Dieser Text steckt in einem Dilemma. Es wäre besser, wenn es ihn nicht gäbe. Bei der WM der Männer waren sechs Frauen in den Schiedsrichter*innenteams im Einsatz. Katia Itzel García und Tori Penso leiteten Spiele in der Gruppenphase. Tatiana Guzmán, Brooke Mayo, Kathryn Nesbitt und Sandra Ramírez waren als Assistentinnen und VAR-Schiedsrichterinnen am Feld und im Videokammerl. Itzel García und Penso fungierten außerdem als Vierte Offizielle in weiteren Matches, und beim Spiel Tschechien gegen Südafrika stand mit Penso, Mayo und Nesbitt ein rein weibliches Trio am Rasen.
Sechs Frauen, das sind so viele wie 2022, als erstmals bei einer Männer-WM Hauptschiedsrichterinnen dabei waren und Stéphanie Frappart mit dem ersten Einsatz Geschichte schrieb. Sechs Frauen, obwohl es 2026 deutlich mehr Spiele und auch mehr Schiedsrichter gab. Ist das ein Fortschritt, ein Rückschritt oder einfach Normalisierung? Damit sind wir beim Dilemma: „Die meiste Zeit denke ich gar nicht darüber nach, wir sind einfach ein Team“, sagte Mayo in einem Interview auf die Frage nach dem Schiedsrichterinnen-Trio. Doch dann habe sie eine ältere Frau angesprochen, wie stolz sie sei, jetzt Frauen in dieser Rolle zu sehen, weil das unmöglich schien, als sie jung war. Für Mayo und ihre Kolleginnen ist es selbstverständlich, Schiedsrichterinnen zu sein. Sie sind es jeden Tag. Doch daneben gibt es die Dimension, die über das subjektive Erleben hinausgeht. Mayo sagt: „Obwohl ich uns einfach als normales Trio sehe, das seinen Platz bei der WM verdient hat, weiß ich, dass wir mehr repräsentieren als uns selbst.“ Von außen mag das glamourös klingen, doch neben den schönen Momenten gibt es auch viele unschöne mit sexistischen Kommentaren am Platz und im Internet.
Am besten wäre, es wäre selbstverständlich, dass Frauen Spiele von Männern pfeifen und umgekehrt. Am besten wäre, wenn sechs Schiedsrichterinnen keinen Nachrichtenwert hätten und dieser Text von etwas anderem handeln würde. Doch so ist es nicht. Und deswegen ist es wichtig, an jene Frauen zu erinnern, die vor Frappart und Penso Geschichte schrieben. Wie Edith Klinger, die in den 1930er Jahren nicht nur den 1. Wiener Damenfußballclub gründete und dort spielte, sondern auch die ÖFB-Schiedsrichterprüfung ablegte. Über sie schreiben Helge Faller und Matthias Marschik im Buch „Eine Klasse für sich“. Petra Tabarelli erzählt auf ihrem Blog Nachspielzeiten von weiteren Pionierinnen wie der vielleicht ersten Frau, die ein Männerbewerbsspiel leitete: 1993 in Rio de Janeiro. Aus einem Zeitungsartikel, der sie „Fräulein Colona“ nennt, kennen wir nur ihren Nachnamen.
Colona und Klinger gerieten in Vergessenheit, weil Frauen jahrzehntelang aus dem Fußball verdrängt wurden, nicht nur aus dem der Männer. In vielen Ländern wie Deutschland, England und Österreich untersagten die Verbände den Klubs, Frauen auf ihren Plätzen spielen zu lassen. Das Verbot schränkte auch die Möglichkeit ein, Schiedsrichterin zu werden. Sechs Frauen von mehr als 100 Nominierten bei der WM, das klingt nach wenig. Sechs Frauen nach mehr als 100 Jahren voller Schikanen und Hindernissen, das klingt nach viel.