Es ist ein heißer Tag, als sich der ballesterer Ende Juli mit Daniel Beichler in seiner Heimatstadt Graz trifft. Beichler ist im Sommeroutfit ins Café La Fleur im Grazer Einkaufszentrum Murpark gekommen, er trinkt ein stilles Zitronenwasser und plaudert locker drauflos. Es ist Urlaubszeit und wenig Betrieb. Hin und wieder schlendert jemand vorbei, der den ehemaligen Spieler grüßt. Das La Fleur gilt als Stammcafé vieler aktiver und ehemaliger Sturm-Spieler, es liegt nur einen Steinwurf vom Trainingszentrum des Klubs entfernt. Bei den Grazern schaffte Beichler vor neun Jahren den Durchbruch, Mitte Juli hat er seine Karriere nach vielen Stationen aufgrund einer Knieverletzung beendet.
ballesterer: Seit zwei Wochen sind Sie offiziell Ex-Profi. Wie geht es Ihnen?
Daniel Beichler: Gut. Ich fühle mich wohl.
Ihre Karriere ist nicht immer erfolgreich verlaufen. Sind Sie erleichtert, dass es vorbei ist?
Ich bin mit mir im Reinen. Wenn du zweieinhalb Jahre mit einer Knieverletzung herumscheißt, laugt das aus. Ohne Schmerzmittel ist ja gar nichts gegangen. Jeden Tag war da die Angst: „Morgen ist Training, werde ich wohl fit?“ Immerzu der Gedanke: „Morgen musst du funktionieren.“ Dass das jetzt wegfällt, ist schon befreiend.
Einige kommentierten Ihr Karriereende mit: „Musste so kommen, der Beichler ist gescheitert.“
Das ist mir bewusst. Es ist mir aber auch egal. Ich bin niemandem für meine Entscheidung Rechenschaft schuldig. Ich weiß, dass ich immer Leistung gebracht habe, wenn ich fit war. Die Leute kennen die Hintergründe nicht. Ich mache daher keinem einen Vorwurf, der mich als gescheitert ansieht.
Auch weil diese Leute vielleicht recht haben? Ist Daniel Beichler am Fußballgeschäft gescheitert?
Ich bin nicht gescheitert – ich habe Fehler gemacht. Zwei waren wohl am schwerwiegendsten: Zum einen, dass ich bei dem einen oder anderen Transfer vorschnell agiert habe. Ich habe bei manchen Entscheidungen einfach keine Geduld gehabt. Und zum anderen hätte ich mehr Diplomatie an den Tag legen müssen.
Wobei?
Im Umgang mit Trainern. Ich bin zwar keine freche Kretzn, die nur zurückredet, aber ich bin schnell bockig geworden, wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie ich wollte. In Berlin ist mir das bei der Hertha mit Markus Babbel zum Verhängnis geworden. Nach meinem Abschied von Sturm war das der erste große Schritt in den internationalen Fußball – und kein guter Start in diese Phase.
Im modernen Fußball gilt Disziplin als Grundtugend. Wenn Sie damit Probleme hatten, ist das nicht doch eine Art Scheitern?
Wieso? Ich war ja erfolgreich, wenn ich voll einsatzfähig war. Ich bin auch ins Nationalteam einberufen worden. Überhaupt: Es gibt viel extremere Beispiele als mich, die auch goschert sind und es wesentlich weiter gebracht haben. Schauen Sie sich den Marko Arnautovic an. Der ist auch kein einfacher Typ, aber ein Topsportler. Grundsätzlich gilt für mich Folgendes: Ich bin keiner dieser geschnitzten, braven Akademiekicker von heute. Dass mir das nicht zum Vorteil gereicht hat, streite ich nicht ab. Trotzdem befürchte ich, dass die richtigen Typen, die vielleicht nicht immer die einfachsten Charaktere sind, gerade aussterben. Für mich waren aber immer diejenigen eine Inspiration, die Freude am Sport vermittelt haben.
Hat Ihnen der Beruf Freude gemacht?
Das ist ein wichtiger Punkt. Ich habe das Kicken nie als Job gesehen und mir in der Früh gedacht: „Ich gehe jetzt arbeiten.“ Für mich war der Fußball immer Spaß, so habe ich es auch am Feld angelegt. Unbekümmert, trotzdem professionell. Ich war nie so ein Toptalent wie zum Beispiel der Jakob Jantscher, aber ich habe so gekickt, wie ich es von klein auf empfunden habe: mit Freude.
Die Schwierigkeiten in der Karriere haben diese Freude nie getrübt?
Nie. Ich liebe den Fußball. Deswegen schaue ich auch nicht im Groll auf die letzten Jahre zurück. Ich habe zumindest eine gewisse Zeit das tun können, wovon Millionen Menschen träumen: Fußballprofi sein.
Das letzte Kapitel dieser Zeit war das Engagement beim SKN St. Pölten. Dort sind Sie ins Amateurteam verbannt worden, anschließend haben Sie den Verein geklagt. Ein bitteres Karriereende?
Ja, das war das Grauslichste, das ich in meinem Kickerleben erlebt habe. Da ist viel Unwahres in der Öffentlichkeit verbreitet worden. Trotzdem war es nicht der ausschlaggebende Punkt, die Karriere zu beenden. Das waren die körperlichen Probleme.
Eine Möglichkeit wäre sonst gewesen, im Team für arbeitslose Fußballer unterzukommen. Was halten Sie von dieser Einrichtung?
Das ist eine gute Sache. Du bist im Mannschaftsbetrieb und bleibst fit. Ich denke aber, dass es viel zu wenige vereinslose Spieler als Chance wahrnehmen. Die haben Angst vor dem gesellschaftlichen Stempel „arbeitslos“.
Arbeitslos wollen Sie in Zukunft nicht sein. Wollen Sie Trainer werden?
Den B-Schein habe ich schon gemacht, zusammen mit dem Christian Gratzei und dem Roman Kienast. Ich bin mir sicher, dass ich im Trainersegment Fuß fassen kann, weil ich gewisse Erfahrungen gemacht habe. Und um noch einmal auf meine Fehler zurückzukommen: Ich gebe es zu, einem Kicker, der manchmal so bockig ist, wie ich es war, würde ich gern bei der Entwicklung helfen.
Daniel Beichler (28) begann seine Karriere im Mittelfeld des SK Sturm. Weitere Stationen waren Hertha BSC, FC St. Gallen, MSV Duisburg, SV Ried, SV Sandhausen und SKN St. Pölten. Zwischen 2009 und 2010 kam er zu fünf Einsätzen im österreichischen Nationalteam.