Valencia – ein gutes Los für Rapid. Ein Verein mit großem Namen, der momentan unter seinem Niveau spielt. Fast alle namhaften Spieler verkauft, ein unerfahrener Trainer, ein machtloser Sportdirektor. Entscheidungen treffen der ahnungslose Besitzer und ein machthungrigerSpielervermittler. „Eine Mannschaft, die weder eine eigene Identität hat noch eine klare Idee, wie sie spielen soll“, hat die Tageszeitung El Pais jüngst geurteilt. Was ist bei den Spaniern bloß schiefgelaufen?
Vieles. Trainer und Präsidenten wechselten im Jahresrhythmus. Die Lokalpolitik mischte fleißig mit, half dem Verein mit Mauscheleien und finanziellen Garantien über die Runden. Spaniens Immobilienkrise verhinderte den großen Reibach mit dem zentrumsnahen Grundstück des alten Mestalla-Stadion. Das neue Mestalla rottet inzwischen als Rohbau kostspielig vor sich hin. Im Jänner 2014 stand der Verein vor dem finanziellen Ruin, an die 400 Millionen Euro Schulden soll er angehäuft haben. Die Politik konnte nicht mehr einspringen, denn die früheren Retter standen entweder vor Gericht oder waren abgewählt. Mit Bankkrediten war nicht zu rechnen.
Die damalige Vereinsführung, eine Abwicklungsinitiative mit dem wegweisenden Namen GloVAL, hatte die globale Qual der Wahl. Die Wanda Group aus China, Cerberus Capital Management aus den USA, Zolotaya Zvezda aus Russland oder der Palmöl-Milliardär Peter Lim aus Singapur? Am Ende durfte Mister Lim einsteigen. Der vom Vorstand favorisierte Investor kaufte im Oktober 2014 70 Prozent der Vereinsanteile.
Schweigsamer Chef
Jänner 2015, die Ära Lim läuft gut an. Kim Lim, die 22-jährige Tochter des Besitzers, ist in ihrer Heimat ein Internetstar. Sie präsentiert bei Facebook und Instagram Fotos von teuren Partys, Handtaschen und Schuhen, neuerdings wie nach dem Sieg gegen Real Madrid twittert sie auch sportliche Ergebnisse aus der Präsidentenloge. Über 100.000 Menschen verfolgen ihre Gedanken- und Bilderströme online. Damit ist sie eine geeignete Gallionsfigur für Familie und Verein auf dem umkämpften asiatischen Markt. Schließlich gibt sie auch wertvolle Shoppingtipps: „Der Megastore des Vereins hat wirklich eine gute Auswahl von Merchandisetrikots, Schals, Mützen. Dieses Mal habe ich viele pinke Schals mitgenommen“, verrät sie dem Onlineportal AsiaOne.
Das Mitteilungsbedürfnis hat Kim nicht von ihrem Vater, Peter Lim gilt als äußerst verschlossen. Wenn der Milliardär etwas zu sagen hat, spricht Chan Lay Hoon für ihn. Die Managerin ist seine rechte Hand und Geschäftspartnerin, dazu bekleidet sie den Präsidentenposten mit all seinen Repräsentationspflichten. Die Frau ist nicht zimperlich. Bei der Generalversammlung der Anteilseigner im Dezember kritisierte sie die ehemaligen Granden des Vereins. „Warum haben wir in den letzten 15 Jahren 14 Trainer gehabt? Acht Präsidenten und vier Besitzer in den letzten elf Jahren? Weil wir uns in einem Krieg befunden haben. Der hat geendet, als wir gekommen sind.“ Doch Lay Hoon weiß auch um die emotionale Dimension ihrer Aufgabe, die Pflege von Lokalstolz und Vereinsverbundenheit. Über den 43-jährigen Fan, der während des letzten Spiels gegen den FC Barcelona einen tödlichen Herzinfarkt erlitten hat, sagte sie: „Ich war bei seinem Begräbnis und konnte nachvollziehen, was ihm der Verein bedeutet haben muss. Jedes Mal über zwei Stunden mit dem Auto zu fahren, um sein Team im Mestalla spielen zu sehen.“
Lay Hoon kann austeilen, sie kann mitfühlen, aber sie muss bei Pressekonferenzen auch ganz schön etwas einstecken. Verantwortlich dafür sind ihr schweigsamer Boss und sein Berater Jorge Mendes, einer der derzeit mächtigsten Spielervermittler, der unter anderem Cristiano Ronaldo, Angel Di Maria und James Rodriguez betreut.
Schaufenster Valencia
Inzwischen wird klar, dass Peter Lim nicht der strahlende Retter ist, der alle Schulden übernimmt, das Stadion fertigbauen lässt und dem Verein einen Topspieler nach dem anderen auf den Rasen stellt. Bis dato hat er einige Garantien geleistet, kurzfristige Kredite in langfristige umwandeln lassen und dem Klub Geld geborgt. Damit ist dem FC Valencia im Moment geholfen, gerettet ist der Verein nicht. Und es werden bereits Stimmen laut, die vermuten, dass er in diesem Deal übel abgezockt wird.
Zuvor hatte Lim sich bereits um die Übernahme anderer Klubs wie dem FC Liverpool bemüht. Erfolglos – nicht zuletzt wegen seiner Geschäftspraktiken. Denn Lim ist über eine Holdingfirma im Besitz von Spielerrechten, unter anderem für die von Valencia verpflichteten Andre Gomes und Joao Cancelo. Die Kosten für die Verpflichtung trägt der Verein, der Gewinn bei einem Transfer fließt in die Taschen der Investoren. Ein Verbot dieser sogenannten Third Party Ownership hat die FIFA kurz vor Lims Einstieg bei Valencia angekündigt und im Frühjahr 2015 umgesetzt. Inwiefern die Übernahme des Klubs es Lim ermöglicht, Transfers mit eigenen Spielern und denen von Mendes einfach über die den Verein laufen zu lassen und das Verbot so zu umgehen, ist bislang nur Spekulation. Die Initiative „Marea Valencianista“, betrieben von Ex-Vizepräsident Miguel Zorio, hat jedenfalls versucht, Lim wegen der Verpflichtung von Spielern zu überhöhten Preisen zu verklagen.
„Valencia muss aufpassen, nicht einfach nur als Schaufenster für die Spieler von Lim und Mendes benutzt zu werden“, schrieb das Onlineportal goal.com bereits im November 2014. „Sportlicher Erfolg könnte aber auch das erträglich machen.“ Der bleibt derzeit allerdings aus, im Herbst scheiterte Valencia in der Champions League, in der Liga steckt der Verein im Mittelfeld fest. Neo- Trainer Gary Neville hat ebenso wie sein Vorgänger Nuno den Ruf, eine Marionette von Lim und Mendes zu sein. Mit Nuno hat die Karriere von Mendes begonnen, er war dessen erster Klient. Neville und weitere ehemalige Manchester-United-Spieler besitzen gemeinsam mit Lim Anteile am englischen Amateurklub Salford City. Der neue Trainer ist also ein weiterer Geschäftspartner.