Eine Stadt sieht Gelb-Rot
Am letzten Heiligen Abend des 19. Jahrhunderts verließ die Mannschaft des Football Club Barcelona erstmals als Sieger den Fußballplatz. Dem mit etlichen englischen Geschäftsleuten gespickten Team stand eine von Einheimischen dominierte Mannschaft gegenüber, der heute weitgehend vergessene Catala Futbol Club. Etwa hundert Fans bejubelten zwei Treffer des Schweizer Buchhalters Hans Gamper, ein Tor steuerte der englische Unternehmerssohn Ernest Witty zum 3:1-Sieg bei. Gamper hatte den FC Barcelona einen Monat zuvor gegründet. In den folgenden vier Jahren erzielte er für den Verein in weniger als 50 Spielen über 100 Tore, zwischen 1908 und 1925 diente er in fünf Amtsperioden als Vereinspräsident.
KATALANISCHE AUSLÄNDER
Der Aufstieg des FC Barcelona ging mit einem Aufschwung des katalanischen Nationalbewusstseins einher. Dass ein von Ausländern dominierter Verein mit englischem Namen immer mehr zum Identifikationsobjekt der katalanischen Seele werden konnte, lag nicht zuletzt an Hans Gamper. Er ließ an seinem Zugehörigkeitsgefühl nie Zweifel aufkommen, lernte Katalanisch und änderte seinen Vornamen in Joan.
Nur wenig jünger ist der andere große Verein Barcelonas: Am 28. Oktober 1900 gründete der Student Angel Rodriguez die Sociedad Espanola de Football, die nach einem Jahr in Club Espanol de Futbol umbenannt wurde. Espanol grenzte sich von Beginn an vom FC Barcelona ab. Der Verein stand zunächst nur Spaniern offen und nahm 1912 den Königstitel Real an. Zu diesem Zeitpunkt war die Krone aus Barcas Wappen schon wieder verschwunden, damals wie heute zierten es das Georgskreuz des Stadtpatrons Sant Jordi und die gelb-roten Streifen Kataloniens. Damit war ein Gegensatz etabliert, der sich über die Jahrzehnte verschärfen sollte: Auf der einen Seite das Barca der autonomie-hungrigen Katalanen, auf der anderen das Espanol der königstreuen Spanier. Der Sportjournalist Jimmy Burns berichtet in seiner Klubgeschichte „Barca“ von gewalt-tätigen Auseinandersetzungen zwischen Spielern und Fans der beiden Vereine in der Saison 1909/10, die den Beginn zahlreicher Konflikte markierten: „Es wurde zur Seltenheit, dass ein Derby nicht von irgendeiner Kontroverse überschattet war.“
Während der Militärdiktatur unter Miguel Primo de Rivera in den 1920er Jahren waren die katalanischen Fahnen in Barcas neuem Stadion Les Corts ebenso verboten wie der Gebrauch der katalanischen Sprache. 1925 trug der FC Barcelona ein folgenschweres Freundschaftsspiel gegen ein englisches Team aus, das eine Musik-kapelle ins Stadion mitnahm. „Sie spielten die spanische Nationalhymne, sie haben es gut gemeint“, erzählt Emma Gamper dem Schweizer Radio und Fernsehen. „Aber die Katalanen pfiffen die Hymne aus. Das wurde als politische Demonstration und Opposition gewertet. Mein Großvater war der Präsident und wurde verantwortlich gemacht.“ Als Konsequenz verwies das Regime Gamper des Landes und sperrte das Stadion für ein halbes Jahr.
Der Sturz der Diktatur und die Errichtung der Zweiten Spanischen Republik gaben ab 1931 der Arbeiterbewegung und den katalanischen Autonomiebestrebungen deutlichen Aufwind. 1936 wurde Katalonien kurz zur Bastion des Anarchismus und der revolutionären Bewegung. Enteignungen und Kollektivierungen von Betrieben standen auf der Tagesordnung – auch im Fußball. Der FC Barcelona und Espanyol übergaben die Klubführung jeweils für kurze Zeit einem Arbeiterkomitee. Zu diesem Zeitpunkt formierten sich schon die Truppen von General Francisco Franco, der das Land in einen langen Bürgerkrieg stürzen sollte. 1937 entfloh Barcas Kampfmannschaft für mehrere Monate den Kriegswirren, tourte durch Mexiko und die USA. Ein Großteil der Spieler blieb im Exil.
