Vor fast 37 Jahren, im Oktober 1981, fand das Teheraner Derby zuletzt gemäß den Regeln der FIFA statt. Die Statuten verbieten nämlich die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, doch die Tatsache dass Iranerinnen der Besuch von Fußballspielen der Männer verboten ist, hat bisher zu keinen Sanktionen gegen den iranischen Verband geführt. Im März dieses Jahres besuchte FIFA-Präsident Gianni Infantino das Derby zwischen Persepolis und Esteghlal gemeinsam mit dem Sportminister Masoud Soltanifar. Währenddessen wurden 35 Frauen festgenommen, die versucht hatten, das Spiel im Azadi-Stadion zu besuchen. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß, die Organisation Open Stadiums, die sich für die Aufhebung des Verbots einsetzt, schrieb Infantino einen offenen Brief mit der Forderung, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen.
PROTEST AUF SCHLEIERN
Der Iran wird 2018 zum fünften Mal an einer WM teilnehmen, die Begeisterung für Fußball ist im Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern groß. Die gelungene Qualifikation im Juni 2017 wurde von zehnttausenden auf den Straßen Teherans gefeiert. Noch größer war der Jubel 20 Jahre zuvor, als die Mannschaft zum ersten Mal nach der Islamischen Revolution zu einer WM fuhr. Damals wurde das Team im Azadi-Stadion empfangen, wie sich Open-Stadium-Aktivistin Sara erinnert. „Sie haben Frauen hineingelassen. Hinterher hat es viel Kritik dafür gegeben, aber zum ersten Mal nach der Revolution haben Frauen offiziell ein Stadion besuchen dürfen. Es war unglaublich.“ Immer wieder haben Frauen seither versucht, verbotene Spiele zu besuchen, manchmal erfolgreich, manchmal nicht, manchmal sichtbar, manchmal unbemerkt.
Im Juni 2005 gelang es einer Gruppe von rund 100 Frauen, das entscheidende WM-Qualifikationsspiel gegen Bahrain zu besuchen. Ihnen kam zugute, dass wenige Tage später die Präsidentschaftswahlen stattfanden, der Iran stand unter verstärkter internationaler Beobachtung. Womöglich ließen die Sicherheitskräfte deswegen vergleichsweise Milde walten. Rund um das Spiel wurde auch die Initiative Open Stadiums ins Leben gerufen, damals noch unter dem Namen White Scarves. „Wir haben auf unsere Schleier geschrieben, denn die würden sie uns nicht einfach wegnehmen wie Plakate“, sagt Sara. „Der Slogan ‚Unsere Hälfte der Freiheit‘ war ein Wortspiel mit dem Stadionnamen ‚Azadi“, der auf Persisch ‚Freiheit‘ bedeutet.“ Im selben Jahr wurde das iranische Frauennationalteam wieder ins Leben gerufen.
OBSZÖNES SPIEL
Doch die Hoffnung, dass sich das Stadion auch bei Spielen der Männer öffnen möge, erfüllte sich nicht. Weder unter dem bis 2005 amtierenden Staatspräsidenten Mohammad Chatami, noch unter seinem Nachfolger Mahmud Ahmadinedschad oder dem heutigen Präsidenten Hassan Rohani. Denn das Stadionverbot für Frauen hat nicht die weltliche Staatsführung erlassen, sondern die übergeordnete religiöse Führung unter Ayatollah Ali Chamenei. Die Atmosphäre im Stadion sei zu vulgär für Frauen. Der Deutschlandfunk zitierte dazu im Juni 2017 einen führenden Geistlichen: „Wenn sich Frauen und Männer beim Sport versammeln – und wenn die Frauen sich dann aufregen, klatschen, pfeifen und in die Luft springen, das ist obszön. Die Verantwortlichen müssen wissen: Ihr Platz ist in der Hölle, sie bringen den Islam von seinem rechten Weg ab.“
Seit 2012 gilt das Verbote auch für Wrestling, Volleyball und Lokale bzw. öffentliche Räume, wenn dort entsprechende Fernsehübertragungen gezeigt werden. Denn Public Viewing erfreut sich seit der WM 2010 großer Beliebtheit. Dennoch gelingt es iranischen Frauen immer wieder, auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen – durch Plakate bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft wie etwa im März 2015 in Schweden, Protestbriefe an die Verbände und Berichte von erfolgreichen Stadionbesuchen in sozialen Netzwerken. „Manche Frauen gelangen in Verkleidung ins Stadion und veröffentlichen davon Fotos“, sagt Aktivistin Sara. „Andere sind verhaftet und zur Religionspolizei gebracht worden.“ Manche kommen mit Ermahnungen davon, doch es hat auch schon Haftstrafen von einem Jahr gegeben. Ob die religiöse Führung dabei den Willen der Bevölkerung exekutiert, ist fraglich. Eine der Frauen, die verkleidet ins Stadion gelangte, berichtete davon in einem Video. „Alle haben mitbekommen, dass ich eine Frau bin, aber es ist ihnen egal – wir haben Fotos zusammen gemacht. Ich hoffe, dass wir eines Tages einfach so Männerfußballspiele besuchen können.“
UNTERNEHMENSKULTUR
Der Widerstand kommt inzwischen nicht nur von Frauen. Teamkapitän Masoud Shojaei nutzte die Gunst der Stunde nach der WM-Qualifikation und forderte eine Aufhebung des Verbots. „Dann müssten wir Stadien für 200.000 Fans bauen, denn die Frauen haben eine große Leidenschaft für den Fußball“, sagte er. Ehemalige Teamspieler wie Ali Karimi und Farhad Majidi schlossen sich seinem Aufruf an. Als beim Qualifikationsspiel gegen Syrien weibliche Fans des Gastteams im Stadion zugelassen waren, berichteten darüber mehrere Zeitungen. Der Kommentator im staatlichen Fernsehen bedauerte während der Übertragung, dass iranische Frauen nicht dabei sein durften.
Auf den Brief der Open-Stadiums-Aktivistinnen antwortete Infantino, er habe ihr Anliegen bei Präsident Rohani vorgebracht. Eine von der FIFA in Aussicht gestellte Lockerung des Verbots wurde jedoch schon wenige Tage später vom Innenminister Abdulresa Rahmani Fasli dementiert. „Wenn etwas verboten ist, dann muss es bei dem Verbot auch bleiben“, sagte er. Das Vertrauen von Sara in die internationalen Verbände ist gering. „Ich bin von ihnen enttäuscht. Sie sind eher Unternehmen als Sportorganisationen.“ Bei der WM in Russland wären viele iranische Frauen nur zu gerne dabei, sagt sie, auch wenn die Reise sehr teuer sei. „Ich hoffe, dass die anwesenden Frauen eine Stimme für die Frauen sein können, die im Iran nicht ins Stadion dürfen.“