Barcelona ist zum Synonym geworden für globale Superstars, millionenschwere Transfers und ein Stadion, das Fans aus der ganzen Welt anzieht. Doch in den Bezirken Sant Andreu und Gràcia finden fernab vom Rampenlicht kleine Fußballrevolutionen statt.
Die Aufstiege der Unió Esportiva Sant Andreu und des Club Esportiu Europa sind mehr als Geschichten von sportlichem Erfolg. In einer Zeit, in der sich viele Fans im Spitzenfußball entfremdet fühlen, stehen die lokalen Vereine für die Rückkehr zu den Wurzeln des Fußballs. Sant Andreu hat in vier Spielzeiten zwei Aufstiege geschafft und wird in der nächsten Saison in der zweigleisigen dritten Liga spielen. Dort wartet bereits CE Europa, das heuer nur knapp am Aufstieg in den Profibereich vorbeigeschrammt ist. Der Verein scheiterte im Juni in den Play-offs zur zweiten Liga.
Noch vor wenigen Jahren spielten beide Klubs vor wenigen hundert Zuschauer*innen, heute locken sie regelmäßig tausende Fans an. CE Europa hatte in der abgelaufenen Drittligasaison einen Schnitt von 3.500 Zuschauer*innen, Sant Andreu eine Liga drunter gar von 5.300. Auch die Mitgliederzahlen haben sich innerhalb weniger Jahre verzehnfacht.
Das Wesen des Fußballs
Die Bezirke Sant Andreu und Gràcia waren früher eigenständige Ortschaften und wurden im Zuge der Expansion der Stadt Barcelona im späten 19. Jahrhundert eingemeindet. Ihre dörfliche Atmosphäre ist immer noch spürbar. Gràcia liegt heute jedoch relativ zentral, ist dicht bebaut und zieht unter anderem durch den Park Güell viele Tourist*innen an. Sant Andreu im Norden der Stadt ist ruhiger, ein früheres Arbeiter*innenviertel, das sich durch breitere Straßen auszeichnet.
Die Stadien der beiden Klubs sind eher bescheidene Anlagen und umgeben von Wohnblocks, deren Balkone Aussicht auf den Platz bieten. An den Spieltagen erwachen die Straßen rund um das Narcís Sala von Sant Andreu und das Nou Sardenya von Europa zum Leben. Fans versammeln sich in Lokalen, Nachbar*innen bleiben stehen, um sich zu unterhalten, und Familien machen sich auf den Weg zum Stadion. Während des Spiels verstummt der Gesang kaum, und nach dem Abpfiff begrüßen Kinder ihre Lieblingsspieler.
Viele Fans finden hier eine Authentizität, die sie anderswo verloren gegangen sehen. So wie Roger und Marc, langjährige Anhänger von Sant Andreu, die Anfang Mai zum letzten Heimspiel ins Narcís Sala gekommen sind. „Das ist die Essenz des Fußballs“, sagt Roger dem ballesterer. „Man hat eine Verbindung zum Verein, zu den Spielern, zu allem. Das bekommt man im Spitzenfußball einfach nicht.“
Andere teilen dieses Gefühl. Ian, ein weiterer Sant-Andreu-Fan, sagt, er verfolge inzwischen weder La Liga noch die Champions League. „Ich habe keinen Bezug mehr dazu. Ich schaffe es nicht einmal, ein 90-minütiges Spiel im Fernsehen anzuschauen.“ Sein Freund Oriol erzählt, er habe kürzlich ein Spiel von Barcelona im Camp Nou besucht: „Ich erinnere mich, dass ich dachte: ‚Was mache ich hier eigentlich?‘ Die Atmosphäre wirkte so kalt.“
Sant Andreu und Europa bekennen sich offen zu antifaschistischen Werten, zur katalanischen Kultur und zu einer starken Verbundenheit mit ihrem Stadtteil. Die lokalen Fans stört der Zustrom von Anhänger*innen aus anderen Teilen der Stadt aber nicht. „Solange unsere Identität gewahrt bleibt und sich die Leute von außerhalb daran anpassen, haben wir nichts dagegen“, sagt Àlex, der Europa unterstützt.