ESPANYOL: VEREIN AM RAND
113 Jahre und einen Tag nach der Vereinsgründung empfängt Espanyol den Malaga CF. Es sind nur wenige Espanyol-Fans im Regionalzug, der im Grenzgebiet der Vororte Cornella und El Prat Halt macht. Danach haben sie noch einen 15-minütigen Fußweg vor sich, ehe sie die Drehkreuze ihres Heimstadions passieren können. 40.500 Besucher haben in dem modernen, erst 2010 eröffneten Bau Platz, 16.000 sind an diesem Dienstag-abend gekommen. Obwohl die Fans auf alle Sektoren des Stadions verteilt sind, machen sie mehr Stimmung, als man bei einem spanischen Mittelständlerduell erwarten würde. „Puta Barca!“ tönt es zwischenzeitlich aus dem Fanblock, der sich mit der Schmähung des übermächtigen Rivalen auf das Derby einstimmt, das drei Tage später im Camp Nou stattfinden wird.
Auf Transparenten gratulieren Fans ihrem Verein zum 113. Geburtstag, und sogar El Mundo Deportivo, die Barca-treue Sporttageszeitung, widmet den Feierlichkeiten eine halbe Seite. Überschrift: „Wir sind Katalanen, wir müssen das nicht extra beanspruchen“. Mit diesen Worten zitiert die spanischsprachige Zeitung, deren Breitensportregionalteil auf Katalanisch erscheint, Espanyols Präsidenten Joan Collet. Dass er sich rechtfertigen muss, zeigt, dass Espanyol immer noch vielen Katalanen als Repräsentant des spanischen Zentralstaats gilt. Der Name trägt viel dazu bei, obwohl er 1995 gemäß der katalanischen Schreibweise von „Espanol“ in „Espanyol“ umgewandelt wurde. Auch die Vereinshymne wird inzwischen auf Katalanisch gesungen. Zudem genießt Präsident Collet den Ruf, ein aufrechter Katalanist zu sein.
Nach dem Ende des Spiels gegen Malaga posieren drei glatzköpfige junge Männer auf der Tribüne mit einer Spanien-Fahne. Diese Provokation des offenbar rechtsextremen Grüppchens bleibt weitgehend unbemerkt. Viel auffälliger ist das Gelb-Rot der katalanischen Fahne, das in vielen Sektoren immer wieder zwischen den Klubfarben Blau und Weiß hervorblitzt.
HIERARCHIE DER SPRACHEN
Auch im offiziellen Auftreten ist der Klub auf die Betonung des Katalanischen bei Duldung des Spanischen bedacht. Der Pressesprecher führt auf Katalanisch durch die Pressekonferenz. Mit Malaga-Trainer Bernd Schuster kommunizieren die Journalisten ganz selbstverständlich auf Spanisch. Javier Aguirre, Espanyols mexikanischer Trainer, versteht alle katalanischen Fragen und antwortet auf Spanisch. Das problemlose Nebeneinander der beiden Sprachen ist in Barcelona ebenso Alltag wie die demonstrative Pflege des Katalanischen. Peter Kuranda, der bei Espanyol im Marketing arbeitet, bestätigt die auch in seinem Klub herrschende Sprachhierarchie: „Kommuniziert wird auf Katalanisch, Spanisch, Englisch – und zwar in dieser Reihenfolge.“ Der mit einer Katalanin verheiratete Österreicher beherrscht alle drei Sprachen, seine zweijährige Tochter wächst vorerst mit Katalanisch und Deutsch auf.
