Seit dem Sommer spielt der ehemalige DDR-Meister 1. FC Magdeburg wieder Profifußball. Auch die Fans des Drittligisten sind professionell aufgestellt: Die neu gegründete „Fanhilfe Magdeburg“ hat mit der Aufarbeitung eines Polizeieinsatzes bei Union Berlin schon wichtige Erfolge verbucht.
Ermittlungsverfahren, Datenbankeinträge und Auswärtsfahrten mit erkennungsdienstlicher Behandlung – Fußballfans können auf unterschiedliche Weise mit Polizei und Gesetz in Konflikt geraten. Unterstützung finden sie bei lokalen Fanhilfen, von denen es in Deutschland rund ein Dutzend gibt. Eine der jüngsten Einrichtungen hat sich im September 2015 beim Drittliga-Aufsteiger 1. FC Magdeburg gegründet. Die Fanhilfen vermitteln juristischen Beistand und bieten über Mitgliedsbeiträge finanziellen Support bei Verfahren. Allerdings nicht jedem.
ballesterer: Besteht die „Fanhilfe Magdeburg“ aus ausgebildeten Juristen?
Oliver W.: Die gibt es in unseren Reihen. Der Großteil unserer Mitglieder besteht allerdings aus juristischen Laien. Wir nehmen uns nicht heraus, uns als Rechtsberater zu bezeichnen, sondern vermitteln Betroffene an mitwirkende Juristen. Das ist ein sehr heikles Feld, weil die Leute sonst denken, sie bekommen für drei Euro Mitgliedsbeitrag im Monat eine komplette Beratung wie beim Anwalt.
Welchen Rat würden Sie dennoch erteilen?
Oliver W.: In Deutschland kommt man als Fan mittlerweile sehr schnell in Dateien über gewalttätige Fußballanhänger. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, nicht in Panik zu verfallen. Egal, wie viele Schreiben von der Polizei einflattern, wie oft sie bei dir klingeln und dich observieren. Nicht jeder Brief ist ein Weltuntergang.
Was unterscheidet die „Fanhilfe Magdeburg“ von anderen Rechtshilfen?
Oliver W.: Wir schauen uns natürlich Dinge von bereits etablierten Fanhilfen ab. Unser großes Plus ist, dass wir uns aus einem breiten Querschnitt des Stadions rekrutieren, das macht sich auch in unserem Vorstand bemerkbar. Wir sind sehr nahe an der Fanszene und erfahren nach dem Spiel unbürokratisch im Lokal, welche Probleme es gibt. Zuletzt haben wir Neumitglieder eines sehr alten Fanumfelds begrüßt. Diese 40- bis 50-Jährigen haben heute selbst keine Probleme mit der Polizei, hätten sich solch eine Solidargemeinschaft aber gewünscht, als sie jünger waren. Deshalb unterstützen sie uns jetzt.
„Zuletzt haben wir Neumitglieder eines sehr alten Fanumfelds begrüßt. Diese 40- bis 50-Jährigen haben heute selbst keine Probleme mit der Polizei, hätten sich solch eine Solidargemeinschaft aber gewünscht, als sie jünger waren.“
Oliver W., Fanhilfe Magdeburg
Hat es für die Gründung einen speziellen Anlass gegeben?
Heiko L.: Wir haben das schon länger vorgehabt, haben aber mit unseren damaligen Strukturen die auftretenden Fälle gut abdecken können – dann kamen im Dezember 2014 die Vorfälle bei Union Berlin. Auf einmal hat eine dreistellige Zahl an Personen Stadionverbote bekommen, das war eine völlig neue Dimension.
Was ist bei Union vorgefallen?
Oliver W.: Der 1. FC Magdeburg hat damals unter der Woche ein Auswärtsspiel bei der zweiten Mannschaft von Union Berlin gehabt. Die organisierte Fanszene ist mit Autos angereist, weil es am selben Abend keine Zugverbindung mehr für die Rückfahrt gegeben hat. Die meisten haben etwas außerhalb geparkt und sind das letzte Stück mit der S-Bahn gefahren. Am S-Bahnhof Köpenick ist es dann zu Rangeleien einzelner FCM-Fans mit denen von Union Berlin gekommen. Die Polizei hat daraufhin die gesamte Gruppe, über 250 Personen, eingekesselt und bis in die frühen Morgenstunden festgehalten. Zum Spiel ist niemand gekommen, obwohl alle eine Karte gehabt haben.
