Als Felipe Baloy im Juni 2018 bei der WM in Russland nach einer Freistoßflanke den Ball ins Tor grätscht, liegen sich die panamaischen Fans in den Armen. Panama ist England 90 Minuten klar unterlegen, doch gut zehn Minuten vor Ende steht es damit 1:6. Im zweiten WM-Spiel der Landesgeschichte ist es das erste Tor für Panama. Und das erste Erfolgserlebnis beim Debüt.
„Als wir das Spiel sahen, fühlte es sich an, als würden wir gewinnen. Dieses Gefühl haben sie uns vermittelt, sie haben es allen Menschen in Panama vermittelt“, sagt Andrés Andrade dem ballesterer beim Gespräch im Linzer Stadion. Er verfolgte das Match mit Freunden und Familie vor dem TV. Im November 2018 debütierte er im panamaischen Nationalteam, seit drei Jahren spielt er in der LASK-Abwehr.
Für Panamas ersten WM-Punkt hat es 2018 nicht gereicht, das Team verlor nach zwischenzeitlicher Führung auch das dritte Gruppenspiel gegen Tunesien 1:2 und musste als schlechteste Mannschaft des Turniers die Heimreise antreten. Das kam angesichts des geringsten Marktwertes aller WM-Teilnehmer nicht überraschend. Das Turnier haben die Panamaer*innen dennoch positiv im Gedächtnis, auch dank des ersten WM-Tors. „Es war ein ganz, ganz besonderer Moment für alle in Panama“, sagt Andrade.
Punkte-Spiel
Veränderte Vorzeichen gibt es für die WM-Endrunde 2026, wenn auch nur ein wenig. Panama ist erneut in einer Gruppe mit England und auch gegen die anderen Gegner Kroatien und Ghana in der Außenseiterrolle. Doch die Qualität der Mannschaft ist höher und Panama nicht zu unterschätzen. Der Kaderwert hat sich in den letzten acht Jahren mehr als verdoppelt, dazu kommt die Erfahrung aus dem Turnier in Russland.
„Die Mannschaft ist reifer als beim letzten Mal. Unsere Mentalität hat sich verändert, wir sind konkurrenzfähiger“, sagt Andrade. Damals sei es vor allem darum gegangen, erstmals bei einer WM dabei zu sein. Diesmal will das Team von Trainer Thomas Christiansen mehr.
Der Teamchef ist mitverantwortlich für das gesteigerte Selbstvertrauen der Spieler aus dem 4,5-Millionen-Einwohner-Staat. Christiansen steht seit 2020 an der Outlinie, hat die dänische und spanische Staatsbürgerschaft und wurde 2003 als Spieler des VfL Bochum Torschützenkönig der deutschen Bundesliga. Im Interview mit der FIFA sagt Christiansen: „Wir wollen nicht mehr nur Tore feiern, die keine Punkte bringen, sondern einen Schritt weitergehen.“ Er setzt auf ein eingeschworenes und starkes Kollektiv.
Andrade, der bislang 57-mal für Panama auflief, war während der WM-Qualifikation neben Costa-Rica-Legionär Fidel Escobar in der Verteidigung gesetzt. Panamas wertvollster Spieler ist Rechtsverteidiger Amir Murillo von Beşiktaş Istanbul. Wie Murillo sind viele Spieler Ende 20 oder Anfang 30, der Kader wird voraussichtlich zu den ältesten bei der WM zählen.
Andrade sagt: „Wir haben eine gute Mischung aus erfahrenen Spielern und jüngeren Talenten. Aber es geht mehr um unseren Teamgeist, der macht uns zu einer starken Mannschaft.“ Zu den erfahrenen Spielern gehört auch Kapitän Aníbal Godoy, der bereits 2018 in Russland dabei war. Er verdient bei San Diego in der MLS sein Geld, ist mit über 150 Einsätzen Panamas Rekordteamspieler und wird bei der WM eine wichtige Säule im Mittelfeld sein.