Um den Überresten des historischen Gegensatzes zwischen dem spanischen Espanyol und dem katalanischen FC auf den Grund zu gehen, besuchen wir Jaume Sobreques i Callico. Der Geschichtsprofessor war zwischen 1993 und 2000 im Vorstand des FC Barcelona. 1994 veröffentlichte er die erste Auflage der sechsbändigen Geschichte des Klubs. Nach der Franco-Diktatur formulierte der damalige sozialistische Abgeordnete Ende der 1970er Jahre das katalanische Autonomiestatut mit. Sobreques empfängt uns in seinem Büro. Hinter seinem Sessel lehnt eine historische Karte Kataloniens, das Gespräch führen wir auf Spanisch. Der freundliche Mann winkt seinen Assistenten herbei, um uns Taschenbuchausgaben seiner in Gelb-Rot gehaltenen „Geschichte Kataloniens“ auf Deutsch, Englisch und Spanisch zu schenken. – „Oder hätten Sie gern Japanisch?“
„Kurioserweise war Espanyol ursprünglich in der katalanischen Gesellschaft viel stärker verwurzelt als der FC Barcelona“, sagt Sobreques. „Aber die beiden Klubs haben sich in verschiedene Richtungen entwickelt, und schon bald wurde Espanyol als Verein der spanischen Beamten gesehen.“ Derzeit, meint der Historiker, verhalte sich Espanyol in Bezug auf die katalanische Identität nicht anders als der FC Barcelona. Eine sozialwissenschaftliche Studie über die sozialen Hintegründe der Espan-yol–Anhänger würde vermutlich einige Überraschungen zutage fördern, mutmaßt Sobreques.
MYTHEN AUS DER FRANCO-ZEIT
Der FC Barcelona während der Herrschaft von General Francisco Franco von 1939 bis 1975 ist das Spezialgebiet des 70-Jährigen. „Während der Diktatur hat es keine politischen Freiheiten gegeben. Die Menschen haben Symbole gesucht, die das ausdrückten, was die Diktatur nicht erlaubte“, sagt Sobreques. „Der FC Barcelona war die wichtigste Institution, mit der sie ihre Identität gezeigt haben.“
Die in Katalonien weit verbreitete Meinung, dass Real Madrid seine sechs in den 1950ern und 1960ern errungenen Meistercup-Siege den Interventionen des Diktators in der Liga verdankt, wischt Sobreques vom Tisch. Er glaube nicht einmal, dass Franco überhaupt Real-Fan war, sagt er lächelnd. Die Schiedsrichter hätten Real zwar viele Elfmeter zugesprochen, das sei bei überragenden Spielern wie Ferenc Puskas, Alfredo Di Stefano und Jose Santamaria aber nicht ungewöhnlich. Die Katalanen hätten diese Mythen gepflegt, weil es ihnen politisch ins Konzept gepasst habe, sagt Sobreques und fügt hinzu: „Auch ich habe dazu beigetragen.“ Wie zur Rechtfertigung deutet er auf die Straße: „Da um die Ecke bin ich 1962 im Gefängnis gesessen.“
Ein Historikerkollege, der damals noch nicht geboren war, ist Carles Vinyas. Der Barca-Fan war in den 1990er Jahren in der Fanszene aktiv und publizierte Bücher über Rechtsextremismus, Fußballfans und Jugendkulturen. Sein aktueller Titel „Barcelona Blaugrana“ ist eine historische Spurensuche in der Stadt des blauroten Weltklubs. Diese bietet Vinyas auch als Touristenführer an.
DER ERMORDETE PRÄSIDENT
Das ballesterer-Team begleitet Vinyas auf die mit Urlaubern aus aller Welt gefüllte Rambla, die von der Placa Catalunya hinunter zum Meer führt. Hier steht der Brunnen, vor dem die Barca-Fans traditionell große Siege feiern. Wer den Kopf senkt, kann am Boden vor der Bar Nuria eine abgetretene Plakette erkennen. Sie erinnert an den jahrzehntelang vergessenen Josep Sunyol i Garriga. Der Vereinspräsident, linksnationalistische Parlamentarier und Gründer von La Rambla, einer progressiven Zeitschrift für „Sport und Bürgerschaft“, wurde am 6. August 1936 nahe Madrid von einer franquistischen Einheit erschossen.
Erst gut 60 Jahre später brachte ein Journalist Sunyols Geschichte ans Tageslicht. Der damalige Vereinspräsident, der Konservative Josep Lluis Nunez, sträubte sich lange gegen die Aufarbeitung der Causa Sunyol, beugte sich aber schließlich dem Druck der von Barca-Mitgliedern ins Leben gerufenen „Vereinigung der Freunde von Josep Sunyol“.