Wie ist das Vorgehen begründet worden?
Oliver W.: Der Vorwurf war, dass wir konspirativ angereist seien, um eine Auseinandersetzung mit den Union-Fans zu führen. Es stimmt, dass sich einzelne FCM-Fans nicht im Griff gehabt haben – und das ist kritisch zu bewerten. Gerade der geringe Freiraum den man inzwischen bei Fußballspielen hat, vermittelt aber gar nicht mehr die Erfahrung auf andere Fans zu treffen und besonnen zu reagieren. Die polizeiliche Maßnahme war freilich vollkommen überzogen. Ich war einer der letzten, die zur Personalien- und Fotoabgabe genötigt worden sind. Bei Minusgraden sind den Leuten sowohl Verpflegung als auch der Toilettengang verwehrt worden.
Wie ist die Geschichte weitergegangen?
Heiko L.: Einige Beamte leiden jetzt wohl an Burn-out, denn alle Magdeburger haben eine Anzeige von der Berliner Polizei bekommen sowie ein Stadionverbot von Union Berlin erhalten. Über 200 davon waren zur Bewährung ausgesetzt, das bedeutet, man kann weiter ins Stadion gehen, muss sich aber alle drei Monate bei Union mit dem Sachstand des Verfahrens melden. Bis vor ein paar Wochen war noch nicht mal die Beweisaufnahme der Polizei abgeschlossen, und die Staatsanwaltschaft dürfte kopfschüttelnd vor den Akten gesessen sein. Unsere Anwälte haben Druck gemacht, jetzt werden die Verfahren nach und nach eingestellt. Nach großem Einsatz des Stadionverbotsbeauftragten des 1. FC Magdeburg sind die Stadionverbote in seine Zuständigkeit gegeben und ebenfalls reihenweise aufgehoben worden. Das sind bis dato unsere größten Erfolge.
Hat die Fanhilfe Kriterien, welche Fälle unterstützt werden?
Oliver W.: Ja, unsere Unterstützung ist abhängig von der Zurechnungsfähigkeit der betroffenen Person. Wer betrunken oder aus einer Laune heraus einen Bullen als „Wichser“ beschimpft, wird anders behandelt als jemand, der das macht, während er gerade von Polizisten niedergetreten wird. Auch die Länge der Mitgliedschaft und die finanziellen Mittel eines Fans finden Berücksichtigung. Letztlich entscheidet eine dreiköpfige Kommission über den Einzelfall.
Gibt es Delikte, bei denen Unterstützung prinzipiell ausgeschlossen ist?
Oliver W.: Sinnlose Sachen wie das Zeigen des Hitlergrußes unterstützen wir nicht. In unserer Satzung steht, dass wir uns gegen die Diskriminierung von Minderheiten aussprechen und allen Fans offen stehen, egal welcher Herkunft oder Religion. Wer heutzutage noch einen Hitlergruß zeigt, ist selbst dran schuld. So etwas geht gar nicht.
Oliver W. (24) und Heiko L. (31) sind Mitglieder der Fangruppe „Block U – 1. FC Magdeburg“. Der von ihnen mitgegründete Verein „Fanhilfe Magdeburg“ besteht seit September 2015.
Anmerkung: In unserer Printausgabe und einer früheren Onlineversion des Textes steht, dass die Anzeigen der Magdeburger Fans durch den Szenekundigen Beamten aus Magdeburg weitergeleitet wurden. Dies stimmt nicht. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.
In Deutschland prägen die Fans ihre Klubs nicht nur im Stadion, sondern beteiligen sich bei Mitgliedsversammlungen – und übernehmen Funktionen in den Vereinsgremien. lesen