„Chönd die Gfühl nöd beschriebe – sit 130 Jahr – zwüsched Liebe und Liide“, steht auf einem Banner, das sich zusammen mit Blockfahnen über die Südkurve und Teile der Haupt- und Gegentribüne im Zürcher Letzigrund-Stadion zieht. Die Fans des FC Zürich haben sich an diesem heißen Augusttag zwei Stunden vor Anpfiff gegen den Servette FC getroffen, am FC-Zürich-Platz vor dem Stadion wird für die 130-Jahr-Feier vorgeglüht. In der Südkurve ist die Stimmung entsprechend gut, die Fans tragen Shirts mit dem Aufdruck „93. Minute“ und singen „Dä Letzigrund isch oisi Heimat, Züri isch oisi Identität“.
Auch am Tag darauf wird im Letzigrund Fußball gespielt, diesmal ist der Grasshopper Club Zürich der Gastgeber, der FC Lugano der Gegner. Daheim fühlen sich die GC-Fans aber nicht, vor dem Spiel haben sie ein Banner aufgehängt: „Trotz Exil a jedem Spiel“. Sie stehen nicht in der Südkurve – dort haben sich ein paar Lugano-Fans versammelt – sondern gegenüber, in der Kurve mit Sitzplätzen. Auch sie glühen vor, auf der anderen Seite des Stadions. Und sie haben ebenfalls eine Choreo mitgebracht, dort heißt es „Mal berguf, mal bergab – aber immer mit dir“.
Ein Stadion, zwei Klubs, beide in Blau und Weiß. GC und der FCZ gehören zu den wichtigsten Vereinen der Schweiz, sie haben eine lange Tradition und eine intensive Rivalität. Zu Hause sind sie in der größten Stadt des Landes, der selbsternannten Weltmetropole, in der auch die FIFA ihre Zentrale hat. Trotzdem sagen viele hier: Zürich ist eine Stadt der Banken und Drogen, des Techno und der Kunst. Aber keine Fußballstadt. Warum?
Blusen und Hemden
Was in Wien Bezirke sind, sind in Zürich Kreise. Wer durch Kreis 1 geht, also durch die Innenstadt, kann schnell vergessen, dass es in der Stadt mehr gibt als Geld. Am Paradeplatz reihen sich Nobelhotels an Bankhäuser, dazwischen ist ein Zigarrengeschäft. Nach Feierabend sitzen sich in der Atelier Bar Blusen und Hemden gegenüber. Es wird Deutsch, Englisch und Französisch gesprochen, manchmal auch Italienisch, und Wein und Rind aus Argentinien bestellt. Am Weg zum Zürichsee fährt ein roter Lamborghini an einem teuren Restaurant vorbei, in dessen Einfahrt schwarze SUVs stehen.
Am Seeufer verändert sich das Bild. Am Bürkliplatz tanzen abends Menschen zu spanischer Musik, von hier sieht man das Zürcher Opernhaus. Überquert man die Limmat – den Fluss, über den das Wasser des Zürichsees in die Aare fließt – erreicht man das Kunsthaus und das Cabaret Voltaire, das Café, in dem vor mehr als 100 Jahren der Dadaismus entstand. Von Fußball fehlt hier jede Spur. Wer den erleben möchte, muss in andere Kreise.
Die Kulisse ist etwas enttäuschend. Nicht einmal die Hälfte der Plätze im Letzigrund in Kreis 9 ist belegt, als der FC Zürich am zweiten Spieltag Servette empfängt. 12.353 Zuschauer*innen sehen gegen die Genfer ein Spiel, das großteils vor sich hinplätschert. Der ehemalige LASK- und Red-Bull-Salzburg-Spieler Valon Berisha trifft in der ersten Hälfte aus ungünstiger Freistoßposition direkt, weil Servettes Tormann Edvinas Gertmonas danebengreift. In der 80. Minute legt der FCZ nach einem Konter nach. Servette drückt, kommt aber nur zum Anschlusstreffer, ein weiteres Mal lässt sich Keeper Heinz Lindner nicht überwinden. Neo-Trainer Marcel Koller feiert seine ersten drei Punkte.
Am Tag darauf ist bei GC gegen Lugano noch weniger los, aber die 6.083 Besucher*innen erleben etwas mehr Spannung. Die favorisierten Gäste müssen mit einem 0:1-Rückstand in die Pause, weil Luke Plange einen gut ausgeführten Spielzug vollendet. GCs Führung hält aber nicht lange, Dereck Moncada köpfelt in der 52. Minute nach einer Ecke ein. Lugano trifft anschließend noch dreimal, ein italienischsprachiger Kommentator auf der Pressetribüne ist begeistert. Die Ergebnisse des Wochenendes bilden die sportlichen Verhältnisse in Zürich ab. Es sind Verhältnisse, die sich gedreht haben.
Glorreiche Grasshoppers
Der Grasshopper Club stand lange für Erfolg und ist bis heute Schweizer Rekordmeister. In den 1980er Jahren holen die GC-Männer je vier Meister- und Cuptitel, Kurt Jara ist Spieler, dann Trainer, auf ihn folgt Ottmar Hitzfeld, am Platz stehen Koller, Martin Andermatt und Raimondo Ponte. In den 1990ern macht der heutige Teamchef Murat Yakin seine ersten Schritte beim Klub, und Giovane Élber schafft den Sprung in die deutsche Bundesliga. Drei Meistertitel und ein Cupsieg kommen hinzu. International ist der Grasshopper Club das Flaggschiff des Schweizer Fußballs, auch wenn er im Europacup mit den großen Klubs nicht mithalten kann. Nur 1978 schafft er es ins UEFA-Cup-Halbfinale gegen den SC Bastia.
Auch in Zürich ist GC die klare Nummer eins. „In den Schulen, eigentlich in der ganzen Stadt, waren alle GC-Fans“, sagt Silvan Keller. Der 42-Jährige ist heute Präsident der GC-Fußballsektion, die nicht zum Profibereich gehört. In den 1990ern stand er in der Fankurve des Erstligisten. „Fantechnisch ist das sehr überschaubar gewesen, wenn es nicht um die Champions League gegangen ist. Auswärts sind regelmäßig nur ein paar Dutzend Fans mitgefahren.“ Es ist die Zeit vor der großen Kommerzialisierung und dem Boom der Ultrabewegung. Und vor dem Hype des FC Zürich. Damals trägt niemand in Zürich ein FCZ-Leiberl.