Lebendiger als die Erinnerung an den ermordeten Präsidenten sind die Mythen der Benachteiligung Barcas durch Franco geblieben, die Historiker Jaume Sobreques relativiert sehen will. Montserrat Vilalta Montras erinnert sich: „Das war ganz klar: Der Schiedsrichter war immer gekauft. Sie haben nur ab und zu zugelassen, dass wir ein Spiel gewinnen.“ Im Alter von acht Jahren ging die heute 64-Jährige zum ersten Mal mit ihren Eltern zum FC Barcelona. Seither besitzt sie die Mitgliedskarte mit der Nummer 4.618 und geht mit ihrer Dauerkarte regelmäßig ins Stadion. „Früher sind wir zu jedem Heimspiel am Sonntagnachmittag gegangen – und am Mittwoch zum Messestädte-Cup“, sagt Lazaro. Seit der Hochzeit mit ihrem fußballdesinteressierten Mann lässt sie hin und wieder Spiele aus. Bis heute hat Lazaro kein Stadion außer den Heimstätten des FC Barcelona von innen gesehen.
Die Familie der auch im Camp Nou stets elegant gekleideten Dame besitzt ein mittelständisches Stahlunternehmen. Nach dem Tod ihres Vaters und später ihrer Mutter übernahm sie deren Mitgliedschaften und kaufte dazu je eine Jahreskarte – für ihren Sohn und ihre Tochter, die beide nur selten ins Stadion gehen. Aus Tradition, sagt Vilalta. Die Karten sollen in der Familie bleiben und werden deshalb weitergegeben: von Mann zu Mann und von Frau zu Frau. Gut 1.400 Euro legt sie jedes Jahr für diese Tradition aus.
OPER STATT CAMP NOU
„In den 1920er Jahren hat es hier zwei Orte gegeben, wo man hingegangen ist, um gesehen zu werden: die Oper und das Stadion des FC Barcelona. Die Oper ist geblieben, den Eintritt ins Stadion aber können sich viele nicht mehr leisten“, sagt Toni Padilla, der Sportchef der katalanischsprachigen Tageszeitung Ara. Er unterscheidet zwischen Barca-Fans, die aus allen Schichten kommen, und den Stadiongehern, die wohlhabend genug sein müssen, um sich den Eintritt noch leisten zu können. Dazu kommen die Touristen, sie machen nach Padillas Schätzungen etwa ein Viertel des Publikums im Camp Nou aus. Wer bei der Urlaubsplanung die Heimspieltage nicht beachtet hat oder das Budget nicht überstrapazieren will, kann als Ersatz das Vereinsmuseum besuchen. Der Eintritt ist mit 23 Euro zwar auch nicht gerade billig, aber dafür sieht man das meist-besuchte Museum Kataloniens.
Den Hype um den FC Barcelona findet Padilla nicht normal. „Wenn ich sage, dass ich Fan des Zweitligisten Sabadell bin, glauben mir die Leute zuerst nicht“, sagt er. „Danach halten sie mich für einen Verrückten.“ Es sei traurig, dass alle katalanischen Stadien außer dem Camp Nou sehr schwach besucht sind. Im Stadion von Espanyol gehe es heute vielfältiger zu als bei Barca, meint Padilla. Zwar sei Espanyol zwischen 1917 und 1980 für das zentralistische Spanien gestanden, aber heute gebe es dort eine bunte Mischung. Espanyol sei keine politische Sache mehr, Barca hingegen immer noch. „Barca steht für die Unabhängigkeit Kataloniens“, sagt Padilla. „In der Vorstandsetage wie auf der Tribüne.“
Für die beiden Barca-Historiker Sobreques und Vinyas ist die politische Dimension ihres Vereins selbstverständlich. „Wieso soll ein Fußballprofi weniger Recht auf freie Meinungsäußerung haben als ein Professor, ein Arzt oder ein Friseur?“, fragt Sobreques, der den Eindruck hat, dass die Vereinsführung politische Äußerungen sich und den Zuschauern vorbehält, während Wortmeldungen von Spielern für oder gegen die Unabhängigkeit unerwünscht seien. Auf die Frage, ob das auch mit der UEFA-Doktrin des politikfreien Stadions zu tun habe, redet sich Sobreques in Rage: „Das wäre nahe-liegend, denn die UEFA ist eine mafiöse Organisation, zusammen mit der FIFA und dem Olympischen Komitee. Mit allem, was eine Mafia ausmacht: in sich geschlossen, niemand darf eine abweichende Meinung äußern.“
DER FREIHEITSKÄMPFER DER CHAMPIONS LEAGUE
Das Gegenstück zum politisch enthaltsamen Regelprofi ist Joan Oleguer Presas i Renom. 2006 gewann der Verteidiger mit dem FC Barcelona die Champions League, schloss an der Universitat Autonoma in Barcelona sein Studium der Volkswirtschaft ab und veröffentlichte gemeinsam mit dem Schriftsteller Roc Casagran das Buch „Cami d’Ithaca“. Darin lassen die Autoren Barcas Meisterschaftssieg 2005 Revue passieren und setzen ihn in Bezug zum Ringen der Völker um Freiheit.
