San Lorenzo, Ecuador – eine Kleinstadt an der Pazifikküste im Norden des Landes. Strände, Mangrovenwälder und dazwischen Plantagen. Für sein erstes Paar Sportschuhe verkauft ein Bursche Zitronen. Drei Dollar kosten die Schuhe, dafür muss er 100 Zitronen verkaufen. Er verbringt die meiste Zeit mit seinem Vater und Großvater – die Ernte einholen. Aber seine Freunde kicken auf dem Hartplatz, der ganze Ort lebt für den Fußball und der Bursche auch.
Heute, mehr als 20 Jahre später, ist Enner Valencia Kapitän der ecuadorianischen Nationalmannschaft, Rekordtorschütze und einer der Hoffnungsträger für die WM 2026. Der Fußball habe ihn gefunden, sagt er. Seine Tore widmet er seinem Heimatland und den Ecuadorianern.
Willensstark
Nachdem Enner Valencia bei einem Pfarrturnier entdeckt wurde, förderte ihn Spielerlegende Pedro „Papi“ Perlaza. Valencia reiste zu zahlreichen Probetrainings, bis ihn Club Sport Emelec 2008 verpflichtete. Dort stieg er zum Leistungsträger auf. Aus dem Mittelfeldspieler wurde ein Stürmer und aus dem Jugendspieler, der im Stadion schlief, ein Profi mit internationaler Reichweite. 2014 wechselte Valencia zu West Ham United, spielte leihweise eine Saison bei Everton und später in der Türkei, in Brasilien und jetzt bei CF Pachuca in Mexiko.
Er wurde Meister mit Emelec, gewann den Cup mit Fenerbahçe, wurde zum Torschützenkönig und besten Spieler gekürt. Valencia besticht durch seine Schnelligkeit und Treffsicherheit, die ihm den Spitznamen „Superman“ eingebracht haben. Valencia sei ein Leader, sagt Álex Aguinaga, der für Ecuador bei der WM 2002 spielte: „Er hat schon immer alles gegeben und hart gearbeitet. Er läuft bis zum Umfallen, geht in jeden Zweikampf und kämpft unermüdlich, und manchmal erreicht er ein Ziel nur durch Kampfgeist und Willensstärke.“
Sein Debüt in der Nationalmannschaft gab Valencia 2012 in einem Freundschaftsspiel gegen Honduras, bis Drucklegung hat er 105 Spiele für Ecuador absolviert. Neben zwei WM-Teilnahmen erreichte er mit „La Tri“ mehrmals das Viertelfinale der Copa América. Besonders bitter war das Ausscheiden 2024. Gegen Argentinien setzte er einen Handelfmeter an den Pfosten, dann verlor das Team im Elfmeterschießen 2:4. „Das war unglaublich schwierig, nicht nur meine persönliche Situation, sondern meine Mitspieler in der Kabine weinen zu sehen“, sagte er Anfang des Jahres im Podcast Acción. „Auch ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, weil ich mitverantwortlich war für das, was passiert ist.“
Spätestens am 10. September 2025 im Spiel gegen Weltmeister Argentinien konnte Enner Valencia das Elferdebakel von 2024 vergessen machen. In seinem 100. Spiel für Ecuador verwandelte er den Elfmeter zum 1:0. Mit nur fünf Gegentoren in 18 Spielen hatte Ecuador die beste Defensive der südamerikanischen Qualifikation. Valencia schoss sechs der neun Tore und führte die Mannschaft unter anderem zu Siegen über Uruguay und Kolumbien. Nach der Qualifikation wies Valencia Kritik am Spielstil und fehlenden Toren zurück: „Wir kämpfen weiter und geben alles für unser Land.“
Flexibel, aber torarm
Dabei standen die Sterne vor der Qualifikation schlecht: Wegen falscher Angaben im Pass von Verteidiger Byron Castillo startete Ecuador mit drei Punkten Abzug in die Qualifikation. Außerdem war der ecuadorianische Verband zu einer Geldstrafe von 100.000 Schweizer Franken verurteilt worden. Auf die Copa América 2024 folgte ein neuer Teamchef. Unter Sebastián Beccacece setzte es im ersten Qualifikationsspiel prompt eine Niederlage. Doch „La Tri“ ließ sich davon nicht unterkriegen und ist seitdem ungeschlagen.
