Karl-Heinz Granitza war ein Star. Karl-Heinz wer? Karl-Heinz Granitza brachte Chicago den Fußball bei, zerschoss die NASL, gab den Pausenunterhalter bei den Chicago Bulls, saß bei Oprah Winfrey auf der Couch, pflegte unwissentlich Beziehungen zur italienischen Mafia, stieg mit dem US-Soccer in den 1970er und 1980er Jahren ganz hoch – und fiel wieder tief hinab. Als Granitza seinen Vertrag verlängerte, verkündete das Chicagos Bürgermeisterin persönlich. Sein Klub, die Chicago Sting, nannte ihn einmal: „The man often labeled the franchise“, Den Mann, der als das Franchise gilt. Karl-Heinz wer?
Tagesspiegel-Redakteur Stefan Hermanns erzählt in seinem Buch die Geschichte eines Bundesliga-Spielers, der von Hertha BSC in die USA zog – weil sein Klub ihn verscherbeln musste. Herausgekommen ist ein unterhaltsames Porträt, das auch eine Geschichte über eine Epoche des US-Fußballs ist, die irrwitzig und charmant zugleich wirkt, auf den ganz großen Hype hinsteuert und schleichend dahinsiecht. Ein Third-Person-Abenteuer, geformt aus den Geschichten eines Stürmerstars, garniert mit Originalquellen und Zeitzeugen.
ballesterer: Das Buch gleicht stilistisch einem Roman. Wann war für Sie klar, dass es diese Erzählweise werden wird?
Stefan Hermanns: Anfangs war tatsächlich offen, ob wir eine Autobiografie machen. Ich habe dann ein erstes Kapitel geschrieben und es Karl-Heinz vorgelesen. Das fand er gut, am Abend bekam ich aber eine Nachricht, dass er es doch lieber in der Ich-Form hätte. Ich habe mir gedacht: „Nee, das geht jetzt nicht mehr.“ Ich wollte nicht nur ihn erzählen lassen, sondern auch Informationen aus anderen Quellen heranholen. Das Romanhafte hängt mit der damaligen Andersartigkeit des Fußballs in den USA zusammen. Ich habe mich fast ein bisschen in die NASL verliebt.
Sie skizzieren im Buch Besonderheiten der NASL. Haben Sie einen Favoriten?
Faszinierend finde ich, dass in riesigen, quadratischen Baseballstadien gespielt wurde. Sie haben einfach das Fußballfeld draufgemalt, auch über den kleinen Hügel des Schlagmals. Anderes Beispiel: Bei der EM 1980 hat Belgien erfolgreich mit Abseitsfalle gespielt. Wenn du das nicht gewohnt warst, waren die Spielunterbrechungen total nervig. Als auch in den USA ein Team so gespielt hat, wollte Lee Stern, der Besitzer der Chicago Sting, dass die Liga das verbietet. Dass ein pfiffiger Trainer einen Vorteil gefunden hat und einer in den USA sagt: „Das wollen wir nicht, das macht das Spiel kaputt!“ – das fand ich erfrischend naiv.
Wie mühsam war die Recherche über eine Liga, die es nicht mehr gibt und die aus einer Zeit stammt, in der Aufreger nicht viral gegangen sind?
Es gibt wenig Literatur, vor allem deutschsprachige. Ich habe mir ein paar amerikanische Bücher besorgt. Eines war „Rock’n’Roll Soccer“ von Ian Plenderleith, mit dem ich auch gesprochen habe. Ich habe Podcasts gehört, im Archiv der Chicago Tribune recherchiert. Karl-Heinz selbst hatte zwei Kartons im Keller stehen. Darin hatte er Zeitungsausschnitte gesammelt, die in seinen ersten Jahren in Lünen und Gütersloh noch fein säuberlich ausgeschnitten und eingeklebt waren – und am Ende seiner Karriere aus der Zeitung gerissen und auf den Stapel gelegt wurden. Da habe ich mich durchgewühlt.
In 40 Jahren wird über einen heutigen Fußballer wohl niemand mehr solche Geschichten schreiben können.
Ich fürchte, das stimmt. Das Geschäft hat sich professionalisiert, bestimmte Dinge sind nicht mehr möglich – weil Sportler anders leben müssen, um auf dem Niveau mithalten zu können, und der Zugang zu Journalisten erschwert wird. Ich kann mir auch vorstellen, dass Fußballer heute manche Dinge gar nicht erst erleben, die sie dann in 40 Jahren erzählen könnten. Das ist bedauerlich.