Fan-Faktor
Im Auftaktmatch trifft Panama auf Ghana. Die Afrikaner spielten eine enttäuschende WM-Vorbereitung inklusive Niederlagen gegen Österreich und Deutschland. Nach vier Pleiten am Stück musste kurz vor dem Turnierstart Teamchef Otto Addo den Hut nehmen. „Dieses erste Spiel kann darüber entscheiden, wie die WM für uns verläuft“, sagt Andrade. In der Weltrangliste steht Panama als 33. vor den als 74. platzierten Ghanaern, Favorit ist das Team auch in dieser Begegnung aber nicht. Andrade ist froh, dass der vermeintlich schwerste Gegner erst im dritten Spiel wartet, freut sich aber besonders auf England.
Auch gegen Kroatien wird es anspruchsvoll, Andrade ist dennoch zuversichtlich: „Ich glaube natürlich, dass wir weiterkommen können. Das erste Spiel wird das wichtigste sein, danach kommen nur noch härtere Spiele.“ Ein positiver Faktor könnten die Anhänger*innen aus Panama werden. Andrade ist überzeugt, dass die Fans all ihre Energie und ihre Stimmung nach Nordamerika mitbringen werden. „Wir wollen in Toronto wie zu Hause spielen. Es werden viele panamaische Fans dorthin reisen, um uns zu unterstützen.“
Einen Vorgeschmack auf die Begeisterung, die die Mannschaft auslösen kann, gab es bereits im finalen Qualifikationsspiel Mitte November gegen El Salvador. Nach dem 3:0-Sieg war der Jubel in Panama-Stadt grenzenlos. Die Fans feierten mit Autokorso und Feuerwerk, die Spieler ließen sich in einem Wagen durch die Stadt fahren und tanzten zu Partymusik. In Erinnerung an die Partie bekommt auch Andrade immer noch Gänsehaut, sagt er. „Meine Familie hat geweint vor Freude.“
Diplomatie-Streit
Gespielt wurde die Partie im Estadio Rommel Fernández Gutiérrez – 2010 renoviert und mit Platz für 32.000 Zuseher*innen das mit Abstand größte Stadion des Landes. Es ist ein Lichtblick in der lokalen Fußballinfrastruktur und sollte nicht über so manche Probleme der panamaischen Liga hinwegtäuschen. Andrade, der vor seiner Karriere in Europa die ersten Schritte beim Erstligisten San Francisco FC machte, sieht Verbesserungsbedarf in der Liga Panameña de Fútbol. Es würden Plätze zum Trainieren fehlen und Stadien für große Spiele. „Aber das ändert sich gerade, die Liga wächst“, sagt Andrade.
Das Format, in dem die Liga ausgetragen wird, ist in Mittel- und Südamerika üblich. Pro Jahr werden zwei Meister gekürt, das Kalenderjahr ist aufgeteilt in Apertura und Clausura. Zur WM 2018 schafften gerade einmal drei Spieler aus der heimischen Liga den Sprung in den WM-Kader. 2026 könnte es womöglich nur noch der 104-fache Teamspieler Éric Davis sein.
Ein größeres Aushängeschild als die Liga ist der Panamakanal, eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Die USA halfen beim Bau und kontrollierten den Kanal bis 1999, als er an Panama übergeben wurde. US-Präsident Donald Trump möchte ihn nun wieder zurück. Panama lehnt das ab, erlaubte jedoch die Stationierung von US-Truppen am Kanal. Dabei geht es darum, den Einfluss chinesischer Firmen, die zwei Terminals betreiben, zurückzudrängen.
Der Panama-Kanal ist Teil der panamaischen Identität – und lieferte dem Nationalteam seinen Spitznamen: „los canaleros“ – die Kanalarbeiter. Sie werden in Nordamerika hart arbeiten müssen. Wie viel möglich ist, zeigten 2014 die mittelamerikanischen Nachbarn aus Costa Rica. Diese gewannen entgegen allen Prognosen ihre WM-Gruppe vor Uruguay, Italien und England und kamen bis ins Viertelfinale. „Natürlich wollen wir uns den damaligen WM-Lauf von Costa Rica zum Vorbild nehmen. Aber wir versuchen, uns mehr auf uns selbst zu konzentrieren. Alles ist möglich“, sagt Andrade.