Donnerstagabend – das bedeutet Vollbetrieb am Sportplatz in der Jochbergengasse. Auf einem Kunstrasen- und einem Rasenplatz trainieren die drei Frauenteams des USC Landhaus. Zuvor sind bereits die Kickerinnen der U10, U11 und U14 aktiv gewesen. Das Rundherum überblickt Obmann Gerhard Traxler gemeinsam mit seiner Frau Frieda und seinem Stellvertreter Leo Raidl. Während die Mädchen und Frauen trainieren, erledigen die Funktionäre allfällige Arbeiten – an diesem Abend ein Interview im Klubheim. Der große Raum im ersten Stock ist gefüllt mit runden Tischen, Sesseln und Pokalen, die an die glorreichen Zeiten des Vereins erinnern.
Meister aus Floridsdorf
Beim USC Landhaus im 21. Wiener Gemeindebezirk spielen Frauen seit 47 Jahren offiziell Fußball. Zuvor hatte es der Österreichische Fußball-Bund untersagt, ihnen die Spielfelder zur Verfügung zu stellen. Ließen Vereine die Frauen doch spielen, konnte es schon mal passieren, dass der Verband zur Strafe die Subventionen strich. Weil seine Zwillingsschwester dem runden Leder nachjagen wollte, setzte sich Gerhard Traxler 1968 für die fußballspielenden Frauen ein und gründete innerhalb des USC Landhaus eine Frauenfußballsektion. Fast 50 Jahre später blickt der nun 76-Jährige auf eine bewegte Vereinshistorie zurück. „Die ersten Gehversuche haben wir in der damaligen Tschechoslowakei gemacht, die hatten genug Geld und haben uns immer eingeladen“, sagt Traxler. In Eigenregie wurde 1971 eine erste „wilde“ Meisterschaft organisiert, ein Jahr später übernahm der Wiener Fußball- Verband den überregionalen Spielbetrieb der Damenliga Ost mit zehn Teams.
An ein Nationalteam der Frauen war damals nicht zu denken, doch auch darum kümmerte sich Traxler. Mit Genehmigung des ÖFB wurde 1978 das erste inoffizielle Länderspiel gegen die Schweiz ausgetragen. „Wir durften den Verband aber nichts kosten“, sagt Traxler. Nach und nach entstanden immer mehr Frauenteams in Österreich. Erst zehn Jahre nach der ersten Meisterschaft nahm sich auch der ÖFB der Fußballerinnen an und organisierte ab 1982 den landesweiten Spielbetrieb als Frauen-Bundesliga. Den ersten Meistertitel der neuen Liga holte der USC Landhaus.
Sensation in Indonesien
Zu den großen Höhepunkten der frühen Vereinsgeschichte zählt Traxler die vierwöchige Tournee durch Indonesien Alles im Blick – die Landhaus-Funktion.re Raidl und Traxler NEUE WEGE BEIM USC LANDHAUS SPIELRAUM 39 1972. Mit 22 Frauen war er, damals noch als Trainer, unterwegs, Landhaus trat gegen verschiedene indonesische Gegnerinnen an. „Wir haben in der Hauptstadt Jakarta vor 90.000 Zuschauern gespielt. Für die Bevölkerung war das eine Sensation.“ Der österreichische Botschafter lud das Team obendrein zu selbst gekochtem Gulasch und Apfelstrudel in sein Anwesen ein. „Der hat sich extra für uns österreichisches Bier einfliegen lassen“, sagt Traxler.
Fast verwunderlich, dass Gerhard Traxler seine Frau nicht am Fußballplatz kennengelernt hat, sondern in einem Tanzlokal. Schnell aber wurde Frieda Traxler in das Team integriert, mitunter auch am Platz. „Wenn einmal zu wenige Spielerinnen dabei waren, haben sie mich rechts außen hingestellt“, sagt sie. „Da, wo ich am wenigsten Schaden anrichten konnte.“ Auch Dekaden später zählt Frieda Traxler noch zum Um und Auf beim Verein, kümmert sich genau wie der Gatte um jegliches Problem. Seit Jahrzehnten verbringt das Ehepaar den Großteil seiner Freizeit am Sportplatz in der Jochbergengasse.