2006 fand auch die Weltmeisterschaft in Deutschland statt. Der Name Oleguer stand auf der Liste des erweiterten Kaders von Teamchef Luis Aragones. Doch der Traum des Linksnationalisten von einem Auftritt im Nationalteam beschränkte sich auf das katalanische, für das er sechs Spiele bestritt. Im Camp Nou forderten Anhänger
Oleguer auf Transparenten auf, die Einberufung in das spanische Team abzulehnen. In den meisten Stadien außerhalb Kataloniens wurde er für seinen Mangel an spanischem Patriotismus ausgepfiffen. Schließlich verzichtete Aragones bei der WM auf den Verteidiger und ersparte sich und dem Team eine Menge Ärger.
Die PR-Abteilung des globalen Unterhaltungsunternehmens FC Barcelona bemühte sich nach Kräften, ihr Problemkind vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Denn Oleguer sorgte in Interviews und mit seinen eigenen Schriften für Schlagzeilen, die Sponsoren gar nicht gefielen. Er unterstützte ein in der Haft erkranktes Mitglied der baskischen ETA, widmete sein erstes Tor in der Liga einem 14-jährigen Buben, der wegen des illegalen Aufhängens linker Plakate eingesperrt worden war und sprach sich für die Besetzung von Spekulationsobjekten aus. 2003 nahm die Polizei bei der Räumung des illegalen Jugendzentrums Bemba in Oleguers Heimatstadt Sabadell elf Aktivisten fest, darunter den Barca-Profi.
BARCAS PRÄSIDIALE POLITIK
Trotzdem gewann Oleguer nicht nur unter linken Aktivisten Sympathien. Zum Training kam er öffentlich oder mit einem alten Kleinbus, und er sagte Dinge wie: „Wenn mir ein 50-Jähriger auf der Straße gratuliert, ist das zwar schön, aber ich habe das Gefühl, dass er viel mehr geleistet hat als ich.“ Der damalige Präsident, der linksnationalistische Joan Laporta (siehe Interview auf Seite 28), stellte sich nach Oleguers Festnahme offen hinter seinen Spieler. 2008 wechselte der heute 33-Jährige zu Ajax Amsterdam und ist seit einem Jahr vereinslos. Derzeit meidet Oleguer die Öffentlichkeit.
Vom heutigen Präsidenten wäre die Unterstützung für einen linken Aktivisten nicht zu erwarten. Sandro Rosell war zwar einst Laportas Vizepräsident und Vertrauter, gilt aber als Mann der Wirtschaft und wird Korruptionsgerüchte nicht los. Diese betreffen seine Geschäfte mit dem ehemaligen brasilianischen Verbandspräsidenten Ricardo Teixeira sowie Verbindungen nach Katar: „Rosell hat immer gesagt, dass er in Brasilien in kein Gerichtsverfahren verwickelt ist“, sagt Ara-Journalist Padilla. „Wir haben beim dortigen Justizministerium angerufen und erfahren, dass es zwei sind.“ Auch France Football und der Blog „La Transparencia de Sandro Rosell“ decken regelmäßig Ungereimtheiten im Managementgebaren Rosells auf. Unter anderem Unvereinbarkeiten des Präsidentenamts mit angeblichen Beteiligungen seiner Familie an der Ticketbörse viagogo, die auch Barcelona-Karten weiterverkauft.
