Kanada 2015 – dieses Turnier ist in die Annalen des spanischen Frauenfußballs eingegangen. Nicht, weil man bei der WM besonders erfolgreich gewesen wäre. Trotz großer Erwartungen schied das Team um Veronica Boquete und Vicky Losada in der Vorrunde aus. Unmittelbar darauf kam es zur offenen Rebellion: In einer vom gesamten Kader unterzeichneten Erklärung forderten die Spielerinnen die Entlassung von Trainer Ignacio Quereda. Die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe reichten von schlechter Vorbereitung auf das Turnier über antiquierte Trainingsmethoden bis zu mangelnder Beobachtung der gegnerischen Teams. Oder der eigenen Spielerinnen – Quereda soll in den 27 Jahren, in denen er das Teamchefamt innehatte, nie einem Ligaspiel außerhalb Madrids beigewohnt haben. Von Besuchen seiner Spielerinnen im Ausland ganz zu schweigen. Boquete durfte ihn nicht einmal bei den zwei Champions-League-Finale, die sie in seiner Amtszeit bestritt, im Publikum begrüßen.
Sturz des Machos
Neben den sportlichen Defiziten Queredas kamen nach und nach andere Klagen ans Licht. Er habe die Spielerinnen arrogant und autoritär behandelt, 30-jährige Profis wie Teenager angesprochen – oder wie Bedienstete: „Mal schauen, wer heute die Hausfrau macht und mir den Kaffee serviert.“ Diese Aussage Queredas ließ die Tageszeitung Marca durchsickern, ohne ihre Informantin aus dem Kreis des Nationalteams zu nennen. Die Vorwürfe provozierten einige antifeministische Töne aus den Sportredaktionen und Funktionärsbüros, Begriffe wie „Feminazi“ und „Micromachismo“ bereicherten die Diskussion. Der spanische Verband erwog zuerst einen Hinauswurf des gesamten Kaders, kam nach einem gewaltigen Aufruhr in den sozialen Netzwerken aber zur Erkenntnis, dass das Problem nicht mit 23 Ausschlüssen zu lösen war. Der zunächst bockige Quereda wurde zum Rücktritt gedrängt.
Das Nationalteam hatte zuvor eine Schwachstelle im spanischen Frauenfußball dargestellt. Nachwuchsteams konnten zwar regelmäßig internationale Titel einheimsen, doch die besten Kickerinnen spielten als Profis im Ausland, vorzugsweise Frankreich, England, Schweden und Deutschland. In Spanien konnte man vom Fußball nicht leben, die Liga war nicht einmal semiprofessionell organisiert. Das war der Status quo, für den Quereda stand. Damit ist es seit Sommer 2015 vorbei.
Im August wurde mit Jorge Vilda ein Trainer installiert, der für eine völlig neue Gesprächskultur steht, nicht zuletzt, weil er 30 Jahre jünger ist als sein Vorgänger. Francisco Diaz von Femina Futbol, der wichtigsten spanischsprachigen Website zum Thema Frauenfußball, gefallen aber vor allem die gezeigten Leistungen in der Ära Vilda: „Er hat den Spielerinnen das Vertrauen zurückgegeben. Jetzt können sie den Fußball wieder genießen, spielen mit Schwerpunkt auf Ballbesitz und vertikalen Attacken“, sagt er. „In der Qualifikation haben sie alle Spiele gewonnen, 39 Tore geschossen und nur zwei kassiert. Sie drängen sich geradezu auf, eine Überraschung beim Turnier zu liefern.“ Das wäre ein süßer Triumph für die rebellischen Spielerinnen und ihren Trainer, man müsste sich aber auch bei den alten Herren vom Verband bedanken.
Aufbau der Liga
Denn die Funktionäre machten keine halben Sachen, sie tauschten nicht nur den Teamchef aus, sondern professionalisierten einen Sommer später auch die Liga. Sponsoren wurden aufgetrieben, TV-Übertragungen eingefädelt, Prämien erhöht. Im Gegenzug wurden die Vereine verpflichtet, in Infrastruktur und Kader zu investieren. Die Spielerinnen müssen einen Profivertrag erhalten und sozialversichert werden. Nach einer Saison kann die Liga eine positive Bilanz ziehen: Sportlich war das Geschehen von dem Duell zwischen Atletico Madrid und dem FC Barcelona geprägt, die sich Meister- und Cuptitel schwesterlich teilten. Sie stellen auch das Gros des Nationalteamkaders. Nicht zuletzt deshalb, weil viele ehemalige Legionärinnen von der neuen Liga angezogen wurden. Das Resultat der professionelleren Bedingungen ist eine deutliche Steigerung des sportlichen Niveaus. Als Beweis sei angeführt, dass der Semifinalist der Champions League, FC Barcelona, heuer nur Vizemeister wurde.
Unter Jorge Vilda hat sich beim Nationalteam vieles gebessert: der Ton untereinander, die taktische Vorbereitung, die Beobachtung und Betreuung aller Akteurinnen. Die Spielerinnen selbst betonen in Interviews, wie zufrieden sie mit dem neuen Stil sind. Es ist ja auch ihr Projekt, für das sie viel riskiert haben. Spanien nahm im März zum ersten Mal am prominent besetzten Algarve-Cup teil, den das Team prompt gewann. Im Juni musste man sich in einem Test gegen Brasilien nur knapp geschlagen geben. Was kann man also erwarten, wie hoch dürfen die Träume fliegen? Journalist Diaz traut den Spanierinnen einiges zu: „Zumindest eine Verbesserung zur letzten EM, als sie bis ins Viertelfinale gekommen sind. Jorge Vilda hat viele Spielerinnen ausprobiert und muss das Gleichgewicht zwischen jungen und erfahrenen Spielerinnen finden.“
Kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass Vilda die angestoßene Revolution weiter treibt, als mancher Initiatorin lieb sein kann. Im EM-Kader fehlen verdiente Spielerinnen wie Natalia Pablos und Sonia Bermudez, dazu mit Boquete die Leitfigur der Vergangenheit. Vilda besteht darauf, lediglich sportliche Parameter für seine Entscheidung herangezogen zu haben. Angesichts der Tatsache, dass Boquete mit Paris Saint-Germain noch vor wenigen Wochen beim Champions-League-Finale am Platz stand, wirkt das wenig glaubwürdig. Das Schicksal Boquetes wird schon mit jenem Rauls verglichen. Für das Nationalteam wäre das ein gutes Omen.