FRAUSTRIA WIEN
Sportlich darf sich der USC Landhaus zwar noch als Rekordmeister Österreichs bezeichnen, der letzte Erfolg liegt allerdings schon 14 Jahre zurück. Doch über die zwölf Meistertitel und elf Cupsiege freut man sich in Floridsdorf noch heute, im Gespräch weisen die Funktionäre mehrmals auf die zahlreichen Pokale im Klubheim hin. Dort, neben den vielen Pokalen, hängt auf einem Kleiderbügel seit wenigen Wochen nun auch das violette Trikot des FK Austria. Im August wurde die Kooperation der Austria mit dem USC Landhaus und dem Wiener Fußball-Verband bekannt gegeben – der Mädchen- und Frauenfußball in der Hauptstadt soll so nachhaltig gestärkt werden. „Uns fehlen die finanziellen Möglichkeiten, um oben mithalten zu können“, sagt Gerhard Traxler, der sich bereits seit zwei Jahren um eine Kooperation bemüht hatte – zunächst in Gesprächen mit dem SK Rapid. Die Vorstellungen von Landhaus seien mit denen der Hütteldorfer jedoch nicht vereinbar gewesen.
Beim Bundesliga-Heimspiel gegen den SK Sturm ist Austria-Akademieleiter Ralf Muhr mit einem Athletiktrainer vor Ort in Floridsdorf. „Es ist an der Zeit, nicht immer nur darüber zu reden, wie wichtig es ist, dass es den Frauenfußball gibt, man muss auch einmal etwas machen“, sagt er. „Man kann natürlich viel verbessern, das ist aber nur mit einem finanziellen Aufwand möglich.“ Die Austria-Vertreter betonen, dass die neue Zusammenarbeit nicht zerstören soll, was über Jahrzehnte aufgebaut worden ist. Es soll nicht wirken, als setze sich die Austria in das von Traxler gemachte Nest. Den aktuellen Plänen zufolge wird die Austria das Bundesliga- Team des USC Landhaus eingliedern. Nicht von heute auf morgen, aber spätestens zur Saison 2018/19 sollen die Austria/Landhaus-Frauen auch als solche auftreten. Die Zweit- und Drittbesetzung sowie der gesamte Nachwuchsbereich bleiben hingegen beim Stammverein.
Keine Angst vor Erfolg
Der Anspruch ist, das Bundesliga-Team so zu führen wie eine Akademie- oder Amateurmannschaft bei den Herren. Dazu soll beispielsweise ein professionelles Betreuerteam Die Frauen des SK Sturm zu Gast in Floridsdorf vom Trainer bis zum Physiotherapeuten aufgestellt werden, bereits jetzt können Landhaus-Trainer die Fortbildungen der Austria besuchen, wie Traxler berichtet. Talentierten Nachwuchsspielerinnen steht künftig die Austria-Akademie offen, so soll dem Abgang von Wiener Talenten in Richtung St. Pölten ins Nationale Zentrum für Frauenfußball des ÖFB entgegengewirkt werden.
Der Aufstieg im Frauenfußball ist mit entsprechendem Einsatz sehr schnell möglich – die Verantwortlichen bei den Favoritnern haben als Langzeitziel bereits die Champions League ausgegeben. Solche Perspektiven haben in Landhaus bisher eher Sorge verbreitet. „Wir müssen froh sein, wenn wir in der Liga nicht Zweiter werden, sonst müssen wir Champions League spielen“, sagt der stellvertretende Obmann Leo Raidl. Noch kann sich der Frauenverein das nämlich nicht leisten. „Da braucht man keine Angst haben“, sagt Austria-Akademieleiter Muhr. „Das wird über die Partnerschaft tragbar sein.“
Nöte der Traditionsvereine
In der Finanzierung des Spielbetriebs ist Landhaus in der Vergangenheit vor großen Problemen gestanden. „Es ist nicht einfach, heute einen Amateurverein zu führen“, sagt Obmann Traxler. „Die Sponsoren werden immer weniger. Eigentlich waren es eher Gönner – man hat dort und da hin und wieder etwas bekommen.“ Er klagt auch über die fehlende finanzielle Unterstützung von der Stadt Wien. Dies soll sich nun dank der Austria verbessern, hat der Bundesligist doch ein breites Netzwerk an Sponsoren und Partnern, von denen einige laut Muhr schon ihre Unterstützung für die Austria-Frauen zugesagt haben.
Die Nöte, in denen Landhaus steckte, sind kein Einzelfall. Wurden die Meisterschaften zwischen 1988 und 2001 ausschließlich von Landhaus und der Union Kleinmünchen gewonnen, stehen die beiden Traditionsklubs heute kurz vor dem Stillstand. Der älteste reine Frauenverein aus dem Linzer Stadtteil Kleinmünchen entwickelte sich in den 1990er Jahren zum Aushängeschild des österreichischen Frauenfußballs, doch mit der Jahrtausendwende kam die Ablöse. Denn ab diesem Zeitpunkt mischte mit dem SV Neulengbach ein neuer Verein mit deutlich besseren finanziellen Mitteln in der Liga mit. Dank Großsponsoren konnten sich die Niederösterreicherinnen mit Legionärinnen wie der Brasilianerin Rosana verstärken und wurden zwischen 2002 und 2014 Serienmeister.
