Der letzte Samstag im November begann in der westtürkischen Provinzhauptstadt Denizli wie ein ganz normaler Auswärtsspieltag: Zwei Fangruppen des Zweitligisten Denizlispor trafen sich getrennt voneinander, um die Reise ins 200 Kilometer entfernte Tavsanli, die Heimat des Gegners Linyitspor, in Angriff zu nehmen.
Eine der beiden Gruppen war „57 Genclik“, der älteste und größte Fanklub, der seinen Namen der Legende verdankt, dass die Mitglieder früher mit einem 57er-Chevrolet zu den Spielen fuhren. Die Gruppe ist nicht unumstritten, ihrem führenden Kopf, Irfan Sancar, werden beste Kontakte zur Polizei und zur Lokalpolitik nachgesagt. Die zweite Gruppe, „Yesil Cephe“, ist eine relativ junge Vereinigung, die den dominierenden „57ern“ immer wieder deren allzu enge Kooperation mit der Klubführung und die Nutzung damit verbundener Privilegien wie Gratiskarten und logistischer Unterstützung vorgeworfen hat. In ihrem Manifest bekennt sich „Yesil Cephe“ zum Engagement gegen Diskriminierung und zur Liebe zu Denizlispor „ohne jedes Interesse an persönlicher Bereicherung“.
Tödlicher Konflikt
An jenem Samstag kam es wieder einmal zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen. Doch dabei sollte es diesmal nicht bleiben. Laut Medienberichten ging Fatih Eroglu, der Gründer von „Yesil Cephe“, mit einigen Freunden nach dem Spiel zum Hauptquartier der „57 Genclik“, um den Streit zu schlichten. Er wurde mit Schüssen empfangen. Mindestens neun Menschen wurden verletzt, der 35-jährige Eroglu starb später im Krankenhaus. Nach der Schießerei durchsuchte die Polizei die Räumlichkeiten von „57 Genclik“, wo sie laut Medienberichten zwei Gewehre, 54 Patronen sowie zahllose Messer und Schlagstöcke fand. Die Polizei verhaftete Sancar sowie neun weitere Personen und ermittelt wegen Mordes.
Über Beileidsbekundungen oder sonstige Erklärungen der „57er“ ist nichts bekannt, wohl aber verkündete der Fanklub kurz nach dem Vorfall: „Wir werden kein Spiel mehr besuchen, solange unser Anführer Irfan Sancar in Haft ist.“ Die Tageszeitung Hürriyet zitierte den Präsidenten von Denizlispor, Mehmet Özsoy, Anfang Dezember mit den Worten: „Der Vorfall geht auf einen persönlichen Konflikt zurück. Wir müssen alle daraus lernen und uns beruhigen. Die Schuldigen werden ihre Strafe bekommen.“
Gemeinsames Gedenken
„Yesil Cephe“ wollte jedoch nicht so schnell zur Tagesordnung zurückkehren. Zwei Wochen nach Eroglus Tod lud die Gruppe Fans aus dem ganzen Land nach Denizli ein, um gemeinsam das Spiel gegen Fethiyespor zu besuchen. Fangruppen von Galatasaray, Besiktas, Fenerbahce, Genclerbirligi, Antalyaspor und etlichen Zweitligaklubs gedachten gemeinsam des ermordeten Fans. „Wir danken euch für euer Beileid, egal für welches Team ihr seid“, verkündete „Yesil Cephe“. „Wir sind alle Geschwister, vereint gegen die, die den Fußball für ihre eigenen Zwecke ausnützen.“ Ein Fan sagte der Zeitung Bilkent: „Dieser farbenfrohe Tag war ein Aufruf zum Frieden, dieses Gedenken war Fatih Eroglu wirklich angemessen.“
Anfang Jänner erhielten 44 Denizlispor-Fans, darunter sowohl Fans von „57 Genclik“ als auch von „Yesil Cephe“, Stadionverbote von bis zu einem Jahr. Laut der Fanwebsite denizlispor.biz verhängte das Gericht die Strafen für Äußerungen, wie sie in türkischen Stadien nicht unüblich sind, aber kaum jemals sanktioniert werden. Es ging um Schmähungen gegen den Vereinspräsidenten.
Ein Besuch im Stadion von Denizli Ende Jänner beim Spiel gegen Baliksehir vermittelt den Eindruck, dass sich die Machtverhältnisse unter den organisierten Fans verschoben haben. „57 Genclik“ tritt nicht mehr als Gruppe in Erscheinung, die Zahl 57 sucht man im Stadion vergeblich. „Yesil Cephe“ ist hingegen sehr präsent, ebenso wie der getötete Fatih Eroglu. Das ganze Stadion skandierte seinen Namen, einschließlich der gegnerischen Fans.
(Übersetzung: Klaus Federmair)