DERBY OHNE GEGNER
Als der FC Barcelona zu Allerheiligen 2013 Espanyol empfängt, spart sich Sandro Rosell einen Pflichttermin, der sonst bei Ligaspielen in Spanien üblich ist: Das gemeinsame Mittagessen der Klubpräsidenten entfällt diesmal wie schon in vergangenen Jahren auch. Auslöser für die Eiszeit waren unter anderem Ausschreitungen beim Derby vor vier Jahren, erzählt Peter Kuranda aus der Espanyol-Marketingabteilung. Mitglieder der früher im Fanblock dominierenden rechtsextremen „Boixos Nois“ hätten damals Espanyol-Anhänger angegriffen.
Ebenfalls abwesend sind beim Derby die ballesterer-Interviewpartner Carles Vinyas und Monserrat Vilalta. Vinyas sagt, für ihn seien die Karten inzwischen zu teuer und die Umgebung des Stadions aufgrund seiner Texte über Hooligans zu unsicher. Vilalta ist am langen Wochenende nicht in der Stadt. Durch das von Präsident Laporta eingeführte Zweitverwertungssystem kann der Klub ihren Sitzplatz dennoch verkaufen. Die Dauerkartenbesitzerin bekommt einen Teil des Erlöses rückerstattet und kann so über die gesamte Saison bis zu 90 Prozent ihrer Kosten wieder einspielen. Ein scheinbar geniales System: Klub und Abonnentin verdienen, und die ehemals oft zehntausenden freien Plätze abwesender Stammbesucher werden mit Einmalgehern gefüllt.
Vor Spielbeginn brummt das Geschäft rund um das Stadion. Es gibt reguläre Karten am Schalter ab 58 Euro und schwarze bei den fliegenden Händlern, Familien decken sich mit Fanartikeln ein. Drinnen schießen die Besucher Erinnerungsfotos und fachsimpeln in dutzenden Sprachen um die Wette. Mit knapp 80.000 Zuschauern ist das Camp Nou dank der Zweitverwertung recht gut gefüllt. Mehrmals wird die Vereinshymne eingeblendet, die Einheimischen singen von Anfang an mit, die Touristen stimmen beim Refrain mit ein: „Barca, Barca, Baaarca!“
VERLORENE FANKULTUR
Und der Fanblock? Gerade einmal hundert bis zweihundert Fans singen und schwenken Fahnen hinter dem Tor. Viele tragen das Auswärtstrikot, das gelb-rot gestreift ist – die Farben Kataloniens. Gern erklären sie dem ballesterer die Bedeutung ihrer Symbole. Besonders prominent ist in der Kurve, wie an vielen Häuserwänden in der Stadt, die „Estelada“, die gelb-rote Unabhängigkeitsfahne, die je nach Weltanschauung mit einem roten oder weißen Stern auf gelbem oder blauem Dreieck kombiniert ist.
In der riesigen Menschenmasse wirkt die Fankurve völlig verloren. Nach dem Rauswurf der alles dominierenden rechtsextremen „Boixos Nois“ unter Präsident Laporta vor zehn Jahren hat sich bis heute keine der Größe des Klubs angemessene Fanszene gebildet. Für den Fanexperten Vinyas wird die Entwicklung jedoch weiterhin von den „Boixos Nois“ überschattet: „Die Leute haben Angst vor ihnen, und Präsident Rosell hat jetzt auch noch begonnen, wieder mit ihnen zu reden. In dieser Situation bleibt die Polizei der einzige Verbündete der anderen Fans – dabei ist die normalerweise der Feind jeder Fankultur.“ So dominieren das Klatschen und Raunen des großteils wohlsituierten Publikums sowie die Blitzlichter der Touristen die Atmosphäre im Stadion.