In Kleinmünchen hat man sich ganz klar positioniert, als in der Liga erstmals ausländische Spielerinnen eingesetzt wurden: „Wir sind und bleiben ein Ausbildungsverein und fertig“, sagt Sektionsleiterin Andrea Binder. „Wir holen die oberösterreichischen Talente zu uns oder bilden sie von klein auf aus. Dass sie dann mit 19, 20 Jahren sagen, sie wollen ins Ausland oder zu einem Verein, wo sie Geld verdienen, kann man ihnen nicht verdenken.“ Mit dem Altersschnitt von 18,2 Jahren ist Kleinmünchen das jüngste Team der Bundesliga. Der Verein kämpft zwar jedes Jahr um den Klassenerhalt, dass es damit aber immer noch geklappt hat, sieht Binder als Bestätigung des eingeschlagenen Wegs. Der Anspruch ist, das Bundesliga-Team so zu führen wie eine Akademie- oder Amateurmannschaft bei den Herren. Handeln statt reden: Austria- Akademieleiter Ralf Muhr
Nicht ohne unseren Namen
Die Entwicklung bei Landhaus wird in Linz mit gemischten Gefühlen beobachtet. Einerseits bringt die Kooperation begrüßenswerte Aufmerksamkeit, andererseits wird sich die Lage für Vereine wie Kleinmünchen weiter verschärfen. Binder ist dennoch überzeugt, dass es auch ohne Unterstützung von großen Männervereinen möglich ist, in der Bundesliga zu bestehen. „Wenn wir einen Hauptsponsor hätten, würden uns ganz andere Möglichkeiten offen stehen“, sagt sie. Eine Kooperation wie jene zwischen Landhaus und der Austria streben die Linzerinnen jedoch nicht an. „Kleinmünchen hat inzwischen auch einen Namen, den würden wir nicht hergeben“, sagt Binder. „Es steckt einfach zu viel Herzblut im Verein.“
Über den Namen macht man sich auch in Floridsdorf Gedanken. Geht es nach Spielerin Anna Eberhardt sollte die Bezeichnung Landhaus erhalten bleiben, schließlich sei hier Pionierarbeit für den Frauenfußball geleistet worden. Mehr Medienaufmerksamkeit für ihre Sportart, das sei auch klar, gebe es wiederum mit dem Namen der Austria. Kapitänin Martina Mädl zögert erst bei der Frage nach dem Teamnamen, sagt dann aber: „Name hin oder her, das Wichtigste ist, dass wir die Leistung bringen. Wenn die Kooperation passt und die Jugendarbeit bei Landhaus bleibt, ist der Name egal.“
Lebenswerk gesichert
Die Sehnsucht nach mehr Professionalität im Frauenfußball ist bei beiden Kickerinnen herauszuhören. „Ich bin jetzt 22, und mir fehlen zum Beispiel im taktischen Bereich die Grundlagen“, sagt Eberhardt. Sie erwartet nun eine qualitativ hochwertige Ausbildung für Mädchen von klein auf. Mädl hofft, dass die Kooperation wieder mehr Spielerinnen nach Wien lockt oder vom Abgang nach Niederösterreich zu den finanzkräftigeren Vereinen in St. Pölten und Neulengbach abhält.
Auch mit 76 Jahren denkt Landhaus-Obmann Gerhard Traxler noch nicht an einen Rückzug, die Kooperation mit der Austria bedeute für ihn und seine Frau aber eine Erleichterung. „Wir haben ja auch jüngere Funktionäre“, sagt er und blickt zum 58-jährigen Leo Raidl. „Ich glaube, ich übergebe den Frauenfußball in gute Hände.“ Er tritt auf den Balkon des Vereinsheims und blickt über die Anlage und sein Lebenswerk. „Da trainieren jetzt an die 50 Mädchen.“ Wo genau diese Mädchen und Frauen in Zukunft trainieren werden, weiß auch Ralf Muhr noch nicht. „Da ist vieles möglich. Im Zuge unserer Infrastrukturoffensive und des Stadionumbaus denken wir darüber nach, ob man das Frauenteam auch auf unserer Anlage unterbringt.“ Auch wenn noch einige Fragezeichen über der Ausgestaltung der Zusammenarbeit stehen, die neuen Trikots mit dem gemeinsamen Logo sind jedenfalls schon in Auftrag.
Mitarbeit:
Klaus Federmairfrauenfuss