Nach mehr als 400 Jahren soll Schluss sein – am 18. September entscheiden die Schotten über die Abspaltung von Großbritannien. Für ein Ja beim Referendum machen sich Regierungschef Alex Salmond und seine Scottish National Party stark. Die „Yes“-Fraktion sieht auch dank der reichen Öl- und Gasvorkommen die Unabhängigkeit als Chance für einen Neubeginn und eine sozial gerechtere Gesellschaft. Die Gegenseite hingegen setzt unter dem Motto „Better Together“ auf das Sicherheitsargument: In Großbritannien habe man das Beste beider Welten, die Besonderheit Schottlands und die Sicherheit, Teil einer großen Wirtschaftsmacht zu sein. Mittlerweile hat die Diskussion um das Referendum auch den Fußball erfasst, dabei würde sich nach einer Unabhängigkeit Schottlands auf den ersten Blick wenig ändern.
Fans ergreifen Partei
Der zweitälteste Fußballverband der Welt ist ebenso wie Wales und Nordirland eigenständiges FIFA-Mitglied, und das bereits seit 1910. Der schottische Meisterschaftsbetrieb wird seit 1890 unabhängig von der englischen Liga ausgetragen. Allerdings wären die immer wieder aufblühenden Spekulationen über einen Wechsel der Glasgower Großklubs in die finanziell stärkere Premiere League mit der Unabhängigkeit gänzlich vom Tisch. Die gravierendste Änderung würde den olympischen Fußball betreffen, ein eigenes schottisches Olympiateam würde wohl alle Diskussionen um die Neuauflage eines britischen Fußballteams beenden. Im Vorfeld der Olympischen Spielen 2012 in London hatte sich die „Association of Tartan Army Clubs“, der Dachverband der Fanklubs des schottischen Nationalteams, gegen das Team Great Britain engagiert, weil sie fürchtete, ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Der Protest war vergeblich, aber großer sportlicher Erfolg war dem Team GB nicht beschieden. Schon im Viertelfinale schieden die vereinten Briten gegen Kanada aus.
Auch unter Ligafans sorgt das Referendum für Diskussionen. Auf den Social-Media-Plattformen vernetzen sie sich unter Labels wie „Glasgow Rangers Fans Against the SNP and Alex Salmond“ und „Celtic & Rangers Fans United For a YES Vote“ für ihre jeweiligen Ziele. Anhänger von Heart of Midlothian und Hibernian starteten vor dem Edinburgher Derby Mitte August eine gemeinsame Werbeaktion für die Unabhängigkeit. Die Fans verteilten vor dem Spiel „Yes“-Schilder, die in der 18. Minute – dem Datum des Referendums – hochgehalten wurden. Hearts reagierte auf die Aktion distanziert, in einer Aussendung verbat sich der Klub die Verwendung des Vereinswappens auf Flugzetteln: „Heart of Midlothian FC ist vollkommen unpolitisch und möchte auch in der Debatte um Schottland weiterhin neutral bleiben.“
Vereins- und Staatspolitik
James Forrest ist Celtic-Anhänger und Befürworter der Unabhängigkeit. Er erklärt das starke Interesse der Fans am Referendum mit dem Konkurs der Glasgow Rangers. Im Juli 2012 verhinderten die übrigen Vereine den sofortigen Wiedereinstieg der Rangers in die höchste Liga – auch unter dem Druck der Fans. „Das hat den Leute gezeigt, dass ihre Stimme etwas zählt“, sagt Forrest. „Seitdem beschäftigen sich die Fans stärker mit Politik und organisieren sich besser.“
Eine Umfrage aus dem Mai zeigt, dass in den Fußballstadien wenig Einigkeit herrscht. Die Mehrzahl der befragten Fans von St. Johnstone, Dundee United und Aberdeen sprach sich gegen eine Abspaltung aus, während die Anhänger von Motherwell und Kilmarnock mehrheitlich für die Unabhängigkeit von Großbritannien waren. Bei beiden Glasgower Großklubs gibt es laut Umfrage ebenfalls eine Mehrheit für die Abspaltung – beim Testspiel der Rangers Anfang August bei Derby County machten sich allerdings die Unionisten mit dem Spruchband „Four countries, one flag – our United Kingdom“ bemerkbar. „Vereine wie die Rangers waren immer loyal zur britischen Krone und werden das auch immer sein“, sagt John Kaylor, St.-Johnstone-Fan und Gründer der Facebook-Seite „St. Johnstone Supporters For Scottish Independence“.
Auch bekannte Persönlichkeiten des schottischen Fußballs positionieren sich in der Debatte. Der Fußballkommentator Archie Macpherson sprach sich Ende August vehement für eine Ablehnung des Referendums aus und forderte zur Beteiligung an der Wahl auf: „Es ist zu wichtig, um nur dazusitzen und nichts zu tun, geht raus und sagt ‚Nein‘ zur Unabhängigkeit!“ Alex Ferguson unterstützt ebenfalls die „Better Together“-Kampagne und erklärte, niemand sollte seine schottische Identität infrage stellen, nur weil er südlich der Grenze in England lebe.
Yes oder No – die Schotten haben es in der Hand, das Ergebnis dürfte äußerst knapp ausfallen. Die Meinungsumfragen sahen die Befürworter zuletzt im Aufwind. Celtic-Fan James Forrest meint die Gründe dafür zu kennen: „Wir haben das Momentum und die Emotionen auf unserer Seite. Die Befürworter der Unabhängigkeit sind präsenter, aktiver, selbstbewusster und haben so viel mehr zu bieten.“