 1990er Jahre und ein Leben ohne Handy und Netflix nostalgisch verklärt werden. So ähnlich wirkt der Adriano-Song auf alle, die in den 2000er Jahren Pro Evo gespielt haben. Pro Evolution Soccer 6 ist 2006 erschienen, heute kostet das Spiel auf Ebay fünf Euro. Damals war es die Krone der Zockschöpfung. Und Adriano der Endgegner. JJ Bull steht heute selbst kurz vor seinem 40er und sagt: „Pro Evo 4 bis 6 ist mein biografischer Sweet Spot. Das Leben war einfacher, man hatte mehr Spaß.“ „Shot Power 99“ ist zwar an Klickzahlen gemessen nicht sein beliebtester Song, aber der Gassenhauer, bei dem die Leute bei seinen Konzerten jede Silbe mitgrölen.
Die meisten seiner Lieder drehen sich nicht um Pro Evo, sondern um Fußball im Allgemeinen, um Fußballer und Trainer. Er singt über die Magie eines Francesco Totti; darüber, wie hot das Team der AC Milan 2005 war; über Fabian Ruiz, Rodri und den Führungsstil von Carlo Ancelotti. Der Bauplan all seiner Songs: Irgendwas mit Fußball, dazu ein Sound, der an die Band „LCD Soundsystem“ mehr als nur erinnert – und der JJ-Bull-Humor. Eine Viertelmillion Zugriffe hat sein letztes Album „Attack!“ auf Spotify, der meistgeklickte Song „If Chris Wood could, Chris Wood would“ längst über 100.000: Er ist eine Hommage an den neuseeländischen Stürmer, der vergangene Saison 20 Tore für Nottingham Forest und damit den Klub in die Europa League geschossen hat.
In den Videos posiert Bull gern im Trikot des Aberdeen FC und noch lieber im Schottenrock. Online wirkt er übertrieben selbstbewusst, ähnlich wie ein Wrestler. Bull bezeichnet sich als „Internet Viral Sensation“ und zeigt sich davon überzeugt, dass es nur eine Frage von Tagen sei, bis er Stadien mit seiner Musik fülle. Immerhin: Er spielt Gigs in seiner Heimat Schottland, in London und auf Festivals. Kleine Venues in London und Schottland hat er sogar schon ausverkauft.
Anfang in Aberdeen
Bis es mit der Stadiontour klappt, arbeitet Bull weiter als Analytiker, Journalist und Podcast-Pausenaugust bei Tifo, der Taktik-Plattform von „The Athletic“, dem Onlinemedium, das 2022 von der New York Times geschluckt wurde. Was war zuerst da, der Musiker oder der Fußballanalyst? Dem ballesterer sagt er: „Definitiv der Musiker. Die Musik hat mich in meinen jetzigen Job gebracht.“
Bull kommt ursprünglich aus der Gegend um Aberdeen im Nordosten Schottlands, studierte dort und verkauft im Apple-Store iPads. 2011 stellt er seine ersten Songs auf YouTube, zuerst einen über Michael Ballack, danach einen zweiten über Owen Hargreaves. Der geht viral: Blogs und TV-Sender pushen ihn auf eine halbe Million Views. Logisch, dass Bull weiter textet – und zeichnet: Seine Clips, kurze Fußballwitze, die stilistisch an Bojack Horseman und Stefanie Sargnagel erinnern, kratzen immer wieder an der 200.000-View-Marke. „Mein Traumjob war es eigentlich, als Autor für die Simpsons zu schreiben.“
Es kommt ein bisschen anders: Ein Producer sieht seine Clips und heuert ihn als Gagschreiber für den Pay-TV-Sender BT Sport an. Weiter geht es zum Telegraph, dort startet er die Analysevideos auf YouTube – „Da habe ich das erste Mal ernsthaft über Fußball geschrieben“ –, schließlich landet er bei Tifo. In knapp zehn Jahren also vom Blödelbarden zum Mitarbeiter der New York Times. Und ganz nebenbei auch zu einem Gastauftritt als Fußball-Kommentator in der Netflix-Hitserie Baby Reindeer. Aber die Lust auf Comedy bleibt, und als Bull während der Coronapandemie den New Yorker Performancekünstler Marc Rebillet mit seiner Loop-Station musizieren sieht, beschließt er, sich auch so ein Ding zu kaufen, mit dem man Tonspuren aufnehmen und endlos loopen kann. „Das macht süchtig wie ein Videospiel“, sagt er. „Ich habe schon am ersten Tag zehn Songs gemacht.“
Trikotsammlung
Songs auf der Loop-Station zu improvisieren, das habe viel mit Gagschreiben zu tun, sagt Bull. „Dieser Moment, wenn dir was Neues einfällt, das ist das Größte. Dann musst du sofort das Video aufnehmen, sonst geht die Magie verloren.“ Wegen der Magie will er auch Chris Wood nicht live treffen. Obwohl der schon in Interviews auf Bulls Hommage angesprochen wird. „Erstens glaube ich, dass Chris Wood sehr scheu ist. Und zweitens mag ich es, die Leute zu mythologisieren. Es geht ja gar nicht um die Menschen, es geht um das Image, das ich von ihnen mit meinen Songs male.“
In seinen Liedern könne man den Namen der Fußballer einfach durch einen x-beliebigen Frauen- und Männernamen ersetzen. „Und schon hast du einen echten, simplen 80er-Banger. Bei den meisten meiner Lyrics fragt man sich ja, was das überhaupt heißen soll. Ehrlich gesagt, weiß ich es auch nicht immer.“ Noch etwas, das Bull nicht versteht: „Wieso man statt eines lokalen Vereins einen großen am anderen Ende des Kontinents unterstützt. Der hat ja nichts mit dir zu tun. Mir ist irgendwann klar geworden, wie viel Aberdeen in mir steckt.“ Deshalb sind ihm aus der Trikotsammlung, die er in seinen Videos vorführt, die Aberdeen-Shirts am wichtigsten. Aber ein anderes hat ebenfalls einen Sonderstatus: das von Inter, vorne die Pirelli-Werbung, hinten der Name: Adriano.