ZUM RASEN GEBRACHT
Beim letzten Heimspiel von Sant Andreu gegen UD Barbastro im Narcís Sala sind sogar internationale Fans dabei. Louis und Louis aus England sind gekommen, weil sie im Internet ein Video über den Verein gesehen haben. „Die Atmosphäre war unglaublich“, sagt einer der Freunde nach dem Spiel. „So sollte Fußball sein.“ Vom Besuch im Camp Nou haben sie die Kosten abgeschreckt. „Hier hat die Karte fünf Euro gekostet.“ Dass Sant Andreu 0:1 verliert, spielt kaum eine Rolle, der Meistertitel stand schon vor dem Match fest.
Der zeitgleiche Aufschwung von Sant Andreu und Europa hat eine neue Rivalität hervorgebracht. Aus einem einst eher unbedeutenden Spiel ist eine der wichtigen Partien im katalanischen Fußball geworden. Beim Derby geht es schließlich um den inoffiziellen Titel des dritten Vereins von Barcelona hinter dem FC Barcelona und Espanyol. Der Erfolg birgt aber auch Herausforderungen.
In der dritten Liga müssen die Vereine auf Naturrasen spielen. Nach dem Aufstieg im letzten Jahr war Europa deswegen gezwungen, das Nou Sardenya zu verlassen und seine Heimspiele in einer umgebauten Leichtathletikanlage weitab vom Zentrum von Gràcia auszutragen. Für die Fans fühlte sich das wie ein Exil an. „Wir sind ein Nachbarschaftsverein, die Leute gehen gerne zu Fuß zum Stadion“, sagt Fan Ramon. „Seit dem Umzug kommen weniger Familien.“
Dieselbe Gefahr drohte auch Sant Andreu und dem Narcís Sala. Fans beider Vereine starteten Kampagnen und forderten eine Lösung von der Stadt, der die Anlagen gehören. Für den Verein kam es nie infrage, außerhalb des Stadtteils zu spielen. „Sant Andreu zu verlassen, hätte das Ende von allem bedeutet, das wir aufgebaut haben“, sagt Vereinssprecher Gerard Álvarez dem ballesterer. Schließlich kündigte der Stadtrat an, in beiden Stadien im Laufe der kommenden Saison Naturrasen zu verlegen. Eine Entscheidung, die ohne den sportlichen Erfolg und das Wachstum der Vereine wohl nicht gefallen wäre.
erfolg versus identität
Der Aufstieg von Sant Andreu hat bereits große Aufmerksamkeit erregt. 2024 übernahm der japanische Geschäftsmann Taito Suzuki den Klub, was bei den Fans zunächst Bedenken über die zukünftige Ausrichtung hervorrief. Bislang haben sich diese Befürchtungen nicht bewahrheitet. „Sein Einstieg hat nicht bedeutet, dass wir unser Wesen verloren haben“, sagt Álvarez. „Solange unsere Werte respektiert werden, wird alles gut.“ Europa ist weiterhin ein Mitgliederverein. Doch da sportlicher Erfolg höhere finanzielle Anforderungen mit sich bringt, könnte es zunehmend schwieriger werden, dieses Modell aufrechtzuerhalten.
Keiner der beiden Klubs will sich mit dem Erreichten zufriedengeben. Ihr Ziel ist der Aufstieg in die zweite Liga und damit in den landesweiten Profifußball. Die Herausforderung besteht darin, die Identität zu bewahren, die ihnen zum Erfolg verholfen hat. In einer Zeit, in der sich im Fußball immer mehr um Sponsorenverträge, Investoren und globale Märkte dreht, wird es nicht leichter, diesem Druck zu widerstehen. Unterdessen strömen weiter tausende Menschen ins Narcís Sala und ins Nou Sardenya – weil sich der Fußball dort echter anfühlt.