Careca trifft im Schlaf

Der Auftritt des brasilianischen Teams bei der WM 1990 gilt bis heute als einer der langweiligsten aller Zeiten. Ich kann das einerseits überhaupt nicht beurteilen, anderseits aber mit aller Deutlichkeit unterstreichen.
Als das Turnier in Italien angepfiffen wurde, saßen wir als frischgebackene Maturanten beim traditionellen Abendessen mit der Lehrerschaft unseres Gymnasiums. Am Tag darauf begaben wir uns auf die Maturareise ins französische Annecy. Im Hotelzimmer bauten wir aus den Regalen des Einbauschrankes eine Bartheke. Dann kauften wir Pastis, Baguettes und Weichkäse und fühlten uns als Franzosen. Das Hotelzimmer verließen wir kaum mehr, wozu auch. Wir lagen im Bett, aßen, tranken und schauten die Spiele. So hatten wir uns das Leben nach der Reifeprüfung vorgestellt.
Bereits am zweiten Abend aber endete unser Glück abrupt. Es stand Brasilien – Schweden auf dem Programm. Den Mädchen aus unserer Klasse hatten wir für den Abendausgang mit dem Verweis auf die Wichtigkeit dieses Spiels eine Absage erteilt: „Brasilien, versteht ihr? Kann man nicht verpassen!“ Wir machten es uns bequem. Dann wurde angepfiffen.
Als die Mädchen gegen 22.00 Uhr noch einmal den Versuch wagten, uns ins Nachtleben von Annecy mitzuschleppen, fanden sie uns schlafend auf dem Bett. Die zwei Tore von Careca hatte keiner gesehen. Das große Brasilien auch nicht. Wir wurden geweckt mit Hohn und Spott. Und aus dem Zimmer gezerrt.
Am nächsten Morgen entdeckte die humorlose Hotelière unsere improvisierte Bar und stellte uns mitsamt unseren 40 Mitschülern auf die Straße. Wir waren uns keiner Schuld bewusst. Innert weniger Stunden fanden die Mädchen ein neues Hotel in der Nähe, das uns alle aufnahm. Fernseher gab es dort keine. Dafür eine richtige Bar, mit Tischfußball. Von Brasilien haben wir bei dieser WM nichts mehr gesehen.