Valencia war bei den letzten beiden Weltmeisterschaften dabei und ist damit einer der erfahrensten Spieler im Team. Mit sechs WM-Toren und 49 Toren fürs Team ist er doppelter Rekordtorschütze. Im WM-Kader von Teamchef Beccacece werden vermutlich sieben Europa-Legionäre stehen. Besonders Moisés Caicedo von Chelsea, Willian Pacho von Paris Saint-German und Arsenals Piero Hincapié befinden sich in Bestform. Nach seinem Platzverweis im letzten Qualifikationsspiel wird Caicedo im ersten Spiel gegen Côte d‘Ivoire vermutlich fehlen, ein Einspruch des ecuadorianischen Verbands gegen die Sperre läuft noch. Mit einem Marktwert, den Transfermarkt.at mit mehr als 400 Millionen Dollar beziffert, ist der Kader der wertvollste, den Ecuador je zu einer WM geschickt hat.
Unter Beccacece präsentiert sich Ecuador kompakt und gut organisiert. Der Trainer, der zuvor unter anderem an der Seite von Jorge Sampaoli arbeitete, ist für seine taktische Flexibilität bekannt. Er setzt auf hohes Pressing und kombiniert eine gut organisierte Defensive mit schnellem Umschaltspiel. Wenn es der Gegner verlangt, lässt er auch mauern, wie das Spiel gegen Argentinien zeigte, in dem er ein 4-4-1-1 spielen ließ. Die daraus resultierende Torarmut ist Ecuadors größter Makel und bringt Beccacece immer wieder Kritik ein. In den letzten 20 Spielen blieb Ecuador neunmal ohne Treffer, und abgesehen von Valencia kann sich niemand als verlässlicher Torschütze etablieren.
Fernsehboom
Es ist die fünfte WM-Teilnahme Ecuadors. Während Valencia seinen Torrekord weiter ausbauen und zum Spieler mit den meisten WM-Einsätzen für sein Land werden könnte, will „La Tri“ ähnlich gut abschneiden wie 2006 in Deutschland und ins Achtelfinale kommen. Beccacece warnt vor zu viel Euphorie, sagt aber auch: „Wir sind überzeugt, dass wir die bisher beste Weltmeisterschaft spielen werden.“ Die Fans in Ecuador hegen jedenfalls große Hoffnungen, im Land werden so viele Fernseher verkauft wie seit vier Jahren nicht mehr. Die ecuadorianische Presse spricht vom besten Team aller Zeiten und handelt die Mannschaft bereits als einen Favoriten in Gruppe E – neben Deutschland.
Valencia sagte im Podcastgespräch zu Jahresbeginn, man blicke nur auf das erste Spiel gegen Côte d‘Ivoire, und fügte hinzu: „Die Form, in der wir uns befinden, unsere Mannschaft, die Qualität der Spieler, all das lässt einen groß träumen.“ Aus dem Burschen mit den Zitronen ist einer der größten Fußballer Ecuadors geworden. In der Heimat war er schon lange nicht mehr. Die Region an der Grenze zu Kolumbien gilt heute wegen der Drogen- und Bandenkriminalität als gefährlich. An seinem Weg an die Spitze würde Enner Valencia nach eigener Aussage aber nichts ändern. „Meinem jüngeren Ich würde ich sagen, dass es die Anstrengungen wert war. Die Opfer, die ich gebracht habe, um meine Träume wahrzumachen. Ich habe sie mit Arbeit, Disziplin und manchmal auch Tränen erreicht.“