„Ein Wiener Sport Club“ ist ein Film für ein Programmkino mit Holzsesseln. Für einen netten Abend mit linken Freund*innen aus der Sport- und Kulturszene, mit einer Fritz-Kola in der Hand und einem neonfarbenen Schal um den Hals.
Zu Beginn will der Film den Aktivismus der Friedhofstribüne und die Diversität des Breitensportvereins zeigen. Er porträtiert Protagonist*innen aus unterschiedlichen Sektionen: Zum Beispiel eine Anhängerin, die Frauen und queere Menschen im Fußball fördern will, und die Kapitänin der Fußballsektion, die von Rassismus und den Schwierigkeiten im Frauenfußball erzählt. Sie erklären, dass der Sport-Club kein typischer Sportverein sei. Die Fußballer lassen die Filmemacher Gerald Baumann und Matteo Molina außen vor. Man kann die Auswahl der Protagonist*innen als willkürlich betrachten, es ist aber zugegebenermaßen schwer, einen gesamten Verein zu porträtieren.
In der zweiten Hälfte des Films wird es sportlicher. Zusehende finden sich bei der Staatsmeisterschaft im Fechten und im Abstiegskampf der Fußballerinnen wieder. Auf den ersten Blick wirken die Szenen zwischen Wettkampf und Diversität, Fechten und Friedhofstribüne etwas zusammenhangslos. Auf den zweiten und dritten zeichnen sie den Sport-Club treffend als Verein zwischen Sport und Politik. Also eigentlich als zwei Wiener Sport-Clubs – vereint.
ballesterer: Wie ist die Idee zum Film entstanden?
Gerald Baumann: Wir sind beide sehr fußballbegeistert. Seit wir in Wien leben, haben wir am Sport-Club-Platz eine fußballerische Heimat gefunden. Er ist einfach sympathisch. Wir machen schon länger Dokumentarfilme, und über den Sport-Club hat es noch nichts gegeben. Dabei gibt es genügend interessante Geschichten zu erzählen.
Welche Geschichte wollten Sie erzählen?
Matteo Molina: Der erste Zugang waren die Menschen auf der Friedhofstribüne. Je mehr wir die anderen Sektionen kennengelernt haben, desto mehr wollten wir das ganze Universum zeigen. Wir wollten nie erzählen, dass es einer der ältesten Sportvereine Österreichs ist oder wie die Fußballer mal gegen Juventus gewonnen haben. Es ging uns, auch aus privatem Interesse, um das Politische und die Haltung des Vereins. Besonders am Sport-Club ist die Diversität und dass er eine Alternative zu den Ausgrenzungen im Sport präsentiert. Der Sport-Club zeigt, wie offen Sport sein sollte – und ist trotzdem sportlich ambitioniert.
Warum haben Sie nur einen Teil der Sektionen abgebildet?
Baumann: Wir haben irgendwann einen Schlussstrich ziehen müssen, wen wir mit reinnehmen, bei zehn Protagonist*innen verliert es an Tiefe. Wir haben versucht, Themen abzubilden: die junge Fechterin mit unglaublichem Ehrgeiz und politischem Gewissen, die Fanin, die Aktivismus betreibt, und den Schwimmer, der Präsident ist.
Warum kommen die Fußballer nicht vor?
Molina: Uns waren die Werte der Friedhofstribüne wichtiger und was von dort ausgeht. Wir wollten zeigen, dass es viel mehr gibt als den Männerfußball, und haben ihn deshalb ausgelassen. Die Inhalte, die wir transportieren wollten, haben wir über die anderen Protagonist*innen abdecken können. Außerdem hat es sich richtig angefühlt, den Frauenfußball reinzunehmen, er kriegt weniger Aufmerksamkeit. Dabei ist er gesellschaftspolitisch gesehen viel weiter.
Hat sich Ihr Blick auf den Sport-Club nach den Dreharbeiten bestätigt oder verändert?
Baumann: Beides. Neu war für mich, was für ein bunter Haufen der Sport-Club tatsächlich ist. Es ist ein Universum mit Plenen und Basisdemokratie, die Fans haben viel Mitspracherecht. Bestätigt hat sich, was für tolle Menschen sich da engagieren. Es ist ein Netzwerk aus sozialen und engagierten Persönlichkeiten. Sie laden einen aktiv ein, Teil von ihnen zu werden.