DER WAHRE GEGNER HEISST MADRID
Die Stadionuhr zeigt 17 Minuten und 14 Sekunden Spielzeit. „Independencia! Independencia!“, skandiert das Publikum von allen Tribünen. Mit dem Ruf nach Unabhängigkeit wird an den 11. September 1714 erinnert. Damals eroberten französische Truppen Barcelona mit drastischen Folgen für die katalanische Autonomie. Das Ritual, das noch keine drei Jahre alt ist, wiederholt sich in der zweiten Spielhälfte.
Auf dem Rasen wehrt sich Espanyol anständig, Barca dominiert aber, und der Chilene Alexis Sanchez schießt das einzige Tor des Abends. Der wahre Gegner heißt ohnehin Madrid, ob in der Meisterschaft oder in der Politik. Der im Camp Nou spürbare Wunsch nach einem eigenen Staat spiegelt die jüngste Entwicklung der katalanischen Autonomiebestrebungen wider. Zwar stellt Katalonien schon seit über 100 Jahren regelmäßig Forderungen nach mehr Autonomie im spanischen Staat, doch offen die Unabhängigkeit zu fordern, war bis vor wenigen Jahren eine extreme Minderheitenposition.
Am vergangenen katalanischen Nationalfeiertag, dem 11. September, forderten laut Angaben der Demoveranstalter eineinhalb Millionen Menschen mit einer 400 Kilometer langen Menschenkette die Unabhängigkeit. Auch im katalanischen Regionalparlament manifestiert sich die Entfremdung vom Zentralstaat. Die katalanischen Ableger der konservativen und der sozialistischen spanischen Volksparteien kamen zuletzt gemeinsam nur noch auf 27 Prozent der Stimmen. Inzwischen betreiben die konservativ-liberale Convergencia i Unio und die linke Esquerra Republicana de Catalunya gemeinsam mit kleineren katalanistischen Parteien das Projekt der Unabhängigkeit.
Eine Volksabstimmung zu dieser Frage ist für 2014 geplant. Regierung und Justiz in Madrid lehnen diese aber als verfassungswidrig ab. Meinungsumfragen zufolge halten über 80 Prozent der Katalanen die Abstimmung für rechtmäßig, über 50 Prozent würden für die Unabhängigkeit stimmen. Neben dem Unmut vieler Katalanen über die starre Haltung Madrids zum Referendum hat die Krise massiv zur aktuellen Lage beigetragen. Katalonien und das Baskenland sind die wichtigsten Wirtschaftsregionen, zugleich ist keine Region in Spanien heute höher verschuldet als Katalonien. Viele machen die Transferzahlungen in die anderen Regionen dafür verantwortlich.
NEUER STAAT, WAS TUN?
Sollte es in den nächsten Jahren tatsächlich zur Unabhängigkeit kommen, so stellen sich gewichtige Fragen, auch für den Fußball. Ein katalanisches Nationalteam existiert bereits seit über 100 Jahren. FIFA und UEFA haben es aber nie anerkannt. Die katalanischen Barca-Stars wie Xavi Hernandez, Carles Puyol und Gerard Pique spielen sowohl für Spanien als auch für Katalonien. Dass die Katalanen mit den besten der Welt mithalten können, glauben seit dem 4:2-Sieg über Argentinien im Jahr 2009 viele.
In den Sternen steht für den Fall der Unabhängigkeit die Zukunft jener Institution, die sie besonders vehement vorantreibt: der FC Barcelona. Das viel zitierte inoffizielle Nationalteam wäre diese Rolle mit dem ersten offiziellen Spiel eines von der UEFA anerkannten katalanischen Teams los. Wäre Barca dann noch mehr als ein Klub? Oder nur noch ein Klub mehr? Und wie lang könnte es noch eines der besten Teams der Welt stellen? Eine katalanische Liga wäre zu schwach, eine spanisch-katalanische ein politischer Drahtseilakt. Die Alternative wäre die Wiederbelebung des alten Plans der mächtigsten Vereine des Kontinents zur Schaffung einer echten Europaliga, in der die besten Teams wöchentlich gegeneinander spielen. Die nationalen Meisterschaften würden dadurch zu zweiten Ligen degradiert werden. Ob das die Vision ist, die die Barca-Fans vor Augen haben, wenn die Matchuhr im Camp Nou auf 17:14 springt?
(Mitarbeit: Mischa Essletzbichler & Jakob Rosenberg)
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