Como Calcio – AC Lumezzane

28. November 2014
Stadio Guiseppe Sinigaglia
Zuschauer: 1.124
Resultat 2:0

Schwindelfreiheit ist von Vorteil. Hoch ragen die beiden leicht schräg zueinanderstehenden Stahlrohrtribünen der Curva Como auf. Der Ausblick ist überwältigend. Das Stadio Giuseppe Sinigaglia von Como Calcio ist direkt in die Uferpromenade des Comer Sees eingebunden, wenige Meter vom Stadion entfernt liegt sogar ein kleiner Jachthafen. Rundherum rahmen die südlichen Alpenausläufer Stadt und See ein. Der Höhepunkt offenbart sich an der Rückseite der Kurve, an die ein Hangar mit Wasserflugzeugen angrenzt. Und heute empfängt nicht nur Como Calcio die AC Lumezzane in der drittklassigen Lega Pro A, es scheint auch Großflugtag zu sein. Der Landeanflug führt die Flugzeuge in Griffweite hinter der Tribüne an den See. Die Heimfans dürfen dieses Schauspiel wohl öfters genießen, sie verfolgen das Spektakel unaufgeregt.

© Stephan Koessler

Unaufgeregt – so verläuft auch der erste Teil des Tagesausflugs von Mailand nach Como. Nach einem Spaziergang durch die mondäne Altstadt geht es die Uferpromenade entlang zum Stadion. Dort erleben wir einen abrupten Kulturschock: Das Stadion ist eine völlig verfallene Betonschüssel. Es ist kaum vorstellbar, dass heute hier ein Spiel stattfinden soll. Mindestens ebenso unvorstellbar, dass in diesem Stadion zwölf Saisonen lang Serie A gespielt worden ist. Der Altersschnitt beim Fantreffpunkt lässt erahnen, dass die glorreichen Tage von Como Calcio lange vorbei sind. Kräuterprodukte werden hier nicht nur in destillierter Form genossen, der Umgang mit uns ist dementsprechend entspannt und höflich. Streng wird es nur beim Eingang, Feuerzeuge dürfen nicht in die Kurve mitgenommen werden.

Ausgerüstet mit Bier und etlichen Plastikfläschchen Caffe Borghetti, einem in italienischen Stadien unverzichtbaren Kaffeelikör, machen wir es uns am höchsten Punkt der Tribüne gemütlich. In der Mitte der Kurve versammelt sich die organisierte Szene, gut 200 Ultras. Es wird gelacht, gescherzt und viel gesungen. Die vier jungen Lumezzane-Fans, die wir noch vor Spielbeginn außerhalb des Stadions erspäht haben, können wir jetzt nicht mehr ausmachen. Eine kleine Gruppe der Heimfans findet ein anderes Opfer für ihre Schmähgesänge. Der dunkelhäutige Gästestürmer wird nach einem Disput mit Comos Defensive mit Affenlauten eingedeckt. Benebelt vom Caffe Borghetti brauchen wir einige Zeit, um die Rufer ausfindig zu machen. Sie stehen mitten unter den Comer Ultras. Geschickt schreien sie ihren rassistischen Müll nur wenige Sekunden, um sofort wieder in die Gesänge der anderen einzustimmen. Den nächsten Caffe Borghetti trinken wir etwas bedrückter.

(Clemens Schotola)