Im Europacup wird häufiger vor leeren Gästetribünen gekickt, Sektorsperren und Platzverbote verhindern den Zutritt für Auswärtsfans. Das europäische Fannetzwerk „Football Supporters Europe“, FSE, macht dagegen mobil. FSE-Mitarbeiter Martin Endemann ist gerade auf dem Weg von Bologna nach Hamburg. Es wäre schön, wenn auch Auswärtsfans bald wieder so viel unterwegs sein könnten, sagt er.
ballesterer: Beim Champions-League-Spiel zwischen Napoli und Feyenoord waren keine Gästefans zugelassen. Das ist nur ein Beispiel in dieser Europacupsaison. Wird auf das Mittel der Sektorensperren momentan verstärkt zurückgegriffen?
Martin Endemann: Ja, das beobachten wir. Angefangen hat es mit den Sperren der UEFA, die als kollektive Bestrafung gegen Vereine verhängt wurden, bei denen es im Zusammenhang mit Fans Konflikte gegeben hat. Daran haben wir uns mittlerweile ja fast schon gewöhnen müssen. Neu ist aber, dass jetzt auch verstärkt Behörden solche Verbote aussprechen. In Frankreich, wo nach den Terroranschlägen von Paris der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, geschieht das extrem häufig. Auf nationaler Ebene haben die Behörden in der letzten Saison Auswärtsfahrten im dreistelligen Bereich verboten. Dieser Trend setzt sich im Europacup fort.
Wie läuft das ab? Teilt die Polizei dem Verein mit, dass er keine Karten für den Gästesektor verkaufen darf? Und was ist beim Beispiel Neapel der Grund für diese Entscheidung gewesen?
In Neapel hat die Kommune eine Verfügung für das Spiel verhängt. Dadurch ist es dem Verein verboten worden, Tickets an Menschen mit Wohnsitz in den Niederlanden zu verkaufen. Die Begründung für das Verbot war, dass Feyenoord-Fans vor zweieinhalb Jahren vor einem Spiel bei der Roma einen barocken Brunnen beschädigt haben. Das war in einer anderen Stadt, bei einem Klub mit einer völlig anderen Fanszene. Das macht doch keinen Sinn.
Was ist die rechtliche Grundlage für solche Maßnahmen?
Die Gesetze des jeweiligen Landes. Oft geht es da um die viel beschworene Gefahrenvorbeugung. Wir waren vor dem Spiel in Neapel auch mit Anwälten in Kontakt, die gemeint haben, dass es durchaus Chancen gäbe, das Verbot gerichtlich zu kippen. Aber da muss man immer abwägen. Immerhin war die Anreise aus Rotterdam nach Neapel nicht untersagt, was auch vorkommen kann. Die Fans durften sich also zumindest legal in der Stadt bewegen und konnten versuchen, über inoffizielle Kanäle an Karten zu kommen. Bei einer Niederlage vor Gericht wäre das auf dem Spiel gestanden.
Gibt es für Fans, die schon Anreise und Unterkunft gebucht haben und dann herausfinden, dass sie nicht ins Stadion dürfen, eine Möglichkeit, ihr Geld zurückzubekommen?
Nein. Wir haben vor Jahren der UEFA einen Vorschlag gemacht, wie man Fans in solchen Situationen finanziell entschädigen könnte, aber das wollte der Verband damals nicht. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Mit der UEFA arbeiten Sie schon länger zusammen, was bedeutet das verstärkte Eingreifen von Polizei und Behörden für FSE?
Es wird komplizierter. Die UEFA glaubt, dass Kollektivstrafen funktionieren und so Auseinandersetzungen zwischen Fans verhindert werden können. Wir sind anderer Meinung. Aber immerhin wissen wir, woran wir sind. Bei den Städten und den Kommunen ist das viel unklarer, weil die Begründungen ganz unterschiedlich sind. Unsere Befürchtung ist, dass dieses Beispiel Schule macht und sich bald Polizeien in ganz Europa denken: „Wir verbieten einfach die Anreise von Auswärtsfans, das macht ja alles viel einfacher.“
Manchmal sind ja nicht einmal die Behörden schuld. Besiktas bittet etwa seine Europacupgegner darum, den Istanbuler Fans keine Karten zu verkaufen.
Besiktas ist auf Bewährung. In der letzten Saison hat es beim Europa-League-Viertelfinale in Lyon Auseinandersetzungen zwischen den Fans im Stadion gegeben. Die UEFA hat beschlossen, dass Besiktas im Wiederholungsfalll für ein Jahr von europäischen Wettbewerben ausgeschlossen wird. Davor hat der Verein Angst. Aber schon beim Spiel in Porto haben es trotzdem einige Besiktas-Fans in Stadion geschafft. Wenn sie im Dezem-ber in Leipzig spielen, wird es nicht anders sein. In der Stadt gibt es nicht nur eine relativ große deutsch-türkische Community, sondern auch eine aktive Hooliganszene. Wenn es dann kracht, wird es der UEFA egal sein, ob das im Stadion passiert oder nicht. Sie wird Besiktas trotzdem sperren.
In Deutschland hat der DFB zu Saisonauftakt Kollektivstrafen wie Sektorsperren bis auf Weiteres ausgesetzt. Ist so ein Umdenken auch bei der UEFA vorstellbar?
Grundsätzlich haben solche Entscheidungen eines großen Nationalverbands schon Einfluss. Aber Deutschland ist ein Sonderfall. Es gibt dort eine Kampagne der organisierten Fanszenen gegen den Verband. Der DFB hat darauf reagiert und will einen Schritt auf die Fans zugehen. Auf europäischer Ebene ist es für die Fans sehr viel schwieriger, sich zu koordinieren, Druck zu machen und der UEFA Zugeständnisse abzuringen.
Wie steht es denn um die internationale Solidarität zwischen den Fanszenen?
Das ist unterschiedlich. In den sozialen Medien kann man den Eindruck gewinnen, dass viele Anhänger Sektorsperren unterstützen. Unter den aktiven Fans ist das anders. Das haben wir gerade erst wieder bei dem Spiel in Neapel gesehen. Einige Napoli-Fans haben den Rotterdamern vor dem Spiel eine Fahne gestohlen. Die Capos haben sie dann später mit den Worten zurückgegeben: „Respekt, dass ihr hier seid.“
Martin Endemann (40) arbeitet seit 2012 als Projektmanager für „Football Supporters Europe“. Das unabhängige Fannetzwerk wird unter anderem von der UEFA finanziell unterstützt und hat Mitglieder in mehr als 45 europäischen Ländern.